Die Überlebenden

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Alle Bilder © Nadja Krasnjaschtschich

Der Schriftsteller und Literaturkritiker Andrej Krasnjaschtschich wurde 1970 in Poltawa, Ukraine, geboren und wuchs in Charkiw auf. Nach dem Studium an der dortigen Philologischen Fakultät wurde er mit einer Arbeit über Ulysses von James Joyce promoviert und arbeitete als außerordentlicher Professor. Bedingt durch den Krieg zog er mit seiner Familie 2022 zurück nach Poltawa. Krasnjaschtschich war Teilnehmer bei „Eine Brücke aus Papier“ in Weimar 2022.

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Das Wort „Flüchtling“ kommt nicht von „flüchten“, sondern von „fürchten“, sagt Nadja. Wir sind keine Flüchtlinge, sondern Umsiedler, aber das macht keinen Unterschied. 

Dem Anschein nach starke Männer. Ordentlich angezogen. Aber wer sieht schon, wie ramponiert sie unter der Kleidung sind. Und auch innen drin. Sie stehen ja um Kleidung an. Oft um Frauenkleidung. Solche für Männer wird kaum irgendwo verteilt. Frauen- und Kinderkleidung. Und Schuhe. Die Frauenkleidung geben sie an die Frauen ab, aber es gibt auch unisex. Wenn sie das Hemd über der Hose tragen, sieht man nicht, auf welcher Seite der Knopf ist. Das Gefühl enormer Demütigung haben sie verdrängt – schon im Keller, wo alle in denselben Eimer gemacht haben. Von den anderen wurde bloß verlangt, sich abzuwenden.

Und so zu tun, als wäre alles ganz normal. Selbst wenn der Keller mit dem ganzen Haus erbebte. Auch jetzt tun alle so, als wäre alles okay, alles ganz normal. Schließlich ist es ja ganz normal, für Kleidung anzustehen.

In ein paar teuren Restaurants können Umsiedler umsonst essen. Mit der Bescheinigung für Binnenvertriebene (VPO)1 und dem Pass. Manchmal auch ohne. Man rümpft dort über niemanden die Nase. Es kommen ganz unterschiedliche Leute. Streng riechende Obdachlose. Und die, die das Auto um die Ecke geparkt haben, riechen nach Benzin und Rasierwasser. Die Düfte vermischen sich nachbarschaftlich. Die Leute an ihren Tischen vermischen sich zum Babylon XXI2. 

Die Siebenten-Tags-Adventisten verteilen Weißbrotstangen. An alle, auch an Atheisten. Den Adventisten ist es untersagt, sich politisch zu engagieren, Waffen zu tragen, Fleisch zu essen, Kaffee zu trinken oder zu rauchen.

Niemand fragt, warum ausgerechnet Weißbrotstangen. Aber sie schmecken gut. Sehr gut sogar.

Auch die Bäckereien verteilen Weißbrotstangen. Kleine Lieferwägen kommen herangefahren, öffnen sich und das Brot wird an die Leute in der Schlange verteilt, die sich um diese Uhrzeit am angegebenen Ort gebildet hat.

Auch hier bekommen alle etwas. Nach einer Vertriebenenbescheinigung wird nicht gefragt.

Hauptsächlich kommen ältere Leute. Den Jungen ist es peinlich, sich für kostenloses Weißbrot anzustellen. Pro Person bekommt man viel Weißbrot. Soviel man will. Die Älteren tragen es nach Hause zu den Jungen. Zuhause ist es den Jungen nicht peinlich. Haben die Älteren zu viel mitgebracht, rösten sie Brotwürfel. Für die Fleischbrühe der Jungen.

Das „Rote Kreuz“ verteilt polnische Lebensmittel. Mit einem Rotkreuz-Aufkleber und der Aufschrift: „Nicht zum Weiterverkauf.“

Ab sechs, sieben Uhr morgens bildet sich eine Schlange. Um Zettel. Mit Nummern. Täglich werden etwa hundert vergeben.

Eine zweite Schlange steht mit den Nummern an. Dort bekommt man Lebensmittel. Für die ganze Familie. Abhängig davon, ob es in der Familie Kinder, Behinderte oder Alte gibt. Wenn vorhanden, bekommt man zusätzlich zu den polnischen Lebensmitteln einen Rotkreuz-Verbandskasten und Hygieneartikel. Windeln für Alte und kleine Kinder.

