Moleskine aus Mariupol
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland und die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
1. Doppeldecker. Ich kam zum ersten Mal in meiner frühen Kindheit nach Mariupol (damals hieß es noch Schdanow). Das Flugzeug, das uns dorthin brachte, war klein, zwar kein Doppeldecker, aber es war viel kleiner als die Flugzeuge, mit denen wir zuvor geflogen waren. An die Stadt erinnere ich mich überhaupt nicht mehr, aber wir waren auch nicht lange dort. Mein Vater und ich fuhren sofort weiter zu einem Ferienhaus am Meer in der Nähe von Berdjansk, vielleicht hieß es „Perle”, aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin noch nie Wasserski gefahren, aber genau dort habe ich drei Versuche unternommen, es zu tun. Jedes Mal bin ich sofort hingefallen, es schien, als würde ich in Wassersplitter zerfallen. Und dann gibt es noch einen rätselhaften Satz, den ein aus Mariupol stammender Dramatiker nachdenklich aussprach, als wir zusammen am Meer standen: „Nicht alle wissen, dass dieser Sand jeden, der länger am Strand liegt, bis über den Kopf zudeckt.“
2. Hochzeitsspiel. Im Restaurant „Garten“ in Mariupol saßen wir auf der Terrasse vor den Fenstern und beobachteten eine Hochzeitsfeier, die von außen etwas seltsam aussah: Die Braut war nirgends zu sehen, dafür rannten dort ihre winzigen Ebenbilder in weißen Brautkleidern herum sowie mindestens sechs kleine Jungen im gleichen Alter (5, 6, 7 Jahre) in schwarzen Erwachsenenanzügen. Die Kinder freuten sich über drei bunte Minnesänger, den Bräutigam habe ich auch nicht gesehen, aber wie kann man ohne Braut überhaupt einen Bräutigam erkennen? Mir schien, dass ich einen der Väter der Jungvermählten gefunden hatte, der übrigens auch der Bräutigam hätte sein können. Er saß die ganze Zeit nachdenklich am Ende des Tisches und schenkte sich ständig Wodka ein. Von Zeit zu Zeit flogen die Mikro-Bräute nacheinander auf die Terrasse und drückten ihre Stirn für einen Moment an die Scheibe, als wollten sie sich selbst von außen betrachten, und kehrten dann ins Aquarium zurück.
3. Umkehrfilme. In Mariupol habe ich die ersten beiden Kapitel des Romans Serpentinen vorgelesen, das erste auf der Plattform „TYU“, das zweite im Palast „Molodeschny“, wo ich vorhatte, den Text vor dem Hintergrund meiner Bilder vorzulesen. Im Palast gab es einen Projektor, aber es stellte sich heraus, dass er weggeschlossen und der Schlüssel dafür verschwunden war, zumindest konnten die Mitarbeiter des Palasts ihn an diesem Abend nicht finden. Ich dachte, dass es derselbe schwarze gusseiserne Projektor aus meiner Kindheit ist, der dort in einem verschlossenen Raum steht. Als ich noch nicht lesen konnte, zeigte mir mein Vater Dia-Filme und las mir die Untertitel vor, darunter auch „Baron Münchhausen“.
