Rezension zu: „Ich ist eine Landschaft. Skizzen aus dem Mainland“ von Tobias Jennewein
Ich ist eine Landschaft. Skizzen aus dem Mainland (Königshausen & Neumann 2026) von
Tobias Jennewein ist eine literarische Entdeckung, findet Autorin Andrea Heuser. Diese so organisch anmutende Mixtur aus Kurzessays, Prosaminiaturen und Gedichten erschließt den Lesenden das unterfränkische Mainland als einen höchst gegenwärtigen Sehnsuchts- und Kulturraum.
*
„Ich kann nicht Landschaft sein und bin es doch“
Der innere Widerstreit zwischen Übereinstimmung und Auflösung beim Betrachten einer Landschaft – ein spannungsreicher Reflexions- und Selbstvergewisserungsprozess voller Poesie, Melancholie, Beobachtungsschärfe und philosophischem Witz begleitet den Autor, der hier „Ich“ zu sagen wagt, auf seinen literarischen Wanderungen durch das unterfränkische Mainland – eine Gegend, über die, dies stellt sich beim Lesen schnell heraus, man längst nicht so wie weiß, wie man möglicherweise dachte.
Oder anders: man sieht Würzburg, Volkach, Sulzfeld, den Spessart plötzlich in einem anderen Licht. Und zwar in einem, das sehr gewinnbringend zwischen metaphorischem Glanz – in Volkach zum Beispiel stehen die Häuser „wie kuschelnde Katzen“ – und analytisch-sezierendem Scheinwerferkegel oder Verhörlampe („Bauernschlächter“ und „Judenverfolger“) oszilliert. Die Formenvielfalt, die sich kaleidoskopartig aus lyrischen, essayistischen und prosaischen Skizzen ergibt, wirkt inspiriert und inspirierend. Sie unterzieht die Lesenden einer Herausforderung des Sehens, einer Wahrnehmungsschulung des Außen und Innen. Dabei wirken die lyrischen Sprachbilder frisch und unverbraucht, das Spiel mit den Tourismusklischees gekonnt und anregend in Hinblick auf das Nachsinnen über jene Wirkung, die Orte als Areal von so gegensätzlichen Bezugsgrößen wie Heimat, Tourismus, Kulturgut, Brachland und Provinz entfalten können. Man freut sich über so originelle, frische Verse zum Ende des Sommers: „Bienen stecken in den / Blütenköpfen,/weil sie die Hörgeräte des/ Septembers sind.“
Zur Veranschaulichung sei im folgenden anhand von ausgewählten Zitaten eine Art „Mainland“-Blick-Konzentrat vorgestellt; als ausgesprochene Einladung, am besten möglichst bald selbst lesend in die unterfränkische Landschaft einzutauchen. Um zuvor aber einen grundlegenden Eindruck von der poetisch-philosophischen Grundierung dieser literarischen Mainlandskizzen zu gewinnen, sei hier zunächst eine kurze, lyrische Passage zum Thema „Park“ zitiert:
WAS ist ein Park? Eine Umarmung der Weite. Eine Zärtlichkeit des Raums. Perspektiven überschneiden sich. Blicke fließen ineinander, spiegeln die Sonne, die Wege, das Grün. Am Boden windet sich ein Regenwurm wie ein schwieriger Gedanke, ein Tier, dessen Dasein ein einziger Schluck ist, der durch seinen Körper wandert […] Und eine dicke, braune Schnecke schließt mit dem Klebestreifen ihrer Kriechspur die Lücke zwischen Nachmittag und Abend.