Jedes Mal sind es andere Lebensmittel. Was gerade da ist. Sonnenblumenöl, für eine große Familie in der Zweiliterflasche. Eine Packung Nudeln. Ein Kilo Zucker. Ein halbes Kilo Salz. Gebäck. Dosenfisch. Eingemachtes Fleisch. Gezuckerte Kondensmilch. Ein Päckchen Tee. Ceylon-Tee, aber aus Polen. Italienischer Zwieback. Ein Glas Aprikosenmarmelade. Italienisch. Säuerlich im Vergleich zu der leckeren süßen von Oma. Die es im Keller gab, wo sie einen Monat festsaßen und an der sie sich übergegessen haben. Eingemachtes Fleisch und Konserven hat es im Keller nicht gegeben. Kartoffeln und Kohl schon. Und Karottenfrikadellen, wenn sie es schafften, aus dem Keller nach oben zu gehen und sie zuzubereiten.

Wann man das nächste Mal kommen kann, sagt das Rote Kreuz einem nicht. Die Umsiedler fragen nicht. Stattdessen gehen sie das nächste Mal zur Caritas, das sind hier die Griechisch-Katholischen. Aber wie die Adventisten geben sie allen etwas. Egal, welchen Glauben man hat. Hier glauben alle an eins: Wir haben überlebt, jetzt halten wir durch. Mithilfe von Sozialhilfe und Schlangestehen. Hier haben alle den Glauben der Roma. Die Roma kommen, drängeln sich vor, „wir waren zuerst da“, und nehmen sich Zettel für ihre ganze Familie. Roma haben große Familien. Nicht alle, die seit sechs Uhr anstehen, bekommen etwas ab.

Als die Caritasler 2200-Hrywnja-Voucher für die Supermarktkette Silpo verteilten, mussten die Roma in der Schlange stehen wie alle anderen. Die Roma kamen aus dem Oblast Lugansk. Wie alle anderen sind sie Flüchtlinge. Man könnte meinen, dass den Roma das Flüchten leichter fällt. Aber wir schreiben das 21. Jahrhundert: Statt traditionellen Planwägen gibt es Häuser. Statt Lagern ganze Viertel, die von Roma bewohnt werden. Ganze Viertel gibt es in ihrer Stadt nicht mehr.

Im Kulturpalast wird humanitäre Hilfe verteilt. Junge Frauen, die wie Models aussehen, führen Kleidung vor. Wenn man an die Reihe kommt, kommt eine der Model-Frauen und führt durch den Saal. Da ist Kindersommerkleidung in Kartons, hier sind Frauenhosen. Für die Saison Frühling/Sommer 2022.

Zuhause in Charkow würden sie zum Peeling gehen, zum Sugaring, ins Gym. Das tun sie hier auch. Aber sie kommen auch hierher zum Helfen. Die Umsiedler freuen sich über den Anblick. Zudem beraten sie gut. Haben Adleraugen, wissen gleich, was wem passt. Einen Personal Shopper hatten die Umsiedler hatten noch nie. Viele von ihnen hatten diesen Ausdruck noch vorher nicht gehört.

Noch nie hat die Stadt so sehr nach Second-Hand gerochen. Auf den Hauptstraßen. Wo man abends und tagsüber promeniert. Der Geruch ist hartnäckig, mit ein oder zwei Wäschen bekommt man ihn nicht raus. Elegant gekleidete Leute freuen sich über jede Begegnung, führen Gespräche. Kinder rennen herum. Alte schauen in den Himmel. Er ist klar und licht. Sie verweilen ein wenig, gehen weiter. Bis zum Ende der Fußgängerstraße und zurück. Fängt der Alarm an zu heulen, halten sie sich an die Einheimischen, die ihn ignorieren. An die Verkäufer. Und gehen langsam weiter. Den Blick in den Himmel gerichtet.

Poltawa ist die Stadt der Kastanienbäume. In der Allee sammelt eine alte Frau Kastanien. Zu den Vorübergehenden sagt sie: „Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, aber sie sehen so schön aus“ – als müsste sie sich rechtfertigen. Eindeutig eine Umsiedlerin.

In Friedenszeiten zu Hause haben die Umsiedler sich nicht um ihre Gesundheit gekümmert. Haben das auf später verschoben. Waren zu sehr mit Alltagsangelegenheiten beschäftigt. Jetzt haben sie kein Haus mehr und nichts mehr zu erledigen. Sie haben überlebt. Jetzt müssen sie weiterleben. Sie erinnern sich an ihre chronische Rhinitis. Arthritis. Kurzatmigkeit. Die seit der Kindheit unbehandelte Allergie. Das Karpaltunnelsyndrom im linken Handgelenk von der Computerarbeit.

Sie lassen ein EKG machen. Bluttests durchführen. Auch andere Untersuchungen. Eine Impfung auffrischen: Sie ist Ende Februar abgelaufen. Sie suchen einen Arzt nach dem anderen auf.

In den Polikliniken sitzen die Umsiedler lange im Wartezimmer. Bei sämtlichen Fachärzten. Auch unter ihnen sind viele Umsiedler. Sie haben hier Arbeit gefunden. Auch sie lassen sich von Fachärzten behandeln.

