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21.10.2026, 11:30 Uhr
Volha Hapeyeva
Rezensionen

Rezension zum Roman „Die Kugel“ von Klára Vlasáková

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© Nagel & Kimche

Tschechien ist in diesem Jahr Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse. Im Zuge dessen erscheint nun auch Klára Vlasákovás bereits 2020 publizierter Debütroman unter dem Titel Die Kugel (Nagel & Kimche 2026) auf Deutsch. Die Autorin Volha Hapeyeva hat das Werk für das Literaturportal Bayern gelesen.   

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In diesem Jahr ist Tschechien Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse und in Bayern – sechs Künstlerinnen und Künstler aus der Tschechischen Republik erhielten ein Residenzstipendium in der Bamberger Villa Concordia. Die tschechische Literatur zählt zwar zu den sogenannten „kleinen“ Literaturen, ist in Europa jedoch recht gut bekannt: Karel Čapek, Vaclav Havel, Milan Kundera und natürlich Kafka, der für deutschsprachige Leser:innen von großer Bedeutung ist. Von München nach Prag sind es etwa fünf Stunden mit dem Zug. Aber kennt die deutsche Leserschaft die zeitgenössische tschechische Literatur?

Manch einer hat vielleicht schon die Namen Jáchym Topol oder Radka Denemarková gehört, aber kaum den Namen Klára Vlasáková, eine junge Autorin, die als Script Editorin beim Tschechischen Fernsehen arbeitet, Theaterstücke verfasst und literarische Werke für den Hörfunk adaptiert. Das Buch, um das es in diesem Text geht, ist Vlasákovás Debütroman, 2020 in Tschechien erschienen und 2026 nun in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Kugel.

Alles beginnt damit, dass in einer mittelgroßen Stadt etwas Seltsames auftaucht – ein großes, phosphoreszierendes Objekt, etwa drei Meter im Durchmesser, das ein paar Fußbreit über dem Boden schwebt. Niemand kann dieses seltsame Phänomen erklären. Es werden Debatten geführt, Versuche unternommen, es zu manipulieren, doch alles vergeblich. Die Kugel lässt sich davon nicht im Geringsten beeindrucken.

Ab dem zweiten Kapitel stellt uns Vlasaková ihre Figuren vor; die Kapitel tragen zunächst auch deren Namen: Oto, Lara, Ema, Lidka – und bislang handelt es sich um eigenständige Charaktere, deren Wege sich, wie man bereits ahnen kann, kreuzen werden.

Oto ist alleinerziehender Vater von Oskar und Lidka. Eines Tages lernt er Ema kennen und sie werden zu einer Familie, nach ein paar Jahren wird Kristýna geboren, ihr gemeinsames Kind. Parallel läuft die Lebenslinie von Lara. Wir lernen sie als Teenager kennen, treffen sie später als junge Frau, die rechtzeitig bremst und Kristýna nicht anfährt, die nach ihrem Besuch der Kugel auf die Autobahn gerannt war.

Der vielversprechende und fesselnde Anfang mit futuristisch-fantastischen Elementen regt die Fantasie der Leser:innen an, man versucht zu erraten, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. Am lebhaftesten und emotionalsten ist das Kapitel über Lara und ihre Freund:innen Štefan, Markéta und die Zwillinge Kateřina und Jáchym – auch über den Tod ihrer Mutter, die Freundschaft sowie darüber, wie diese Freundschaft zerbricht. Während Vlasáková die Jugendlichen und Episoden aus ihrem Leben hervorragend zeichnet, ist eine solche Überzeugungskraft in der Beschreibung der fünfjährigen Kristýna und deren Beziehung zu ihren Eltern und Geschwistern nicht mehr zu erkennen.

Die Titel einiger Kapitel erinnern an Szenenbeschreibungen aus einem Drehbuch: wie „Ema kommt aus dem Büro nach Hause“ oder „Die Schule wird geschlossen“. Dies lässt sich möglicherweise durch den Drehbuch-Hintergrund der Autorin erklären. Es ist jedoch nicht ganz klar, warum einige Kapitel den Oberbegriff „Intermezzo“ tragen, da sie nicht wie eine Abkehr vom Hauptthema (Kugel) oder wie eine „Atempause“ wirken. 

