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Rezension des Romans „Tschikago“ von Alexandra Stahl

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Alexandra Stahlt: Tschikago. (c) ullstein buchverlage

In ihrem neuen Buch (2026) Tschikago erzählt Alexandra Stahl vom Älterwerden. Vermeidung, Erkenntnis der Vergänglichkeit, Abschiednehmen gehören ebenso zum späten Leben wie die Möglichkeit, Dinge festzuhalten. Christina Madenach hat Stahls Roman fürs Literaturportal Bayern gelesen.

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Betrachte ich zunächst den Einband von Alexandra Stahls Roman Tschikago fallen mir dreierlei Dinge auf: Erstens ist der Hintergrund in einem orangen Farbton gehalten und die Schrift darauf sowie das Lesebändchen sind pink, zweitens sind auf der abgebildeten Schwarzweißfotografie zwei ältere Menschen zu sehen, bei denen es sich vermutlich um ein Paar handelt, das einer weiteren Person zum Abschied ins Auto winkt, und drittens handelt es sich bei dem Titel um die phonetische bzw. dialektale Schreibweise von Chicago.

Der Kontrast zwischen dem Foto von den beiden älteren Personen zu dem farbenfrohen Einband symbolisiert für mich sehr gut, worum es in dem Roman geht. Zwar stehen Themen wie Alter, Zerfall, Krankheit und Tod im Mittelpunkt, aber durch die Art und Weise, wie Alexandra Stahl darüber schreibt, gelingt es ihr, die Schwere dieser Inhalte abzufedern. Das Foto verweist aber auch auf die autobiografische Komponente des Buchs, denn nicht selten wird in und auf autobiografischen oder autofiktionalen Werken eigenes Fotomaterial abgebildet. Auch wenn in diesem Fall ein Blick auf die Credits des Umschlagsmotivs zeigt, dass es sich dabei nicht um Fotomaterial der Autorin handelt, suggeriert das Bild das zumindest. Der Titel zeigt einen weiteren Aspekt des Romans auf. Es handelt sich dabei um ein Zitat des Großvaters der Erzählerin, der im Dialekt spricht. Damit ist der Titel auch symptomatisch für die Sprache in dem Buch, die sich stark am Mündlichen der Figuren orientiert.

Erzählen von Geschichten

Den Themen Alter und Tod nähert sich der Roman über zwei Wege: Im ersten und dritten Teil geht es um die Großeltern der Ich-Figur, die sich als die Autorin dieses Buchs ausgibt und viele Parallelen zu Alexandra Stahl aufweist. Die Großeltern leben in einem „Kaff in Bayern“, näher an Frankfurt am Main als an München, und eben nicht in Chicago, wohin es sie laut dem Großvater angeblich beinahe verschlagen hätte. In den Erinnerungen der Erzählerin verbinden sich Beschreibungen des Orts, in dem es zunächst noch „zwei Gaststätten, zwei Bäcker, zwei Metzger, zwei Banken“ und zwei Kirchen gibt, was sich über die Jahre aber halbiert, mit den Lebensgeschichten der Großeltern, die kurz vor dem zweiten Weltkrieg bzw. bei Kriegsbeginn geboren wurden. Auch die Beziehung zwischen der Erzählerin und den Großeltern wird immer wieder thematisiert, da sie als Scheidungskind viel Zeit bei diesen verbringt und auch später als Erwachsene regelmäßig bei ihnen zu Besuch ist.