In einem anregenden Wechselverhältnis zum Modus der poetisierten Landschaftsreflektionen stehen dann die konkreten Detailbeschreibungen, die niemals ausufern und somit pointiert bleiben; wie zum Beispiel bei der Betrachtung der Fassaden eines Klosters, hier des Klosters Oberzell bei Würzburg:
Die Kirche mit ihrer Westfassade aus dem Hochbarock: streng gegliedert, in der Mitte durch ein Fries geteilt, als wäre das, was ich hier vor mir sehe, ein architekturaler Bruch, der vom Baumeister schön und schlankgekürzt wurde. Von zwei Säulen eingerahmt: das Standbild des Heiligen Norbert, der in der rechten Hand den Kreuzstab hält und in der linken die Monstranz. Über dem Türportal das Wappen eines Abtes, vermutlich das von Gottfried Hammerich, Prämonstratenser, Kuratus in Eichelsee …
Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich der kulturelle und landschaftliche Raum Unterfrankens, seine Gärten, Schlösser, Wälder, Kirchen, Straßen und Dörfer im Blick des Autors. Es ist reizvoll und inspirierend, wie sich für den Lesenden Informatives mit einer ontologisch-semantischen Tiefenschicht der Betrachtung verwebt. Man bekommt Lust, sämtliche Orte sowohl selbst wandernd auszusuchen, als auch nach innen zu gehen, den Essenzen von Zeit und der Sinnlichkeit der Erfahrungen auf dem Sofa liegend nachzusinnen.
Das Rathaus von Iphofen zum Bespiel macht laut Jennewein einen so konzentrierten Eindruck, als denke es „über die Praktische Vernunft nach“. Hieran schließt der Autor dann die detaillierte Schilderung der Fassade inklusive der Anordnung der Fenster, des Türeingangs und der Treppen an, sodass sich den Lesenden eine recht genaue Vorstellung des Rathauses vor dem inneren Auge erschließt: „Bekrönt ist das Portal mit einem Bogenfeld, auf dem zwei stilisierte Krieger kauern.“ Das besagte Rathaus einmal vor dem inneren Auge, geht es in die poetische Tiefe, um die Wirkung, die das Gebäude beim Betrachtenden entfaltet. Denn, das Gebäude stelle, so Jennewein, seine Schönheit zwar zur Schau, aber „es verprasst sie nicht“:
Und wo der helle Stein sich trotzdem bauscht und barock in Falten legt, dort nämlich, wo er das Wappen des Fürstbischofs, des Herrn von Greiffenclau umspielt, da tut er das vielleicht ein bisschen prahlerisch, nach Art von aufgeschäumter Milch, aber er weiß sich vom Türsturz begrenzt und überwuchert ihn nicht.
Die Schönheit des Rathauses strahlt auch auf die es umgebenden Straßen und ihre Geschäftigkeit aus. Und so ist Iphofen, das laut Jennewein vom „biederen Romantizismus“ geprägt ist, nicht nur ein Städtchen der Tore und Pforten, sondern auch eines, das „das Innen und das Außen sorgsam scheiden und zugleich [zu] verbinden [vermag], eine Stadt der Schwellenbereiche, der Übergangszonen aus uraltem Mauerwerk.“
Dagegen der Spessart – ein Waldareal, das von vielen Nicht-Franken und Nicht-Bayern zunächst mit gern mit dem „Wirtshaus vom Spessart“ assoziiert wird. Hier hat der Autor nach eigener Aussage das Wandern gelernt. Und mit einer poetischen Betrachtung zum Spessart schließt diese Leseempfehlung dann auch, in der Hoffnung, damit Neugierde auf Unterfranken vermittelt zu haben; und auf den Lektüregenuss, der darin liegt, diese Mainlandschaft poetisch anverwandelt zu genießen:
Weiche Übergänge von helleren zu dunkleren Blätterfarben. Brandungswellen aus konzentriertem Grün, die die Front meines langsam in die Wälder eingetauchten Wagens überspülen. Die Fahrt von Laufach zum Bischborner Hof, die wie ein sanftes lautloses Ausatmen ist, wie ein Gähnen oder wie ein hingehauchter Schlager, dessen Kitsch man, einen Augenblick lang wenigstens, für unentbehrlich hält. […] Es weiß doch niemand wirklich, wo er sich befindet, wenn man ihn irgendwo im Wald aussetzt. Die Bäume ähneln sich, greifen nach den Wolken, schneiden das Sonnenlicht in Streifen, das durch die Zweige bricht. […] Stünde die Welt auf dem Kopf, dann wäre dieser Wald ein Pfefferstreuer, der den Himmel mit Geräuschen würzt, ein Zwitschern, ein Knacken, ein Knistern, ein Rascheln an der Schwelle zum Geflüster. Hier habe ich das Wandern gelernt.
Tobias Jennewein, Ich ist eine Landschaft. Skizzen aus dem Mainland. Königshausen & Neumann, Würzburg 2026, 228 S., ISBN: 978-3-8260-9895-6.
