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25.06.2026, 13:00 Uhr
Klaus Wolf
Text & Debatte

Emigration von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Bayern nach Amerika (2): Emerenz Meier & Franziska Lachmann

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Nachlass Emerenz Meier (1874-1928): Karten von Emerenz Meier an Auguste Unertl. Teilweise in Kurzschrift. Mit Übersicht - Staatliche Bibliothek Passau EM 2/29.

Die Geschichte der Emigration von bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nach Amerika ist reich an Kontrasten und erstreckt sich über fast fünf Jahrhunderte. Sie beginnt im 16. Jahrhundert mit wagemutigen Abenteurern und reicht bis zu den tragischen Fluchtgeschichten des 20. Jahrhunderts. Die folgende dreiteilige Blogreihe nimmt Sie mit auf eine literarische Zeitreise, die zeigt, wie bayerische Identität auf amerikanischem Boden neu verhandelt wurde. 

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Emerenz Meier

„Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt / und nicht nach der alten Schablone lebt, / Dann soll’s von der Menge gesteinigt werden, / Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden.“ Die Literatin aus Schiefweg in Niederbayern, die oft in ihrer Lebenszeit mit (geliebten) bayerischen Traditionen und sozialen Konventionen konfrontiert war, folgte ihrer Familie Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika. Ein stiller Aufbruch, weg vom bäuerlichen Milieu, in dem sie als Autorin mit ihrem Können nicht gesehen wurde, hin zu einem unbekannten weiten Land, das Freiheit und einen Neuanfang für Emerenz markierte. Trotz – oder unter Umständen auch gerade wegen – ihrer ersten gescheiterten Ehe mit dem Bayer Franz Schmöller setzte sich Emerenz Meier verstärkt für Frauenrechte ein. Sie war der festen Überzeugung, dass Deutschland und insbesondere ihre Heimat Bayern sehr rückständig sei, was die Rolle der Frau in der Gesellschaft anging. Die niederbayerische Autorin fasste aber nie so recht Fuß in den USA bzw. Chicago und sah Land und Leute sehr kritisch: „In Amerika braucht man eben keinen Verstand, um vorwärts zu kommen, im Gegenteil der Verstand ist dabei nur hinderlich und der Dümmste hats Glück.“ Die Sehnsucht nach der bayerischen Heimat begleitete sie täglich: „So heiß sehn ich mich oft nach meinem alten Oberndorf, ich träume noch immer beinahe jede Nacht davon.“ In ihrer zweiten Ehe mit einem Schweden konnte sie einem ihrer Grundbedürfnisse – dem Schreiben – wieder nachgehen, aber verarbeitete vor allem sozialkritische wie auch heimatbezogene Themen in ihren poetologischen Programmen. Die Leichtigkeit und der Humor, den ihr frühes Schaffen im Bayerischen Wald prägte, ging in den USA zusehends verloren und wich einem melancholischen und tiefgründigeren Ton.


Franziska Lachmann

Franziska Lachmann war eine jüdische Schriftstellerin, die in der Zeit des Nationalsozialismus ins Exil gezwungen wurde. 1874 in Hürben bei Krumbach (Bayerisch-Schwaben) geboren, wuchs sie in einem gebildeten Umfeld auf. Ihr Vater, der Kantor der jüdischen Gemeinde in Hürben, Isaak Lachmann, legte großen Wert auf musikalische Bildung und religiöse Traditionen. Er war als synagogaler Musiker, ja Musikwissenschaftler, durchaus europaweit eine anerkannte Autorität.

Franziska Lachmann besuchte das überkonfessionelle Fernsemersche Institut für Höhere Töchter in Krumbach und absolvierte ein Sprachenstudium in Augsburg. Ebenso wie ihre ältere Schwester Hedwig zog sie 1894 nach Berlin, wo sie als Sprachlehrerin, Erzieherin und Übersetzerin arbeitete. Zugleich ermöglichten ihr der Umzug und die Kontakte ihrer Schwester einen Zugang zu avantgardistischen Kreisen wie die Neue Gemeinschaft und den Friedrichshagener Dichter- und Künstlerkreis, in denen Hedwig Lachmanns Ehemann Gustav Landauer, aber unter anderem auch Richard und Paula Dehmel sowie Gerhard Hauptmann wirkten. Ihren späteren Ehemann Adolf Otto, den Sozialreformer und Mitentwickler der Gartenstadt Falkenberg, lernte Franziska ebenfalls dort kennen. Es waren bewegte Jahre für die Familie (1908 und 1910 wurden die zwei Töchter Ulrike und Agathe geboren), die in Falkenberg ein eher unkonventionelles Gemeinschaftsleben führten. Hedwig verstarb 1918, ein Jahr später wurde der Revolutionär Gustav Landauer ermordet und die politischen Umstände verschlechterten sich drastisch. Tochter Ulrike emigrierte bereits 1933. Nach langem Zögern folgte Franziska 1937 und gelangte über die USA nach Buenos Aires, wo sie erneut als Sprachenlehrerin und Übersetzerin tätig wurde. Adolf Otto blieb in Europa und starb 1943, Franziska lebte in Buenos Aires, wo sie 1947 verstarb. In ihren Gedichten schildert sie eigene Erfahrungen oder Erinnerungen, die mit dem Exil oder dem Krieg verbunden waren. Eine Besonderheit ihrer Gedichte besteht darin, dass sie in den Typoskripten ohne Umlaute geschrieben sind, was daraus resultiert, dass sie im Exil keine Schreibmaschine mit deutscher Tastatur zur Verfügung hatte.

