Info

Besprechung von Bernhard Hecklers Roman: „Die beste Idee der Welt“

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2026/klein/Heckler_500.jpg#joomlaImage://local-images/lpbblogs/autorblog/2026/klein/Heckler_500.jpg?width=500&height=500
© Verlag Antje Kunstmann

Bernhard Heckler hat mit Die beste Idee der Welt (Kunstmann 2025) einen Roman vorgelegt, der die Wiesn zum imaginären Schauplatz einer  Wrestling-Show macht. Fiona Rachel Fischer hat ihn passend zur Wiesn-Zeit für das Literaturportal Bayern gelesen. 

*

Eine „gar nicht schlechte“ Idee

Die beste Idee der Welt hatten sicherlich schon viele, immer wieder. Dieser Superlativ hat sich selbst überholt und ist austauschbar geworden, dennoch heißt genau so Bernhard Hecklers neuester Roman. Der Titel wirkt allerdings um einiges beliebiger, als die tatsächliche Storyline: Das Projekt „Beerfest Rumble“ ist eine „gar nicht schlechte“ Idee. Ein komisches Gedankenspiel, in dem ein paar Kleinganoven mit einer Wrestling-Show auf der Wiesn das ganz große Geld machen wollen. Das Event selbst ist nicht illegal, auch aus dem Wrestling selbst bemühen sie sich, eine Kunst zu machen. Es sind eher die Methoden, mithilfe derer sie an die nötigen Genehmigungen für die unorthodoxe Wiesn-Show kommen wollen.
Es ist eine bunte und außergewöhnliche Welt, über die Überdrehung des bayerischen Brauchtums, der Münchner Schickeria, der überkandidelten Medienwelt und der Skurrilität von klein-kriminellem Erfindungsgeist. Gewürzt wird das alles mit großen Lebensthemen wie Krankheit, unerfülltem Kinderwunsch, dem Drang Großes zu erschaffen, Alkoholismus.
Besonders skurril gezeichnet sind die Charaktere der Wiesn-Crew. Allen voran der von allen begehrte sanftmütige Guido, die knallharte Bodybuilderin und Metzgerin Betül, und der Wiesn-Cäsar Claudius Schowalter. Ein Mann, „der sein gesamtes Vermögen dem Brauchtum und den Volksfesten [verdankt], aber Bayern und alles Bayerische [hasst]. Den Hass muss er die allermeiste Zeit verbergen, unterdrücken, überspielen, aber er ist immer da, wie eine Autoimmunreaktion auf einen eindeutigen Platz im Leben, und manchmal bricht er sich Bahn, wie eine Entzündung.“ 

Der Slogan eines zum Scheitern verurteilten Leben

Dann der verschrobene, dennoch oftmals gnadenlose Franky, der durch einen glücklichen Unfall zu Two-Face-Franky wird und damit seine optimale Wrestling-Positionierung findet. Der Protagonist Heinz Hammer, der sich im Erbe großer, publizistisch erfolgreicher Männer gesehen hat und seine Mittelmäßigkeit schlussendlich nicht ertragen konnte. So lernte er schließlich Franky kennen, der ihm dabei half, noch weniger als mittelmäßig, nämlich ganz und gar zum Versager und Kleinkriminellen zu werden, was immerhin besser war als „gar nicht schlecht“ zu schreiben, wie es die Redaktionen betitelten. „Der Slogan eines zum Scheitern verurteilten Lebens“, wie Heinz selbst konstatiert.
In einem letzten Aufbäumen seiner Hoffnung auf Großartigkeit schließt er sich wider besseren Wissens seinem selbsterklärten besten Freund Franky an, besagte Wrestling-Show auf die Wiesn zu bringen. Durch allerlei Rückblicke wird ihre Beziehung plastisch gemacht. Ebenso wie die zu Heinz´ Ex-Partnerin Jenny, deren Verschwinden eine anhaltende emotionale Wunde geschlagen hat. Die weiteren Figuren, die Teilnehmer am Wrestling wie die Gegner der Show, sind allesamt auf ihre Weise verrückt und sympathisch. Wenn man die Buchdeckel zuklappt, hat man sie alle irgendwie gern, sogar Two-Face-Franky. Wahrscheinlich, weil auch Heinz sie im Verlauf liebgewonnen hat mit seinem Bedürfnis, allen zu gefallen, und schließlich hören wir die Geschehnisse aus seiner Perspektive.