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Ich ist eine Landschaft. Skizzen aus dem Mainland (Königshausen & Neumann 2026) von
Tobias Jennewein ist eine literarische Entdeckung, findet Autorin Andrea Heuser. Diese so organisch anmutende Mixtur aus Kurzessays, Prosaminiaturen und Gedichten erschließt den Lesenden das unterfränkische Mainland als einen höchst gegenwärtigen Sehnsuchts- und Kulturraum.
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„Ich kann nicht Landschaft sein und bin es doch“
Der innere Widerstreit zwischen Übereinstimmung und Auflösung beim Betrachten einer Landschaft – ein spannungsreicher Reflexions- und Selbstvergewisserungsprozess voller Poesie, Melancholie, Beobachtungsschärfe und philosophischem Witz begleitet den Autor, der hier „Ich“ zu sagen wagt, auf seinen literarischen Wanderungen durch das unterfränkische Mainland – eine Gegend, über die, dies stellt sich beim Lesen schnell heraus, man längst nicht so wie weiß, wie man möglicherweise dachte.
Oder anders: man sieht Würzburg, Volkach, Sulzfeld, den Spessart plötzlich in einem anderen Licht. Und zwar in einem, das sehr gewinnbringend zwischen metaphorischem Glanz – in Volkach zum Beispiel stehen die Häuser „wie kuschelnde Katzen“ – und analytisch-sezierendem Scheinwerferkegel oder Verhörlampe („Bauernschlächter“ und „Judenverfolger“) oszilliert. Die Formenvielfalt, die sich kaleidoskopartig aus lyrischen, essayistischen und prosaischen Skizzen ergibt, wirkt inspiriert und inspirierend. Sie unterzieht die Lesenden einer Herausforderung des Sehens, einer Wahrnehmungsschulung des Außen und Innen. Dabei wirken die lyrischen Sprachbilder frisch und unverbraucht, das Spiel mit den Tourismusklischees gekonnt und anregend in Hinblick auf das Nachsinnen über jene Wirkung, die Orte als Areal von so gegensätzlichen Bezugsgrößen wie Heimat, Tourismus, Kulturgut, Brachland und Provinz entfalten können. Man freut sich über so originelle, frische Verse zum Ende des Sommers: „Bienen stecken in den / Blütenköpfen,/weil sie die Hörgeräte des/ Septembers sind.“
Zur Veranschaulichung sei im folgenden anhand von ausgewählten Zitaten eine Art „Mainland“-Blick-Konzentrat vorgestellt; als ausgesprochene Einladung, am besten möglichst bald selbst lesend in die unterfränkische Landschaft einzutauchen. Um zuvor aber einen grundlegenden Eindruck von der poetisch-philosophischen Grundierung dieser literarischen Mainlandskizzen zu gewinnen, sei hier zunächst eine kurze, lyrische Passage zum Thema „Park“ zitiert:
WAS ist ein Park? Eine Umarmung der Weite. Eine Zärtlichkeit des Raums. Perspektiven überschneiden sich. Blicke fließen ineinander, spiegeln die Sonne, die Wege, das Grün. Am Boden windet sich ein Regenwurm wie ein schwieriger Gedanke, ein Tier, dessen Dasein ein einziger Schluck ist, der durch seinen Körper wandert […] Und eine dicke, braune Schnecke schließt mit dem Klebestreifen ihrer Kriechspur die Lücke zwischen Nachmittag und Abend.
In einem anregenden Wechselverhältnis zum Modus der poetisierten Landschaftsreflektionen stehen dann die konkreten Detailbeschreibungen, die niemals ausufern und somit pointiert bleiben; wie zum Beispiel bei der Betrachtung der Fassaden eines Klosters, hier des Klosters Oberzell bei Würzburg:
Die Kirche mit ihrer Westfassade aus dem Hochbarock: streng gegliedert, in der Mitte durch ein Fries geteilt, als wäre das, was ich hier vor mir sehe, ein architekturaler Bruch, der vom Baumeister schön und schlankgekürzt wurde. Von zwei Säulen eingerahmt: das Standbild des Heiligen Norbert, der in der rechten Hand den Kreuzstab hält und in der linken die Monstranz. Über dem Türportal das Wappen eines Abtes, vermutlich das von Gottfried Hammerich, Prämonstratenser, Kuratus in Eichelsee …
Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich der kulturelle und landschaftliche Raum Unterfrankens, seine Gärten, Schlösser, Wälder, Kirchen, Straßen und Dörfer im Blick des Autors. Es ist reizvoll und inspirierend, wie sich für den Lesenden Informatives mit einer ontologisch-semantischen Tiefenschicht der Betrachtung verwebt. Man bekommt Lust, sämtliche Orte sowohl selbst wandernd auszusuchen, als auch nach innen zu gehen, den Essenzen von Zeit und der Sinnlichkeit der Erfahrungen auf dem Sofa liegend nachzusinnen.