Wie viele Leute haben einander gefunden, wie viele geheiratet. Einsame, die überlebt haben. Und nun ein neues Leben beginnen.

Ljudotschka: „Dreh das Rad des Schicksals! Bei mir in der Straße hab' ich ein Pärchen zusammengebracht.“

Auf einer Tafel steht auf Ukrainisch: „Kostenlose Ausflüge für Umsiedlerkinder in den Zoo, wo Ponys, Zwergziegen und -schafe, Emus, Pfauen, exotische Reptilien, Insekten und viele andere interessante Kreaturen leben.“ Unter den anderen interessanten Kreaturen finden die Umsiedler viele alte Bekannte. Die haben sie schon im „Feldman Ökopark“3 gefüttert. Ihnen kommt es so vor, als würden sie sich noch an sie erinnern. Sich freuen, sie wiederzusehen und noch am Leben zu sein. 

Auf der Tafel steht tatsächlich: „Umgesiedelte Tiere aus dem Feldman Ökopark.“ Sie bilden eine Herde, wie die umgesiedelten Menschen in der Schulturnhalle, aber wie sie, ist jedes auf sich gestellt. Sie blicken sich in sich gekehrt um, manchmal heben sie den Kopf, um nachzuschauen, wer gerade gekommen ist. Die Umsiedler in der Schule reagieren genauso: Kommt denn da eine Hilfslieferung? „Eine Hilfslieferung“, sagen sie. „He, Umsiedler, eine Hilfslieferung ist da!“ Und lachen. Die tierischen Umsiedler heben den Kopf und schauen nach allen Seiten.

Vor Charkiw, in der Nähe des Ökoparks, standen die Russen, schossen aus Panzerwagen, mit Granatwerfern und Haubitzen. Sie töteten Hirsche, Tiger und Panther. Büffel und Jaguare. Über hundert Tiere. Die Affen starben an Herzinfarkt. Liefen in den Wald und erfroren. Es war bitterkalt. Die „umgesiedelten Tiere“ sind die, die während des Beschusses evakuiert wurden. Mit kleinen Zwischensprints. Eingefangen, Spritze verpasst und losgerannt. Bei Stress wirken die Spritzen nicht: zu viel Adrenalin. Es dauerte lange, bis jedes von ihnen evakuiert war. Sechs Menschen kamen dabei ums Leben. Ein fünfzehnjähriger Junge, der seinen Eltern half. Zwei Mitarbeiter wurden erst später gefunden. Erschossen. Einer hielt einen halben Eimer mit Karotten in der Hand, ein anderer Hundefutter.

Die Umsiedler wollen nicht nach Hause. Die Ruinen ringsum sehen. Die Zeit ist noch nicht gekommen: Es wird noch bombardiert.

Wir träumen von den Ruinen. Im Traum sind sie nicht so schrecklich.

Nadja träumte von einem Schriftzug. „Bildschirmgroß“, sagt sie. „Charkiw ist sicher. Man kann dorthin zurück.“

„Hast du das heute Nacht geträumt?“ – „Nein, gleich nachdem wir hier angekommen sind.“

Das ist zwei Monate her. Inzwischen haben sie das Haus neben unserem in Trümmer gelegt. Dann noch eins. Und noch eins. In der Nähe der Metro wurden Menschen getötet. In unserem Haus gibt es in den unteren drei Geschossen keine Fenster und Rahmen mehr.

Die Umsiedler sind draußen in der Natur. Am Fluss. Jemand feiert heute seinen fünfzigsten. Oder den vierzigsten. Es ist kaum Alkohol da. Man spielt das Pantomimespiel Korowa (Die Kuh).

Die Wörter „Putin“, „Rakete“ und „Beschuss“ sind einfach zu erraten. Alle wissen die Lösung sofort.

Auch „Lawrow“ erkennen sie gleich – am Pferdegalopp und dem bebrillten Affen.

Das schwierigste Wort ist „Umsiedler“. Das errät niemand.

 

Aus dem Russischen, Ukrainischen und Surschyk von Petra Huber mit Olga Gleiser

 

[1] Die Bescheinigung für Binnenvertriebene (Wnutrischno peremischtschena osoba) bestätigt den Status als kriegsbedingt vertrieben.

[2] Anspielung auf den bis heute in der Ukraine sehr populären Film Wawilon XX (Babylon XX) von 1979 des sowjetisch-ukrainischen Regisseurs Iwan Mikolajtschyk.

[3] Dabei handelt es sich um eine Parkanlage mit Zoocharakter in der Nähe von Charkiw, die von dem ukrainischen Politiker und Geschäftsmann Oleksandr Feldman angelegt wurde. Während der ersten Angriffswelle auf Charkiw Ende Februar 2022 erlitt der Park massive Zerstörungen.