Eine rezeptive Gradwanderung zwischen lautem Auflachen und müdem Lächeln

Der Erzählstil des bei sich selbst und anderen in Ungnade gefallenen Ex-Journalisten sorgt für ein Dauerschmunzeln, das immer wieder zu einem lauten Auflachen beim Lesen führt, aber auch oft genug in ein müdes Lächeln kippt. Der Ton ist selbstironisch, das Schreiben nimmt eine selbstregulierende Haltung ein und mahnt sich in einer Leseransprache: „Aber ich will Euch nicht mit erzähltheoretischen Feinheiten Eure wertvolle Zeit klauen. Weiter geht´s, Tempo machen!“
Dabei kommen echte Knüller heraus, wie bei dieser äußerst tragischen Szene mit einem Hundebesitzer und einem unachtsamen Straßenkehrfahrzeug: „Es kann alles ganz schnell gehen. Plötzlich drehst du dich um und dein geliebter Hund wird totgereinigt“. (Spoiler: durch ein unerklärtes Wunder überlebt der Cockerspaniel den Unfall).
Doch stellenweise holpert der Witz eben, klingt eine Spur zu gewollt und nimmt den wirklich guten Pointen damit die Luft zum Atmen. Scheinbar situative Komik verfehlt ihre Wirkung, wenn der angenehme Erzählfluss eines nicht unangenehm langen Satzes beendet wird mit einem theatralen „– und jetzt kommt ENDLICH der Punkt von diesem Monstersatz. Meine Herrn! Naja, ich übe noch.“
Apologetische Einwände wie diese begründen nicht, wieso der Erzählstil oft so ungefiltert erscheint und plumpe Formulierungen oder Redewendungen lieber kommentiert – „(hüft, Hüfte, was habe ich plötzlich mit diesem Körperteil?)“ – als sich um eine stilistische Schärfung zu bemühen. Der Humor des Textes ist nicht sonderlich intelligent; eher gewitzt und meist voller Übertreibungen, die aufgeblasen wirken können. Dabei steckt er doch eigentlich drin in Beschreibungen wie in der von Claudius Schowalter, dieser scharfe Wortwitz, der mit der Feile noch etwas mehr freigelegt hätte werden müssen.

Ein Wrestlingsmatch moderner Ansichten

Wo der Text allerdings sichtlich Mühe investiert, ist eine weltoffene Erzählweise: Guido ist ganz selbstverständlich schwul, es werden gleich mehrere Dreiecksbeziehungen und offene Ehen begründet, und auch die weiblichen Hauptdarsteller sind durch die Bank weg stark erzählte Charaktere ohne Weiblichkeitsklischees oder verkappte, misogyn bewertbare Liebesleben. Dass der Erzählstrang zur Liebesgeschichte von Heinz und Jenny nicht so ausgeht, wie es aus Heinz´ Perspektive dem Genre entsprochen hätte sondern sich für Jennys Unabhängigkeit von alten Banden entscheidet, zählt ebenfalls dazu, dass der Roman das traditionelle Thema Wiesn mit einem Wrestlingsmatch der modernen Ansichten aufmischt.
So gewinnt man sie lieb, die verrückten Figuren, und hofft sehr darauf, dass ihnen ihr Plan gelingt. Auch wenn man zugleich dem armen, auf dem Zahnfleisch daherkommenden Schowalter ein annehmbares Ende wünscht.
Es ist nicht er, den der Text zum Schluss wegsterben lässt. Der Todesfall des Romans kommt aus einer Richtung, die zwar angelegt, aber nicht ganz erwartbar war. Er bringt zwar die Geschichte zu einem Abschluss, doch wäre für einen zusätzlichen Abbinder gar kein Bedarf gewesen. Die Emotionalität der Lesenden benötigt keinen Trauerfall, um die vielen ernsten Lebensthemen unter der skurrilen Erzählung zu erkennen. Gewandter wäre es gewesen, mit einem humoristischen Knaller zu enden, anstatt mit dem ersten wirklich richtig ernsten Moment der Geschichte.

Doch bis dahin, muss man mit der Ironie, die das Leben von Heinz selbst beschreibt, schlussendlich konstatieren: „Gar nicht schlecht“, diese beste Idee der Welt.

Bernhard Heckler, Die beste Idee der Welt. Kunstmann 2025, 240 S., ISBN: 978-3-95614-648.

Externe Links:

Zur Verlagsseite