4. Santa Barbara. Ich wachte um vier Uhr morgens auf und lag schlaflos da, bis mir einfiel, dass das Meer nur einen Katzensprung entfernt war. Das brachte mich zwar nicht wieder zum Einschlafen, aber der Gedanke an das Meer verschaffte mir dennoch eine gewisse Erleichterung. Obwohl die Römer das Asowsche Meer als „Meotisches Sumpfgebiet“ bezeichneten, konnte ich mich tagsüber davon überzeugen, dass es sich doch um ein Meer handelte, ich schwamm darin und beschloss nun, wenn schon kein nächtliches Bad, so doch zumindest einen Spaziergang entlang der Brandung. Ich warf mir ein Handtuch über die Schultern und stieg die steinerne weiße Treppe hinunter zur Straße, auf deren anderer Seite, gegenüber dem Hotel, direkt hinter den Gleisen, ein ebenso weiß gestrichener Baumstamm stand. Genauer gesagt handelte es sich um einen ziemlich dicken Baum mit zurückgeschnittenen Ästen, und dahinter lag der Nachtclub „Santa Barbara“, links und rechts davon erstreckten sich graue Sandstrände. Ich hatte die Straße bereits überquert, befand mich aber noch auf dieser Seite der Gleise. Dort stand eine Hütte mit einer Schranke, und fast direkt davor, aber nicht auf den Gleisen, sondern am Rand der Autobahn, auf der Fahrbahn, neben der Leitplanke, lag ein Mann, den ich schon einmal in anderen Träumen gesehen hatte. Mit ihm begann auch mein Roman Serpentinen, ich erinnerte mich gut an meinen Text und alles, was dort passiert, nachdem mein Held den Mann weckt, der mitten auf der Straße liegt (nichts Gutes). Ich stand eine Minute lang da und sah ihn an, ohne zu wissen, was ich als Nächstes tun sollte. „Hast du Lust auf Abenteuer?“, hörte ich aus der Hütte des Weichenstellers. „Geh lieber nach Hause.“ Diese Worte versetzten mich natürlich noch tiefer in Staunen. Ich stand wie angewurzelt da, mir schwirrten irgendwelche Gedanken durch den Kopf, bis ich mir sagte, dass es genug sei, Post-Fiction zu spielen, und es Zeit sei, den Mann zu wecken, bevor er überfahren würde. Und da hörte ich Stimmen. Zuerst tauchten auf der anderen Seite in der Nähe des Häuschens Angelruten auf, und ich begriff, dass die Worte nicht an mich gerichtet waren, sondern an die Angler, offenbar Freunde des Weichenstellers, der mir nun auch wie eine Art Angler erschien, nur etwas verrückter, mit einer eisernen Angelrute vom Schlagbaum. Und fast sofort hörte ich andere Stimmen auf dieser Seite der Gleise, die Stimmen der Freunde des Liegenden. Sie kamen zu ihm, hoben ihn auf die Beine, er hatte einen Pferdeschwanz, er war ganz jung, und er ging mit ihnen mit, vielleicht stützte er sich auf ihre Schultern, ich schaute nicht mehr hin, sondern überquerte endlich die Gleise.
Im „Santa Barbara” war es jetzt still und dunkel, aber etwas flackerte, und jemand dort war lebendig, zumindest ein Besucher, ein schlaksiger Teenager von etwa fünfzehn Jahren in einem burgunderroten Trainingsanzug, der mit der Faust auf den roten Boxautomaten „Silomer” schlug. Der Automat, der die Schlagkraft anzeigt, war nicht anthropomorph, sondern einfach nur eine schwarze Box, die an der Wand flackerte. Die Gesichtszüge des Automaten habe ich übrigens von Kant übernommen. Wenn man ihm eine Perücke aufsetzt, sieht man vielleicht sogar eine gewisse Ähnlichkeit, obwohl ich mich nicht besonders bemüht, sondern es eher mechanisch gemacht habe, denn in den Tagen, als ich das Bild malte, gab es eine Flut von Nachrichten über Kant aus Russland, wo er zum Feind erklärt und sein Denkmal in Königsberg, heute Kaliningrad, mit roter Farbe bespritzt ist.
(Diese Texte wurden 2019 bei der Vernissage der Ausstellung „Prosa Engine” in Feldafing vorgelesen, wo unter anderem diese Bilder zu sehen waren.)
2025. Ich habe zwei Moleskine-Notizbücher aus Mariupol, ein grünes und ein blaues. Auf dem Cover des einen grüßt Hemingway, auf dem des anderen Jules Verne. Beide Skizzenbücher wurden von der Firma „Halabuda“ hergestellt, auf der Rückseite des Einbands steht in kleiner Schrift die Adresse: Mariupol, Architekt-Nielsen-Straße 60. Der Eigentümer der Firma, Dmitro Tschhitschera, war nicht nur Geschäftsmann, sondern vielmehr Fotograf. „Halabuda“ bedeutet auf Ukrainisch Hütte, Baracke, Laube, baufälliges Häuschen. Dmitro Tschitschera verschwand nach einem Bombenangriff spurlos.
Das erfuhr ich 2022 von einer Dichterin aus Mariupol, der ich das blaue Moleskine-Notizbuch und einige Bilder zeigte, die nach Beginn des großen Krieges darin gemalt wurden (das grüne Moleskine-Notizbuch hatte ich schon früher mit einem Filzstift bemalt).
