Ernst-Hoferichter-Preise 2013

Der Stiftungsbeirat der Ernst-Hoferichter-Stiftung beschloss in seiner Sitzung am 12. Oktober, die Hoferichter-Preise 2013 in Höhe von je 5.000 Euro an den Autor Gerd Holzheimer und die Kabarettistin Luise Kinseher zu vergeben. Die Preisverleihung findet am 15. Januar 2013 im Rahmen einer geschlossenen Festveranstaltung im Literaturhaus statt.

Die Ernst-Hoferichter-Preise wurden von Franzi Hoferichter, der Witwe des Münchner Schriftstellers, gestiftet. Mit ihnen werden seit 1975 jedes Jahr freischaffende Münchner Künstlerinnen und Künstler aus dem Bereich Literatur und Kabarett ausgezeichnet, die – wie Ernst Hoferichter – Originalität mit Weltoffenheit und Humor verbinden. Dem Stiftungsbeirat, der als Jury fungiert, gehören der Kulturreferent der Landeshauptstadt München, Dr. Hans-Georg Küppers (Vorsitz), der Leiter der Münchner Stadtbibliothek, Dr. Werner Schneider, sowie Wolfgang Görl, Dr. Brigitta Rambeck, Michael Skasa und Christian Ude an.

Mit dem Ernst-Hoferichter-Preis wurden bisher über 80 Persönlichkeiten ausgezeichnet, darunter Herbert Achternbusch, Ernst Augustin, Doris Dörrie, Axel Hacke, Jörg Hube, Bruno Jonas, Ellis Kaut, Erwin Pelzig, Maria Peschek, Ponkie, Gerhard Polt, Herbert Riehl-Heyse, Herbert Rosendorfer, Tilman Spengler, Keto von Waberer, Konstantin Wecker, die Wellküren und zuletzt Jörg Maurer und Hans Pleschinski.

 

Jurybegründung Gerd Holzheimer

Wenn man den Holzheimer erreichen will oder gar müsste, bekommt man oft die Nachricht: „Bin gerade in Rom … komme  soeben aus San Francisco ... bin auf dem Sprung nach Toledo“. Und wenn man ihm schreibt, dass man nun selber ein paar Wochen lang nicht erreichbar sei, weil in Brasilien, erhält man gleich eine Reisebeschreibung aus erster Hand über all die „Sehnsuchtsorte“ dort. Die Heimat aber ist Bayern - und der Nährboden für Gerd Holzheimers Romane, Essays und essayistischen Lexika, die mit unverkennbar bajuwarischer Sprachmelodie unverkennbar bajuwarische Orte und Zustände teils liebevoll, teils satirisch porträtieren (u.a. Niederwahna, Krachen lassen. Archaische Rituale in Bayern, Wider den genitalen Ernst, Tagmeiers Mütze).

Ein Reisender und Wanderer ist Gerd Holzheimer von Kind an – damals an der Hand seines Vaters, eines Landvermessers –, und eine „Poetik des Gehens“ war das folgerichtige Thema seiner philosophischen Doktorarbeit. Er ist ein Wissenschaftler mit Witz, ein Chronist mit Poesie, ein Beobachter, Recherchierer und Fabulierer, der das Skurrile und Absurde, das Poetische und Kracherte überall auf der (bayerischen) Straße findet, überall in der Geschichte und in der Gegenwart, und es hineinholt in seine Bücher. Und er ist – mit seinem genuinen bayerischen Sprachverständnis und seinem hintersinnigen Humor – ein ebenso akribischer wie inspirierter Autor von Biographien und Essays über Persönlichkeiten wie Oskar Maria Graf und Gerhard Polt. Kurz und gut: Für Gerd Holzheimer ist der Ernst-Hoferichter-Preis, der Originalität, Weltoffenheit und Humor auszeichnet, unvermeidlich.

Gerd Holzheimer, geboren 1950 in München, studierte nach einer Lehre in einem ökologischen Landwirtschaftsbetrieb Germanistik, Geschichte, Politische Wissenschaften und Philosophie, promovierte und arbeitete dann als Lehrer und Lehrbeauftragter für Neuere Deutsche Literatur und Bayerische Literaturgeschichte sowie als Autor für Funk, Fernsehen und Printmedien. Er hat mehrere Bücher und literaturwissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Zur Zeit hält er nebenbei mit vollem Engagement die Zeitschrift Literatur in Bayern am – qualitätvollen – Leben.

 

Jurybegründung Luise Kinseher

Luise Kinseher? Gibt es die überhaupt? Oder handelt es sich um ein Team, eine Theatertruppe, die aus mehreren Künstlerinnen besteht? In diesem Fall hieße die eine Helga Frese, eine friesisch-herbe Trenchcoat-Dame, eine andere wäre die nervend-quietschfidele Kichererbse Gitti Lachner, dann gäbe es noch die Rauschkugel Maria oder die beflissene Nörglerin Frau Rösch. Aber, richtig geraten: All diese Frauen sind Geschöpfe Luise Kinsehers, bei der es sich, das lässt sich nun doch behaupten, um eine real existierende Person handelt. Die Menschen, die sie verkörpert, sind Typen, wie man sie überall trifft – in der Kneipe, im Büro, auf der Straße. Sie plappern und schwadronieren über alltägliche Dinge, doch bei genauerem Hinhören nimmt der Zuschauer wahr, dass in dem Gequatsche noch ein zweiter Text mitschwingt. Dieser handelt von Sehnsüchten, Glück, Ängsten oder Hoffnungen. Was Kinsehers Figuren auf Trab hält, sind die Zumutungen, die Politik und Wirtschaft den Menschen auferlegen.

Wer solche Typen überzeugend auf die Bühne stellen will, muss nicht nur ein guter Darsteller sein, sondern gute Texte haben. Luise Kinseher versteht es, präzise zu formulieren, dem Alltagsgerede ihrer Figuren einen doppelten Sinn zu geben. Wie bei Sigi Zimmerschied, einem ihrer Vorbilder, über den sie auch ihre Magisterarbeit geschrieben hat, verrät allein die Sprache ihrer Figuren viel über deren Haltung und Charakter. Wenn etwa die Frau Frese über das Muckertum ihres Mannes herzieht, offenbart sie unwillkürlich ihre eigene Kleinbürgerlichkeit. Dass diese Charakterisierungen nie von oben herab geschehen, sondern mit Einfühlungsvermögen und Selbstironie, gehört zur großen Kunstfertigkeit Luise Kinsehers.

Luise Kinseher wuchs im niederbayerischen Geiselhöring auf und studierte in München Germanistik, Theaterwissenschaften und Geschichte. Von 1993 bis 1998 war sie Ensemblemitglied der Iberl-Bühne. Seit 1998 ist sie mit ihren Kabarettprogrammen auf deutschen Bühnen unterwegs, derzeit mit „Hotel Freiheit“ und „Einfach Reich“. Sie war in mehreren Fernsehserien von Franz Xaver Bogner und in Filmen von Erwin Pelzig und Marcus H. Rosenmüller zu sehen, spielte 2010 auf dem Nockherberg erstmals die Rolle der Bavaria und hielt 2011 in dieser Rolle als erste Frau die Salvatorrede.



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