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15.04.2020, 10:22 Uhr
Louisa Nohr
Kultur trotz Corona
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Foto: Hajo Nohr

Aus dem aktuellen Romanprojekt „Querulant in Quarantäne“ von Louisa Nohr

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Foto: Daniel Tafjord / Unsplash | CC0

Louisa Nohr, Jg. 1992, hat in München Philosophie, Anglistik und Politikwissenschaft studiert. Sie schreibt derzeit an ihrer Promotion zu dem Thema „Konkurrierende Menschenbilder und politische Systeme in Christa Wolfs Der geteilte Himmel“ und ist als Redakteurin und Kleindarstellerin tätig. Louisa Nohr ist die Schwester des Fotokünstlers Hajo Nohr, mit dem sie aktuell an einem Fotoroman arbeitet. Aus aktuellem Anlass hat sie das Romanprojekt „Querulant in Quarantäne“ (Arbeitstitel) ihrem geplanten Debütroman vorangestellt, der ursprünglich im Frühjahr diesen Jahres fertiggestellt werden sollte. Das Literaturportal Bayern präsentiert daraus einen exklusiven Auszug.

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Die Geschichte spielt verrückt. Der Kalender nimmt Kurs auf die freundliche Jahreszeit. Aber historische Geschehnisse nehmen keine Rücksicht auf kalendarische Perspektiven. Einer der ersten Frühlingstage ist hereingebrochen. Die Luft ist mild, die Sonne heizt Nischen und freie Flächen auf, während im Schatten noch die Kälte der Übergangszeit lauert. Boden und Gemäuer haben die Temperaturen der vergangenen Wochen gespeichert. Und der nächste Luftzug erinnert den Sonnenbadenden daran, dass es die ersten, zarten Anläufe der wärmeren Monate sind, die ihn verfrüht in leichter Bekleidung vor die Türe gelockt haben. Unsere Wohnung liegt gen Osten hin ausgerichtet und um zwei Uhr wandert die Sonne bereits über das Dach hinweg, das dann seinen weiten Schatten über die Terrasse wirft und den Griff zu Schal und Socken gebietet. Saß ich eben noch mit einem luftigen Hemd an der Brüstung, die Augen geschlossen, der nussige Geruch zaghaft bräunender Haut in der Nase, so beginnt es mich augenblicklich zu frieren. Ich würde dem Radius der Sonne jetzt gerne folgen und meinen Verweilort wenn irgend möglich in südwestliche Himmelsrichtung ausrichten. Schien mein hiesiger Hort bis eben noch ganz behaglich, so bin ich nun schlagartig vom Geschehen des Lebens abgetrennt: Der Nachbarsgarten zu Fuße des Balkons hat immerhin noch bis vier Uhr Sonne, der Schatten des Dachs rückt sukzessive nach Osten hin vor, bis er am späten Nachmittag seinen dunklen Mantel bis über den angrenzenden Gartenzaun wirft. In diesem Schattenreich gilt es jetzt bis in die Abendstunden auszuharren. Und ich hoffe auf Regentage. Drei, vier Wochen Regen. Oder wie lange diese Isolation auch immer dauern mag. Die Geschichte spielt verrückt. Das war mein erster Gedanke im Rausch der verstörenden Bilder. Bilder, die sich vor meinen Augen abspielen und die meine Vorstellung gebiert. Eine Flut aus Zeitungsfotos und Fernsehaufnahmen, die sich mit den bildgewordenen Szenarien durchmischen, welche die auf mich einprasselnden Berichterstattungen und Ankündigungen in meinem Kopf erstehen haben lassen. Die Geschichte spielt verrückt...

