Zehn Jahre Finanzkrise – Der Schriftsteller Thomas Palzer philosophiert über: Geld

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2018/klein/muenzen500.jpg

Der Schriftsteller Thomas Palzer arbeitet, oft unter philosophischen Fragestellungen, neben dem literarischen Schreiben auch als Autor für Radio und Fernsehen. Für seinen Roman Ruin erhielt er 2005 den Tukan-Preis. Zuletzt veröffentlichte er den Roman Nachtwärts und das Essaybuch Vergleichende Anatomie. Im Literaturportal Bayern reflektiert Thomas Palzer regelmäßig über philosophische Themen. Im sechsten Teil seiner Kolumne beschäftigt er sich mit dem (Un-)Wert des Geldes und der Verherrlichung des Vermögens. Anlass ist ein Jahrestag: Diesen Herbst vor zehn Jahren brach mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Banken- und Finanzkrise los.

*

Bewunderung zeigen die Menschen nur für das Unverdiente – was verdient ist (in jedem nur denkbaren Sinne), wird niemals angebetet, verherrlicht, vergöttert. Ein Vermögen lässt sich nicht verdienen. Ein Vermögen bekommt man geschenkt – oder man hat keins.

Was wäre auch ein Vermögen, das seinen Grund in Leistung hat, in Anstrengung oder gar Arbeit? Es wäre verdient, wäre Geld wert, also nichts. Erfolg durch Schweiß, sagt Wallace Stevens, ist ein plebejisches Ideal. Wer hingegen von Natur aus mit Talenten gesegnet ist – wer schön ist oder geistreich oder begabt –, der hat sich diese Talente nicht verdient, er hat sie geschenkt bekommen, einfach so, wird folglich bewundert. So geht die Logik des Vermögens.

Ein Talent kann sich jederzeit und überall der Gunst der Mitmenschen sicher sein. Nicht von ungefähr benannte in der Antike der Begriff Talent Maß und Währung. Denn es ist überhaupt nur das Talent, das etwas zu gewährleisten vermag und für etwas einstehen kann. Währungen, die nur auf Vereinbarung beruhen, also echtes Geld, sind immer Gefahren ausgesetzt – dem galoppierenden Vertrauensverlust, der Überproduktion (wozu man Inflation und Hyperinflation sagt), der grundstürzenden Währungsreform, dem Kollaps, dem scheibchenweisen Diebstahl – und anderem mehr. Geld ist halt nichts wert.

 

 

 

Ein Talent kann weder gestohlen werden, noch kann es inflationär an Wert verlieren. Ein Talent, sofern das in einer Welt wie der unseren überhaupt möglich ist, ist unzerstörbar, nicht delegierbar, nicht elektrifizierbar, unteilbar, nicht verhandelbar. Ein Talent ist alles. Es ist tatsächliches und absolutes Vermögen. Wer kein Talent hat, ist arm dran – und das gerade dann, wenn er über haufenweise Geld verfügt, ja, wenn er im Geld schwimmt.

Das häufigste Motiv früher Münzen war das Opfertier. Wie das Opfertier ist auch das Geld Sündenbock. Geld verrechnet – das eine mit dem anderen (der Sündenbock verrechnet die Sünden mit der im Opfergang einbeschlossenen Reue). Geld ist reine Formsache. Es selber ist nichts – kann aber alles bedeuten. Ein Talent ist ganz anders: Es bedeutet nichts, denn es ist selbst die Bedeutung.

 

 

 

In God we trust steht bekanntlich auf Dollarnoten zu lesen – ein Satz, der interessanterweise nicht für Vertrauen in die theologische, sondern für Vertrauen in die fiskalische Fiktion wirbt. Wir vertrauen darauf, dass wir für Banknoten Waren und Dienstleistungen bekommen. Im Geld und vor allem in dem Vertrauen, welches wir in Geld setzen, verschränken sich Sinn und Sein. Die Dinge werden von ihrer puren Positivität erlöst und bekommen einen – Wert. 

Geld verschafft Geltung. Es gilt. Wenn etwas gilt, ist es etwas wert. Geld garantiert Gewährleistung. Gewährleisten heißt: Du kannst mir vertrauen, ich hafte dafür. Etymologisch ist der Begriff Währung eine Ableitung des Begriffs Gewährleistung.

Aber jeden Wert folgt als logischer Schatten die Entwertung, der Unwert, die Abwertung. Und irgendwann wird alles von seinem Schatten eingeholt und annulliert.

Unsere Ökonomie funktioniert genau falsch herum. Arbeit, Anstrengung, Mühsal, Hetze, Arbeit – in Wahrheit ist all das nichts wert. Es dient nur dem Dienst am Verdienst. Wer Geld verdient, hat sich zum Diener des Geldes gemacht. Wir haben uns daran gewöhnt, zur totalen Wertlosigkeit Geld zu sagen.

Bewunderung, Verherrlichung, Anbetung – das verdient nur das Talent. Weil es unverdient ist, eben ein Vermögen, ein Schatz.

 


Externe Links:

Autorenwebsite

Romansauszug Nachtwärts

Verlagswebsite ars vivendi

Autorenseite bei Matthes & Seitz


Kommentar schreiben