Die Dichterin erzählte mir, dass auch ihre beiden Wohnungen, d.h. ihre und die ihres Mannes, sowie das schneeweiße Hotel, in dem wir übernachtet hatten, und der Nachtclub „Santa Barbara“, der zuerst in meinem Text und dann auch auf dem Bild im blauen Moleskine-Notizbuch auftauchte, zerstört worden waren.
Als ich 2018 aus Mariupol nach München zurückkehrte, malte ich mehrere Bilder, nicht in Moleskine-Notizbüchern, sondern auf einzelnen Blättern.
Als der Krieg begann, dachte ich, dass diese fröhlichen (zumindest für mein insgesamt trauriges Universum) Bilder jetzt ungefähr so unpassend sind wie Poesie nach Auschwitz.
Aber dann tauchten neue Bilder in meinem blauen Moleskine-Notizbuch auf. Davor zeichnete ich in dem mit einem schwarzen Filzstift Steinfiguren auf beiden Seiten der Brücken über die Isar. Das begann während der Pandemie. Und dann war es 2022, Russland begann, Mariupol dem Erdboden gleichzumachen, und das Medium wurde doch zur Botschaft.
„Hallo, Schriftsteller!“
Moleskine aus Mariupol>
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland und die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
1. Doppeldecker. Ich kam zum ersten Mal in meiner frühen Kindheit nach Mariupol (damals hieß es noch Schdanow). Das Flugzeug, das uns dorthin brachte, war klein, zwar kein Doppeldecker, aber es war viel kleiner als die Flugzeuge, mit denen wir zuvor geflogen waren. An die Stadt erinnere ich mich überhaupt nicht mehr, aber wir waren auch nicht lange dort. Mein Vater und ich fuhren sofort weiter zu einem Ferienhaus am Meer in der Nähe von Berdjansk, vielleicht hieß es „Perle”, aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin noch nie Wasserski gefahren, aber genau dort habe ich drei Versuche unternommen, es zu tun. Jedes Mal bin ich sofort hingefallen, es schien, als würde ich in Wassersplitter zerfallen. Und dann gibt es noch einen rätselhaften Satz, den ein aus Mariupol stammender Dramatiker nachdenklich aussprach, als wir zusammen am Meer standen: „Nicht alle wissen, dass dieser Sand jeden, der länger am Strand liegt, bis über den Kopf zudeckt.“
2. Hochzeitsspiel. Im Restaurant „Garten“ in Mariupol saßen wir auf der Terrasse vor den Fenstern und beobachteten eine Hochzeitsfeier, die von außen etwas seltsam aussah: Die Braut war nirgends zu sehen, dafür rannten dort ihre winzigen Ebenbilder in weißen Brautkleidern herum sowie mindestens sechs kleine Jungen im gleichen Alter (5, 6, 7 Jahre) in schwarzen Erwachsenenanzügen. Die Kinder freuten sich über drei bunte Minnesänger, den Bräutigam habe ich auch nicht gesehen, aber wie kann man ohne Braut überhaupt einen Bräutigam erkennen? Mir schien, dass ich einen der Väter der Jungvermählten gefunden hatte, der übrigens auch der Bräutigam hätte sein können. Er saß die ganze Zeit nachdenklich am Ende des Tisches und schenkte sich ständig Wodka ein. Von Zeit zu Zeit flogen die Mikro-Bräute nacheinander auf die Terrasse und drückten ihre Stirn für einen Moment an die Scheibe, als wollten sie sich selbst von außen betrachten, und kehrten dann ins Aquarium zurück.
3. Umkehrfilme. In Mariupol habe ich die ersten beiden Kapitel des Romans Serpentinen vorgelesen, das erste auf der Plattform „TYU“, das zweite im Palast „Molodeschny“, wo ich vorhatte, den Text vor dem Hintergrund meiner Bilder vorzulesen. Im Palast gab es einen Projektor, aber es stellte sich heraus, dass er weggeschlossen und der Schlüssel dafür verschwunden war, zumindest konnten die Mitarbeiter des Palasts ihn an diesem Abend nicht finden. Ich dachte, dass es derselbe schwarze gusseiserne Projektor aus meiner Kindheit ist, der dort in einem verschlossenen Raum steht. Als ich noch nicht lesen konnte, zeigte mir mein Vater Dia-Filme und las mir die Untertitel vor, darunter auch „Baron Münchhausen“.