Im zweiten Teil des Romans stehen die Besuche der Ich-Figur in einem Seniorenheim und die Gespräche, die sie dort mit den Teilnehmenden ihrer Biografiegruppe führt, im Mittelpunkt. Anhand von Themen wie „Geheimnis einer langen Ehe“, „Sprichwörter“ oder „Horoskope“ aktiviert die Erzählerin die Erinnerungen der Teilnehmenden, und diese erzählen von ihrem Leben – ihren Beziehungen, Familien, Berufen. Die dramaturgische Entwicklung des Romans verläuft entlang der Chronologie, deren Zeitmarker vor allem in den Alterungsprozessen und dem Tod von Figuren bestehen. So stirbt am Ende des ersten Teils auch der Großvater der Ich-Figur. Dass die Erzählerin in der Woche danach mit ihrem Ehrenamt im Seniorenheim beginnt, ist trotzdem keine Konsequenz daraus – ihre Tätigkeit dort war bereits zuvor vereinbart worden. Der Roman stellt aber einen Zusammenhang zwischen dem Teil über die Großeltern und dem Teil im Seniorenheim her, der für mich aus dem Erzählen von Geschichten besteht. Die Protagonistin bereut an einer Stelle, dass sie ihren Großvater vor dessen Tod nicht nach den Geschichten von früher, die er hätte erzählen können, gefragt hat. Gewissermaßen holt sie dies nun in ihrem ehrenamtlichen Engagement nach. 

Zugleich liefert ihr dies auch den Schreibanlass. Ziemlich am Ende des Romans heißt es: „Ich kann nicht genug davon kriegen, Geschichten von früher zu hören. Als käme alles zurück. Als wäre alles noch da.“ Durch das Festhalten der Geschichten bewahrt die Ich-Erzählerin die Dinge vor dem Vergessen. Dabei ist ihr bewusst, dass durch den Akt des Erzählens, Erinnerungen „ausgewählt, ausgelassen, zugeschnitten, zugespitzt, hoffnungslos übertrieben“ werden können. Was auf welche Weise für die Nachwelt aufbewahrt wird, entscheidet die erzählende Person selbst. Die Transformation von Wirklichkeit zu Fiktion mag die besseren Geschichten liefern, aber es bleibt immer ein Abbild der Realität, was die Erzählerin zu bedauern scheint. Ihr Zwiespalt gegenüber dem Hören von Geschichten wird offensichtlich, wenn es im Absatz danach heißt: „Es deprimiert mich, Geschichten von früher zu hören. Ich muss an eine Perücke denken, die man mit Haarspray, Shampoo, Föhn bearbeitet. // Es werden einfach keine echten Haare.“ Auf den letzten Seiten des Buchs erklärt sie, warum sich das Geschichten erzählen und niederschreiben trotzdem lohnt: „Wahr ist auch, dass es ungemein tröstlich ist, die Dinge, die man nicht festhalten kann, wenigstens festzuhalten.“ Ich interpretiere das so, dass zwar ein Moment nicht angehalten und festgezurrt, aber zumindest aufgezeichnet und so in gewisser Weise haltbar gemacht werden kann. 

Mündliches Erzählen und sprunghafte Erinnerungen

Nicht nur inhaltlich sind die Teile des Romans miteinander verknüpft, sondern auch durch die Art und Weise, wie über die Themen gesprochen wird, auch wenn sich die äußeren Bedingungen nicht ähneln: Während die Protagonistin und ihre Großeltern ein sehr enges Verhältnis haben, werden die Teilnehmenden der Biografiegruppe mit Nachnamen eingeführt, sie siezen sich gegenseitig und ein Großteil der Begegnungen findet in einem Gruppenraum und nicht in den individuellen Wohnräumen statt. Aber sowohl in der einen als auch in der anderen Situation schafft es die Erzählerin, sich mit einer gewissen Leichtigkeit und auch immer wieder humorvoll den schweren Themen zu nähern. Das gelingt durch den genauen Blick, mit dem sie auch Skurriles festhält, wie wenn sie beispielsweise nach dem Tod des Großvaters den Aushang in der Kirche zitiert und hinterfragt: „In die Ewigkeit abberufen … Als hätte ein ordentlich frisierter Vertreter des Himmels an unserer Haustür geklingelt, in der Hand kein Staubsauger, aber ein Kreuz …“