17.22 Uhr: In italienischen Kliniken kommen anstelle von Beatmungsgeräten nun Taucheranzüge zum Einsatz. 17.24 Uhr: In den Favelas von Rio de Janeiro protestieren die Bewohner mit Topfschlagen an den Fenstern gegen das nachlässige Krisenmanagement ihres Präsidenten. Unser tägliches Corona-Update gib uns heute. Die News-Blogs konkurrieren derzeit darum, wer der ausführlichste und aktuellste Blog ist. Manche Ticker bieten bereits ein Abonnement an. Derweil raten Psychologen in den abendlichen Gesprächsrunden, den eigenen Wissensstand mit wohl dosierten Abständen auf den neuesten Stand zu bringen. Ich scrolle mich wie ein Junkie durch die Timeline. 17.32. Uhr: Die Familienministerin befürchtet eine rapide Zunahme häuslicher Gewalt; 17.35 Uhr: In Madrid fliehen Patienten aus Angst vor den Coronainfizierten aus den Krankenhäusern; 17.41 Uhr: 6 Millionen Schutzmasken sind auf dem Transportweg von China nach Deutschland beim Zwischenstopp auf einem kenianischen Flughafen verschwunden. Ich wechsle das Medium. Klappe den Bildschirm zu und schalte den Fernseher ein. Der nationale Gefangenenchor stimmt sein Klagelied an. Die Debatte, wann man wieder in den Normalbetrieb überleiten könne, ist voll entbrannt. Ich habe Angst vor dem Tag des Normalbetriebs. Ich habe vor allen möglichen Strategien Angst, weil jede dieser einen Schatten vorauswirft. – Die Verlängerung der Isolation verschattet die kommenden Tage, Wochen angesichts der beschnittenen Freiheit und stürzt die Wirtschaft in den Abgrund. – Die Lockerung der Maßnahmen und Teilisolation bestimmter Gruppen verschattet diesselben angesichts erneut in die Höhe schnellender Fallzahlen und stürzt das Gesundheitssystem in den Abgrund. Das eine macht mir so viel Angst wie das andere. Unsere Zukunft und die Angst haben einen Pakt geschlossen. Aber den uns bevorstehenden Anlauf fürchte ich im Zweifel noch etwas mehr. Das erleichternde Gefühl, Teil einer Schicksalsgemeinschaft zu sein, bildet einen Gegenpol zu dieser einschnürenden Angst. Es fällt allen ein wenig leichter, sich gegen die Fallhöhe der Decke über unseren Köpfen zu stemmen, weil wir nicht alleine vor dieser Herausforderung stehen. Weil ein jeder morgens mit diesem beklemmenden Gefühl aufsteht, den Tag in seiner Quadratur meistern zu müssen. Aber das Ideal virtueller Gemeinschaft und gedanklicher Verbundenheit ist zugegeben doch arg skelettiert. Die Menschen, sie wollen das echte Leben, die „Fleischeslust“, sind desolate Sinneswesen. Wir teilen die Isolation miteinander, sind in der Unverbundenheit einander verbunden. Aber wir sitzen hier jeder für sich als darbende körperliche Existenz. Zugleich verschonen wir uns als solche voreinander, darben lieber statt Qualen zu erleiden. Gehen auf Distanz zu einer Welt, deren Körperlichkeit eine ungeahnte Gefahr offenbart hat. Geteiltes körperliches Leid ist nicht halbes Leid. Körperliches Leid ist allumfassend. Ist die restlose Eingrenzung auf das eigene Ich und seinen elenden physischen Erfahrungshorizont. Sterben ist der erbarmungsloseste Moment der Vereinzelung. Wir gehen auf Sicherheitsabstand, weil sich niemand anderes für uns ins Bett legt, niemand anderes für uns diese Stunden durchsteht und um Genesung ringt. Umso mehr suchen unsere Seelen das Mit- und Füreinander, sind noch weniger fürs Vereinzeln gemacht. Handschlagen und Umarmen, Küssen und Kuscheln, nebeneinander und miteinander Schlafen – die Sinne müssen entsagen, können entsagen. Aber die Seele ist ein Nimmersatt, kann gar nicht genug kriegen von verbalen Streicheleinheiten und Liebesbekundungen. Telefonieren Sie mit Ihren Liebsten! Es gibt viele Möglichkeiten, den Kontakt zu halten!

 

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Die Zeit steht still: St. Thomas Morus-Kirche in München im April 2020 (c) Literaturportal Bayern

Darum echauffiert sich meine Mutter auch so, wenn sie in den Nachrichten die Diskussion um die Exit-Strategie verfolgt. Dass wir möglichst schnell zur Normalität zurückkehren. Dass nur noch die Risikogruppen isoliert werden sollen. – Was willst du machen?, sage ich. – Irgendwie muss es weitergehen... Sie telefoniert täglich mit Freunden, Nachbarn. Sie feilt an Kompensationsstrategien. Putzt vermehrt. Dekoriert Sofakissen um. Und wird begleitet von der Befürchtung, dass die von Angst und Einsamkeit gebeutelten schwachen Glieder einer, dieser Gesellschaft zusehen müssen, wie der privilegierte Rest wieder in den Alltag, in die Sonne, in das Leben hinausströmt; dass die solidarische Sippenhaft für die ohnehin schon übervorteilte Jugend vorzeitig aufgehoben werden könnte. Gleiches Recht, gleiches Leid für alle. Man solle sich dieses Szenario mal vorstellen, unkt sie. Außerdem sei in Italien gerade ein 13-Jähriger ohne Vorerkrankungen gestorben, in Frankreich eine 16-Jährige. Von wegen Ältere und Vorerkrankte. Das kann man ja wohl auch von dem Virus verlangen, dass er ein bisschen demokratischer agiert.