Das Rathaus von Iphofen zum Bespiel macht laut Jennewein einen so konzentrierten Eindruck, als denke es „über die Praktische Vernunft nach“. Hieran schließt der Autor dann die detaillierte Schilderung der Fassade inklusive der Anordnung der Fenster, des Türeingangs und der Treppen an, sodass sich den Lesenden eine recht genaue Vorstellung des Rathauses vor dem inneren Auge erschließt: „Bekrönt ist das Portal mit einem Bogenfeld, auf dem zwei stilisierte Krieger kauern.“ Das besagte Rathaus einmal vor dem inneren Auge, geht es in die poetische Tiefe, um die Wirkung, die das Gebäude beim Betrachtenden entfaltet. Denn, das Gebäude stelle, so Jennewein, seine Schönheit zwar zur Schau, aber „es verprasst sie nicht“:
Und wo der helle Stein sich trotzdem bauscht und barock in Falten legt, dort nämlich, wo er das Wappen des Fürstbischofs, des Herrn von Greiffenclau umspielt, da tut er das vielleicht ein bisschen prahlerisch, nach Art von aufgeschäumter Milch, aber er weiß sich vom Türsturz begrenzt und überwuchert ihn nicht.
Die Schönheit des Rathauses strahlt auch auf die es umgebenden Straßen und ihre Geschäftigkeit aus. Und so ist Iphofen, das laut Jennewein vom „biederen Romantizismus“ geprägt ist, nicht nur ein Städtchen der Tore und Pforten, sondern auch eines, das „das Innen und das Außen sorgsam scheiden und zugleich [zu] verbinden [vermag], eine Stadt der Schwellenbereiche, der Übergangszonen aus uraltem Mauerwerk.“
Dagegen der Spessart – ein Waldareal, das von vielen Nicht-Franken und Nicht-Bayern zunächst mit gern mit dem „Wirtshaus vom Spessart“ assoziiert wird. Hier hat der Autor nach eigener Aussage das Wandern gelernt. Und mit einer poetischen Betrachtung zum Spessart schließt diese Leseempfehlung dann auch, in der Hoffnung, damit Neugierde auf Unterfranken vermittelt zu haben; und auf den Lektüregenuss, der darin liegt, diese Mainlandschaft poetisch anverwandelt zu genießen:
Weiche Übergänge von helleren zu dunkleren Blätterfarben. Brandungswellen aus konzentriertem Grün, die die Front meines langsam in die Wälder eingetauchten Wagens überspülen. Die Fahrt von Laufach zum Bischborner Hof, die wie ein sanftes lautloses Ausatmen ist, wie ein Gähnen oder wie ein hingehauchter Schlager, dessen Kitsch man, einen Augenblick lang wenigstens, für unentbehrlich hält. […] Es weiß doch niemand wirklich, wo er sich befindet, wenn man ihn irgendwo im Wald aussetzt. Die Bäume ähneln sich, greifen nach den Wolken, schneiden das Sonnenlicht in Streifen, das durch die Zweige bricht. […] Stünde die Welt auf dem Kopf, dann wäre dieser Wald ein Pfefferstreuer, der den Himmel mit Geräuschen würzt, ein Zwitschern, ein Knacken, ein Knistern, ein Rascheln an der Schwelle zum Geflüster. Hier habe ich das Wandern gelernt.
Tobias Jennewein, Ich ist eine Landschaft. Skizzen aus dem Mainland. Königshausen & Neumann, Würzburg 2026, 228 S., ISBN: 978-3-8260-9895-6.