Die montageartige Erzählung funktioniert anfangs gut, aber die Handlung verliert dann zunehmend an Schwung. Die Figuren ähneln einander in ihrer Apathie und Niedergeschlagenheit immer mehr. Gegen Ende des Romans taucht eine Hitzewelle auf, die mit nichts Besonderem in Verbindung gebracht oder beschrieben wird – sie wird lediglich erwähnt. 

Themen, über die man nachdenken könnte, enden, bevor sie richtig begonnen haben: Nicht ganz verständlich ist zum Beispiel die Geschichte mit den Medikamenten, die die Figuren einzunehmen beginnen. Ist das die Kritik an Antidepressiva oder Opioiden oder noch etwas? Lara und Kristýna verfallen in Lethargie – warum gerade sie, wird nicht klar.

Gleichzeitig schildert die Autorin einige Szenen auf faszinierende Weise: zum Beispiel die Szene, in der Lara nach dem Beinaheunfall auf der Autobahn bei Oto und Ema zu Besuch ist:

Plötzlich überkommt Lidka das Bedürfnis, diese Frau an sich zu ziehen und so lange festzuhalten, bis sämtliche Schichten der Höflichkeit und Steifheit – das Geschenke-Mitbringen, das An-den-Tisch-Setzen, das Essen-Servieren, all die erwartbaren Fragen und ebenso erwartbaren Antworten – eine nach der anderen abfallen und sie somit zu dem unverhüllt Nackten, Schrecklichen und eigentlich Wesentlichen vorstoßen, das an jenem Tankstellen-Nachmittag alle nur aus dem Augenwinkel mitbekommen haben.

Oder als Lara sich nach einigen Jahren wieder mit Štefan trifft und sie sich an die Tragödie erinnern, bei der Lara beinahe ertrunken wäre:

Sie nehmen lediglich den Nachmittag Minute für Minute auseinander, begutachten jede kleinste Erinnerung, die sie dann mit all den anderen zu einem riesengroßen Ganzen zusammensetzen. Immer wieder fügen sie neue Details hinzu, Farben, Geschmäcker, Gerüche, sodass ihnen diese wenigen Stunden am Ende wahrhaftiger und glaubhafter erscheinen als alles andere, was sie in ihrem Leben erlebt haben.

Die Übersetzung liest sich leicht und angenehm. Nicht umsonst erhielt die Übersetzerin Sophia Marzolff ein Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern 2025 für literarische Übersetzerinnen und Übersetzer, und die Jury lobte ihre Arbeit als „souverän und feinfühlig“. Marzolff hat Romanistik und Slawistik studiert und seit 2004 ist sie als Literaturübersetzerin aus dem, Französischen und Italienischen in München tätig.

Im Original lautete der Titel des Romans Praskliny (Risse). Man fragt sich, warum (ein Marketing-Trick?). Denn beim Lesen denkt man an nichts anderes als an diese Kugel und wünscht sich, dass die Figuren irgendwie mit ihr interagieren oder dass sie sich verändert – aber es passiert nichts. Hätte der Roman also denselben Titel wie im Original würden die Leser:innen sich auf etwas anderes konzentrieren und darüber nachdenken, warum es „Risse“ gibt, wo sie sind, was sie symbolisieren usw. Für den Originaltitel spricht auch das letzte Kapitel, das den Titel „Risse“ trägt und gewissermaßen versucht, die Bedeutung des Titels zu erläutern. 

Als Debütroman verdient das Buch durchaus Lob, da es das Potenzial der Autorin zeigt. Doch die Elemente aus verschiedenen Genres (Science-Fiction, Gesellschaftskritik, Dystopie) sind fragmentarisch und unzureichend begründet, sodass die Geschichte letztlich irgendwo in der Luft hängen bleibt – ähnlich wie die Kugel im Roman.

Klára Vlasáková: Die Kugel. Roman. Übersetzt von Sophia Marzolff. Nagel & Kimche 2026, 288 S., ISBN: 9783312014941.

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