Zu ihren Gedichten:

Im Exil fand Franziska Lachmann zudem einen neuen Zugang zum jüdischen Glauben, der ihr in der Fremde neuen Halt gab. Welch große Bedeutung dies für sie hatte, ist in ihren Exilgedichten gut erkennbar. Im Gedicht Vision verarbeitet sie die Gefühle, die sie kurz vor der Emigration empfand. In einem Traum spürt das lyrische Ich, dass keine Tür mehr in der Heimat offensteht. Der Raum wird zum Symbol für Identitätsverlust und Orientierungslosigkeit. Heimatlos geht den Weg einer Exilantin weiter – nach Verlassen der vertrauten Umgebung wird die Erinnerung an die verlorene Heimat mit dem Schmerz der Exilerfahrung gefüllt. Ein Höhepunkt der Exilerfahrung wird im Gedicht Im Exil verdeutlicht. Nach dem schmerzlichen Verlust der Heimat wird durch das religiöse Bild Zions ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft aufgetan. Alle drei Gedichte thematisieren zusammenfassend Verlust der Heimat, Entwurzelung, Prüfung durch Leid und die Suche nach Sinn und Erlösung – teils religiös, teils existenziell.

In ihren Gedichten betont Franziska Lachmann außerdem das Kollektiv durch Generationen hinweg. Daneben lassen sich auch Kontraste beobachten, beispielsweise in den Gedichten Gottesdienst, Tempelsaenger, Erneuerung und Krieg. Eine weitere wichtige Rolle spielt Spiritualität, die in den Gedichten Im Tempel, Marcia Funebre und Ihr Verblichenen zu erkennen ist. Vor allem in den Gedichten Menschenlos und Friedhof spiegelt sich Franziska Lachmanns jüdischer Glaube. Insbesondere das biblische Buch Kohelet und dessen jüdische Weisheitslehre finden Eingang in ihre Gedichte. Durch ihre Lyrik weht ein Windhauch, der Vergänglichkeit und Nichtigkeit mit sich trägt. Im Gedicht Menschenlos beschreibt die Autorin das Schicksal der jüdischen Gemeinde, geprägt von Vertreibung und Verfolgung. Sie zeichnet anhand von gewaltigen Naturbildern die Nichtigkeit und Vergänglichkeit des irdischen Lebens nach. Ein Windstoß, peitschende Wogen und tosende Wellen führen zu einem Zustand ohne Menschen. „Und Du, unbarmherziges Schicksal“, klagt das lyrische Ich. Ein aktives Schicksal, dem der Mensch machtlos gegenübersteht und das letztlich unausweichlich ist.

Im Gedicht Friedhof wendet Franziska Lachmann sich erneut der Vergänglichkeit des Lebens zu. Dabei nimmt sie den Tod nicht als Bedrohung wahr. Im Tod findet das leidende lyrische Du Erlösung. In Friedhof findet sich die Spur des Buchs Kohelet sowohl in der Vergänglichkeit des irdischen Lebens als auch im kosmischen Denken. Denn der Tod wird als Teil eines Kreislaufs von Leben und Sterben akzeptiert. Während Menschenlos und Friedhof die Abwesenheit von Menschen in den Vordergrund rücken, steht im Gedicht Begegnung die Begegnung mit einem lyrischen Du im Fokus. Die Beziehung zu diesem Gegenüber ist von einem tiefen Vertrauen geprägt. In Anlehnung an Martin Bubers „dialogisches Prinzip“ realisiert sich das lyrische Ich anhand des lyrischen Dus. Franziska Lachmanns Werk ist somit ein wichtiges literarisches Zeugnis für jüdische Exilerfahrung im 20. Jahrhundert.

 

Die letzte Folge lesen Sie am 9. Juli 2026.

Verfasst von: Bernadette Kuban (Text: Meier); Alicia Zeller, Bettina Mittendorfer, Lara Bolz, Monika Satinová (Text: Lachmann)

Sekundärliteratur:

Meier:

Göttler, Hans (2024): „Sanfte Rebellin“ zwischen Bayerwald und Chicago. Friedrich Pustet, Regensburg, S. 55.

Praxl, Paul (2008): Die unbekannte Emerenz Meier (Schriften des Stadtarchiv Waldkirchen, 4). Waldkirchen. URL: https://www.staatliche-bibliothek-passau.de/fileadmin/passau/Test-Ordner/nbvs_055.pdf, (16.02.2026).

Nachlass Emerenz Meier (1874-1928): Erzählung Die Christkindlspieler und Gedichte Spinnabend und Herbststimmung von Emerenz Meier sowie der Aufsatz: Emerenz Meier von Auguste Unertl, abgedr. im Neuen Passauer Schreibkalender 1933 - Staatliche Bibliothek Passau EM 3/46. URL: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00123834-2, (25.06.2026).

Lachmann:

Nachlass Franziska Lachmann: Synagogenstiftung Ichenhausen. Netzwerk jüdische Geschichte und Kultur in Bay.-Schwaben e.V., URL: https://www.verein-juedisches-schwaben.de/nachlass-von-franziska-lachmann-otto-1874-1947-durch-schenkung-an-die-stiftung-ehem-synagoge-ichenhausen-21-november-2024/, (07.01.2026).

Seemann, Birgit: „Mit den Besiegten“. Hedwig Lachmann (1865-1918) [2012]. Deutsch-jüdische Schriftstellerin und Antimilitaristin (Gustav Landauer. Ausgewählte Schriften, Bd. 9; Widerständige Frauen, Bd. 14). Überarb. u. akt. Neuaufl., Verlag Edition AV, Lich (Hessen).

Walz, Annegret (1993): „Ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen“. Hedwig Lachmann Eine Biografie. Ed. Die Schnecke, Flacht.