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22.09.2026, 07:11 Uhr
Carola Gruber
Rezensionen

Besprechung des Romans „Schwestern“ von Thomas von Steinaecker

Zwei ungleiche Schwestern auf miteinander verbundenen Lebenswegen: Davon erzählt Thomas von Steinaecker in seinem neuen Roman Schwestern (S. Fischer 2026). Zentrale Themen des Romans sind das Leben mit einem Menschen mit Behinderung, die Liebe, die Fürsorge – und die Notwendigkeit, sich auch von einem geliebten Menschen zu lösen. Die Autorin Carola Gruber hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.

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„Natürlich bleiben sie für immer zusammen. Alles andere wäre unvorstellbar.“ Das klingt nach einem verliebten Paar, meint jedoch zwei Schwestern: Bettina und Simone. Das Versprechen, zusammenzubleiben, fällt bereits relativ am Anfang des Romans und gibt den Ton an. Auch viele Jahre später wird Bettina auf die Frage nach dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben antworten: Simone, auf jeden Fall. Sie wird anfügen, dass ihre große Schwester geistig behindert ist und noch immer bei ihrer Mutter zuhause wohnt.

Der Sonnenschein und das brave Mädchen

Um diese Beziehung dreht sich Schwestern, der neue Roman von Thomas von Steinaecker. Es ist keine einfache Beziehung. Simone und Bettina wachsen in den 1970er- und 1980er-Jahren in Landshut auf, Simones Beeinträchtigung ist in diesem Umfeld eine Herausforderung. Denn: „Es gab keine Behinderten in Landshut, ja, auf der Welt. Sie waren alle versteckt. Man sah sie nie.“

Doch die Familie hält zu Simone, versteckt sie nicht, im Gegenteil, tritt bei Anlässen wie der Landshuter Hochzeit demonstrativ geschlossen auf. Und der Familienalltag kreist um Simone, ist auf ihr Wohlbefinden ausgerichtet: Simone wurde immer schon, seit Bettina denken konnte, zu Hause als „Geschenk“ betrachtet. Zu Hause und für ihre Eltern war sie nicht behindert oder gar „schwerbehindert“, wie in ihrem Ausweis stand, sondern „etwas ganz Besonderes“. Sie hieß Sonnenschein, sie hieß Vögelchen. Kontakte zu Menschen, die Simone nicht akzeptierten, brachen ihre Eltern sofort ab.

Bettina aber kämpft mit ambivalenten Gefühlen. Einerseits lebt sie ihre Kindheit lang und darüber hinaus in Angst um Simone, möchte sie beschützen, spürt andererseits aber auch Wut darüber, dass sich immer alles um die große Schwester dreht. Die Rolle, die Bettina zugedacht wird, ist hingegen klar umrissen: Sie ist die Unkomplizierte. Schließlich ist sie das Kind, für das sich die Eltern entschieden haben, als sie von Simones Behinderung bereits wussten. Die Eltern wollten „ein gesundes Kind“ haben. Oder eben: „Ein normales Kind. Ein richtiges Kind. Genauer: Sie wollten ein Kind, das es ihnen recht macht.“ So empfindet es Bettina. Dazu gehört auch, dass schon früh Sorgeaufgaben auf sie übertragen werden: Geht die Mutter etwas erledigen, dann passt Bettina auf die große Schwester auf.

Als Bettina zum Studieren wegzieht, plagen sie Schuldgefühle:

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Ihr Umzug hat alle in der Familie in Mitleidenschaft gezogen. Nein. Sie ist es, Bettina, die ihre Eltern und Schwester in Mitleidenschaft gezogen hat. Zu Hause fehlt ihre helfende Hand. Ist es normal, dass sie einfach weggezogen ist? Ist sie normal? So viel steht fest: Sie, die richtige Tochter, hat aufgehört, es ihren Eltern recht zu machen.

Das brave Mädchen sein oder sich lösen und das eigene Leben leben? Dieses Spannungsfeld wird Bettina, die zeitlebens die Verantwortung für ihre ältere Schwester mitträgt, auch mit über 50 Jahren noch beschäftigen. Bei allen Lebensentscheidungen denkt Bettina auch an sie: an Simone.