Auch die sehr mündliche Sprache, die durchsetzt ist von Zitaten im Dialekt der Großeltern und Heimbewohnenden, macht die ernsten Themen zugänglicher. Gleichzeitig bildet die Entscheidung für diese Sprache ab, dass es sich bei den Geschichten, die erzählt werden, um mündlich übertragene handelt. Dazu tragen auch weitere Elemente bei wie die regelmäßigen Wiederholungen einzelner Zitate, die assoziative Verknüpfung von Themen oder der elliptische Stil, also Sätze oder sogar ganze Absätze, die nur aus einzelnen Wörtern und nicht aus ganzen, grammatisch korrekten Sätzen bestehen: „Wie meine Großeltern am Abend in meinem Bett in meinem neuen Dachbodenzimmer liegen. Wie ich noch etwas hole und gehe. // Wie ich mich umdrehe, zum Bett sehe und sie mir winken. // Wie sie mir winken.“ Der Stil spiegelt nicht nur das mündliche Erzählen, sondern verweist auch auf die den Geschichten zu Grunde liegenden Erinnerungen, die ebenfalls nicht chronologisch strukturiert sind und sprunghaft funktionieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich wie im ersten und dritten Teil um die Erinnerungen der Erzählerin oder wie im zweiten Teil um die der Teilnehmenden der Biografiegruppe handelt.

Rezensionen im Rollator

Sowohl die transportierten Inhalte – neben den Geschichten von früher spielen alltägliche Momente aus dem Leben der Großeltern und der Bewohnenden im Seniorenheim eine wichtige Rolle – als auch die im mündlichen Stil gehaltene Sprache lassen bei mir den Eindruck entstehen, dass es sich bei dem Buch um eine möglichst naturgetreue Abbildung des Geschehenen handelt. Doch durchzieht den Roman eine weitere Ebene, die gerade die Schwierigkeit dieses Versuchs reflektiert. Die Erzählerin verweist immer wieder auf ihre Rolle als dessen Autorin, indem sie beispielsweise darüber nachdenkt, welche möglichen Anfänge es für das Buch gegeben hätte, oder festhält, was in ihren Notizen dafür stand. Auch teilt sie ihre Zweifel beim Schreiben: Sie fragt sich, ob sie die Geschichten richtig erzählt, ob sie die wirklichen Menschen einfach zu Figuren machen und deren Erzählungen verwenden darf und ob sie durch das Verfassen des Buchs nicht auch Dinge in einer einzigen Interpretation festlegt und andere mögliche Versionen somit aus der Erinnerung löscht: „Schreiben heißt doch Festschreiben!“

Damit verschiebt die Autorin die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer wieder aufs Neue. Symptomatisch sind dafür auch Wirklichkeitsmarker wie das Foto am Ende des Buchs – das im Gegensatz zu dem Bild auf dem Cover tatsächlich Familienmitglieder der Autorin darstellt – oder der erste Satz des Buches: „Alles in diesem Buch ist wahr.“ Diesen steht die Bezeichnung des Buchs auf dem Cover als „Roman“ entgegen. Aber gerade dieses Spiel mit Wirklichkeit und Erfindung finde ich spannend, weil es mich anregt, darüber nachzudenken, was Wahrheit, Täuschung, Erinnerung und Perspektive bedeuten können und welche Rolle das Erzählen von Geschichten darin einnimmt. Die Autorin erstreckt ihre Auseinandersetzung damit auch auf weitere Schreibende, indem sie Zitate von diesen einbindet. Selbst Rezensionen zu ihren Werken werden Teil des Buchs, erzählt sie darin doch, dass die Großmutter diese in ihrem Rollator aufbewahrt. Es wäre eine schöne Vorstellung, würde vielleicht auch die hier vorgelegte Besprechung einmal dahin wandern und somit gewissermaßen in das Buch eingeschrieben.

Alexandra Stahl, Tschikago, Claassen Verlag, 272 S.

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