20.13 Uhr. Ich suche dem Staffellauf der Sondersendungen zu entrinnen. Im Karfreitagsprogramm stoße ich zur Prime Time auf Hacksaw Ridge – Die Entscheidung, einen religiös untersetzten Kriegsfilm von Mel Gibson. Ausgerechnet ein Film, der die wahre Geschichte eines gläubigen Sanitäters in der US Army erzählt, der in der Schlacht bei Okinawa 75 Kameraden das Leben rettete. Das sollte doch Mut machen. Der Mann schleift einen zerfetzten Körper nach dem nächsten vom Kriegsfeld, während rechts und links und vorne und hinten Bomben detonieren. Es geht schlimmer, als ein paar Wochen zu Hause zu sitzen und sich einen nicht enden wollenden Tag um die Ohren zu schlagen, denke ich mir. Dass es doch ein sehr kommoder Krieg ist, den wir hier durchstehen müssen. Alle Beine und Arme sind noch dran. Aus unseren Schädeln platzt nicht wie im Film der Gehirnbrei hervor. Und die Ratten fallen auch nicht über die aus unseren Bäuchen hervorquellenden Gedärme her. Ich glaube, das ist der schlimmste Kriegsfilm, den ich je gesehen habe: Weit aufgerissene Augen und Münder, Amerikaner und „Japsen“ schreien sich an und spießen sich auf, Blutwolken und Feuerstrahlen durchzucken das Geschehen. Das ist schlimmer als das Grauen rings um den Soldaten James Ryan. Das ist kein Schlachtfeld. Das ist ein Fleischsalat. Ein Metzgerswerk, durchwoben von rußigen Textilien und aufgewühltem Erdreich. Eine Bankrotterklärung der Menschheit, in deren grauenvollen Anblick die Heldentaten des Protagonisten verklingen. Die Auszeichnung des tapferen Helden in der Heimat, wo die Vögel wieder zwitschern und die Soldaten in gestriegelter Uniform auflaufen, kann mich als verstörten Zuschauer nicht über das Gesehene hinwegtrösten. Vielleicht wäre das Traumschiff im ZDF doch eine bessere Wahl gewesen. Zeit, schlafen zu gehen. Das Licht und die Fernsehbilder zu löschen.

 

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Marienplatz, April 2020 (c) Literaturportal Bayern

Es wirkt ein bisschen wie nach einem Reaktorunfall. Aber die Luft riecht so frisch, der Himmel scheint klarer. Die Tauben hatschen über den Asphalt, hüpfen an den Fassaden entlang. Die Fußgängerzone atmet auf, der Rathausplatz wirkt wie blank geputzt. Die surreale Szenerie ist beklemmend, verstörend, irritierend – vereinzelt ein Passant, ein Jogger; als wären wir die letzten Menschen auf dieser wieder zu sich findenden Erde, die sich ihrer parasitären Geschöpfe entledigt. Fridays for Future sind auch in den Corona-Ferien. Dürfen bis auf Weiteres die Zeit für sich arbeiten lassen. Es ist beklemmend, aber auch phantastisch, im wörtlichen Sinne groß-artig. Ich und die Stadt, die Stadt und ich. Allein mit dem friedlichen Ungeheuer. Dem Ungetüm mit seinen unterirdischen Schächten, Rohren, Leitungen, den weit verzweigten Verkehrsadern und den die Lüfte erobernden Komplexen aus Büro-, Kauf- und Wohnhäusern, den verstreuten historischen Kirchen, Bauten und Denkmälern, den versprengten Grünstreifen und Parkanlagen – das Ungetüm liegt einfach nur da und gluckert und surrt leise und zufrieden vor sich hin. Ich setze meine Tasche ab und atme tief ein. Stehe eine Weile dort, lasse die Eindrücke auf mich wirken, bis ein Polizeiauto im Schritttempo über den Platz gefahren kommt. Der Beifahrer lässt die Fensterscheibe herunter, langsam rollt das Auto vor. Was ich hier machen würde, fragt der Mann. Ich antworte, dass ich auf dem Weg nach Hause sei. Wo das sei und woher ich käme. Bei meinen folgenden Angaben wird der unnötige Umweg sofort ersichtlich.

– Ja, ich stehe hier vor dem Rathaus, auf dem Weg nach Hause, ich weiß, das klingt absurd... aber was klingt nicht absurd in diesen Tagen, frage ich Sie.