Drei Wendepunkte im Leben

Davon erzählt von Steinaeckers Roman am Beispiel von drei Tagen in Bettinas Leben. Sie stehen für Wendepunkte in ihrer Biographie.

Im Februar 1989 hat die junge Bettina gerade ihr Lehramtsstudium in München begonnen – und träumt davon, Schauspielerin zu werden. Das Rezitieren hat sie mit ihrer Schwester Simone geübt. Ein Lehrer hat Bettinas Talent erkannt und gefördert. Nun, auf einer Faschingsparty, entscheidet sie: Ja, sie wird es versuchen.

Die Bettina fünfundzwanzig Jahre später, im Jahr 2014, hat ein Schauspielstudium, ein Engagement bei einem Kindertheater und zahlreiche erfolglose Bewerbungen bei etablierten Theatern hinter sich. Inzwischen arbeitet sie als Onlinemarketing-Managerin bei einer Werbeagentur. Bei einem Theaterbesuch beschließt sie, ihren Job zu kündigen, um ans Theater zurückzukehren.

Weitere dreiundzwanzig Jahre darauf, im Jahr 2037, ist Bettina die „knorrige Alte“. Eine Trennung, eine Bürostelle bei einem kleinen Tournee-Theater sowie ein weiterer Richtungswechsel liegen hinter ihr: Sie leitet jetzt ein Tierheim für Hunde. Ihre Eltern und auch Simone sind schon eine Weile verstorben.

Schnitte im Lebensfilm

Landshut, München, das Regental, Cham: Bei den verschiedenen Lebensstationen ist Bettina in Gedanken immer auch bei Simone, von der sie nie ganz loskommt: „Simone ist ein Planet. Ein Planet der Liebe. Ihre Gravitation lähmt.“

Erzählt wird diese Geschichte aus mehreren Blickwinkeln. Neben Bettina kommen auch Nebenfiguren zu Wort. Mehrfach springt der Text zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen – teils mitten im Satz, markiert durch Auslassungspunkte und einen Zeilenbruch.

Das erinnert an Schnitte in einem Film und funktioniert erstaunlich gut. Trotz der Fülle an Perspektiven und Zeitebenen fällt es leicht zu folgen und den Überblick zu behalten. Das ist unterhaltsam und zeigt eben auch, dass es in jeder Situation mehr als eine Wahrheit gibt.

Von Menschen mit Behinderung zu schreiben, sei sehr heikel, sagte der Autor in einem Interview mit dem WDR. Fallstricke und Klischees lauern: Menschen mit geistiger Behinderung als die „Reinen, Puren, quasi unschuldigen Heiligen“ – eine Zuschreibung, die zugleich einer Entmündigung gleichkommt. Von Steinaecker aber gelingt es, nuanciert und einfühlsam von seinen Figuren zu schreiben. Vielleicht auch deshalb, weil er ein ähnliches Geschwisterpaar aus seinem Umfeld kennt.

Raus aus dem Versteck

Am Ende blickt die gealterte Bettina auf ihr Leben als „eine Zickzack-Biographie ohne gerade Linie“ zurück, auf eine „Ansammlung aus vielen Anfängen ohne Enden“. Und so geht es in Schwestern eben auch um durchkreuzte Lebensträume – bei Bettina, bei ihrer Mutter, bei Nebenfiguren und nicht zuletzt auch bei Simone. Sie zählt in den 2030er-Jahren rückblickend zur „starken Generation“: „Stark, weil hart im Nehmen.“

Vielleicht ist das einer der wenigen positiven Ausblicke in der Zukunftsvision, die von Steinaecker beiläufig fürs Jahr 2037 entwirft – wo Bots, Drohnen und ein nicht näher bezeichneter Krieg an der Tagesordnung sind: Menschen mit Behinderung werden in dieser Gesellschaft offenbar weniger „versteckt“ als in Simones Kindheit.


Thomas von Steinaecker: Schwestern. Roman, S. Fischer-Verlag, 2026, 352 S. ISBN: 978-3103976434.

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