Wir verhandeln ein Bußgeld aus. Ich sehe nicht ein, warum ich löhnen soll. Ich habe mich an die Regeln gehalten, bin alleine unterwegs und habe einen triftigen Grund. Ein triftiger Grund ist auch, spazieren zu gehen. Man darf in Bayern und im Saarland alleine spazieren gehen oder innerhalb desselben Hausstands. Sogar seinen Lebenspartner, mit dem man nicht zusammenlebt, darf man besuchen. In allen anderen Bundesländern... zu zweit. So habe ich das verstanden. Der Polizist antwortet, dass die Beschränkung bereits wieder aktualisiert worden sei. Ein Spaziergang sei nicht länger ein triftiger Grund. Der Argumentationsgang unserer Verhandlungen wird immer fadenscheiniger, das Bild des Polizisten, der aus seinem Autofenster guckt und lamentiert immer glasiger, schemenhafter, seine beharrende Stimme ferner, unwirklicher. Es fühlt sich warm und weich um mich herum an, nur mein Nacken schmerzt, und meine Kehle ist trocken. Ich blinzele. Mein Kopf hängt halb verdreht über der Matratze hinaus. Ich bin durstig, aber noch zu benommen, um mich aufzurichten. Ich rücke meinen Kopf zurecht und ziehe die Decke noch weiter über die Schultern. Ein neuer Tag will gelebt werden. Kein Grund zum Trübsalblasen, meint die Netzgemeinde. Die häuslichen Schränke und Schubladen laden zu allerhand kreativen und nützlichen Beschäftigungen ein. So finde man endlich Zeit, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu lesen. Außerdem könne man die häusliche Bibliothek alphabetisch oder thematisch oder farblich ordnen. Dabei stolpert man mit Garantie über eine ganze Reihe weiterer Bücher, deren Lektüre einmal auf unbestimmte Zeit verschoben worden war. Wer lebenspraktischer veranlagt ist, kann statt sein Buchregal zu systematisieren, seine Hamsterkäufe nach Datum sortieren. Überhaupt gibt es jetzt keine Ausrede mehr für den Frühjahrsputz. Und dieses Jahr darf dieser wirklich gründlich ausfallen: Fliesenfugen mit einer alten Zahnbürste schrubben. Krümel aus dem Gewürzschrank lesen. Waschmaschinensieb reinigen. Fußleisten abstauben. Teekocher entkalken. Außerdem ist es jetzt an der Zeit, sich für die Tücken des Alltags zu wappnen. Habe ich eine Hausratsversicherung? Wann habe ich das letzte Backup meiner Dateien angefertigt? Ist der Sicherungskasten richtig beschriftet? Funktioniert die Armada an Kugelschreibern noch, die aus meinem oberen Schreibtischfach quillt? Insbesondere frau hat nun Gelegenheit die Schubladen im Bad von den Unmengen an einstaubenden Haarkuren und Gesichtsmasken zu befreien und den Cashmerepullover von lästigen Wollknöllchen zu befreien. Bleiben noch zahlreich andere kreative Optionen. Man könne jetzt schon Weihnachtskarten basteln. Was man hat, hat man. Und dieses Jahr möchte man vielleicht auch Osterkarten verschicken. Und nicht zuletzt will auch die Steuererklärung erledigt werden... Der Hausstand eröffnet eine unbegrenzte Welt der Beschäftigungstherapie. Allein die Lust will sich bei mir nicht einstellen. Ratlosigkeit und Unentschlossenheit führen eine ganze Nation stattdessen zur vollen Stunde vor dem heimischen Fernsehbildschirm oder neben den Lautsprechern des Radiogeräts zusammen und drängen sie zum unablässigen Blick in das letzte Nachrichtenupdate im Netz. Gefasst, gespannt, in hoffnungsvoller oder negativer Erwartung neuer Bilder. Bilder, die über die Bildschirme flimmern oder die Zeitungsartikel durchweben, Bilder die aus den Darstellungen der Fernsehjournalisten und Netzreporter in unserer Vorstellungskraft zu beunruhigenden Projektionen der monströsen Manifestationen einer unsere häusliche Schutzzone umstellenden unsichtbaren Gefahr auswachsen. Bilder von Zeltstädten im New Yorker Central Park, von Gabelstaplern, die die Leichen an den Hinterausgängen der Kliniken in die Kühllastwägen hieven, von Strafgefangenen, die Massengräber ausheben. Und dann gibt es da auch noch die anderen Bilder. Wie eine Fotoaufnahme aus Venedig. In der Lagunenstadt schwimmen angeblich Delfine durch die Kanäle; das Wasser hat sich in Zeiten menschenleerer Gassen aufgeklart. Du zauberhafte Endzeit...

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