4. Santa Barbara. Ich wachte um vier Uhr morgens auf und lag schlaflos da, bis mir einfiel, dass das Meer nur einen Katzensprung entfernt war. Das brachte mich zwar nicht wieder zum Einschlafen, aber der Gedanke an das Meer verschaffte mir dennoch eine gewisse Erleichterung. Obwohl die Römer das Asowsche Meer als „Meotisches Sumpfgebiet“ bezeichneten, konnte ich mich tagsüber davon überzeugen, dass es sich doch um ein Meer handelte, ich schwamm darin und beschloss nun, wenn schon kein nächtliches Bad, so doch zumindest einen Spaziergang entlang der Brandung. Ich warf mir ein Handtuch über die Schultern und stieg die steinerne weiße Treppe hinunter zur Straße, auf deren anderer Seite, gegenüber dem Hotel, direkt hinter den Gleisen, ein ebenso weiß gestrichener Baumstamm stand. Genauer gesagt handelte es sich um einen ziemlich dicken Baum mit zurückgeschnittenen Ästen, und dahinter lag der Nachtclub „Santa Barbara“, links und rechts davon erstreckten sich graue Sandstrände. Ich hatte die Straße bereits überquert, befand mich aber noch auf dieser Seite der Gleise. Dort stand eine Hütte mit einer Schranke, und fast direkt davor, aber nicht auf den Gleisen, sondern am Rand der Autobahn, auf der Fahrbahn, neben der Leitplanke, lag ein Mann, den ich schon einmal in anderen Träumen gesehen hatte. Mit ihm begann auch mein Roman Serpentinen, ich erinnerte mich gut an meinen Text und alles, was dort passiert, nachdem mein Held den Mann weckt, der mitten auf der Straße liegt (nichts Gutes). Ich stand eine Minute lang da und sah ihn an, ohne zu wissen, was ich als Nächstes tun sollte. „Hast du Lust auf Abenteuer?“, hörte ich aus der Hütte des Weichenstellers. „Geh lieber nach Hause.“ Diese Worte versetzten mich natürlich noch tiefer in Staunen. Ich stand wie angewurzelt da, mir schwirrten irgendwelche Gedanken durch den Kopf, bis ich mir sagte, dass es genug sei, Post-Fiction zu spielen, und es Zeit sei, den Mann zu wecken, bevor er überfahren würde. Und da hörte ich Stimmen. Zuerst tauchten auf der anderen Seite in der Nähe des Häuschens Angelruten auf, und ich begriff, dass die Worte nicht an mich gerichtet waren, sondern an die Angler, offenbar Freunde des Weichenstellers, der mir nun auch wie eine Art Angler erschien, nur etwas verrückter, mit einer eisernen Angelrute vom Schlagbaum. Und fast sofort hörte ich andere Stimmen auf dieser Seite der Gleise, die Stimmen der Freunde des Liegenden. Sie kamen zu ihm, hoben ihn auf die Beine, er hatte einen Pferdeschwanz, er war ganz jung, und er ging mit ihnen mit, vielleicht stützte er sich auf ihre Schultern, ich schaute nicht mehr hin, sondern überquerte endlich die Gleise.
Im „Santa Barbara” war es jetzt still und dunkel, aber etwas flackerte, und jemand dort war lebendig, zumindest ein Besucher, ein schlaksiger Teenager von etwa fünfzehn Jahren in einem burgunderroten Trainingsanzug, der mit der Faust auf den roten Boxautomaten „Silomer” schlug. Der Automat, der die Schlagkraft anzeigt, war nicht anthropomorph, sondern einfach nur eine schwarze Box, die an der Wand flackerte. Die Gesichtszüge des Automaten habe ich übrigens von Kant übernommen. Wenn man ihm eine Perücke aufsetzt, sieht man vielleicht sogar eine gewisse Ähnlichkeit, obwohl ich mich nicht besonders bemüht, sondern es eher mechanisch gemacht habe, denn in den Tagen, als ich das Bild malte, gab es eine Flut von Nachrichten über Kant aus Russland, wo er zum Feind erklärt und sein Denkmal in Königsberg, heute Kaliningrad, mit roter Farbe bespritzt ist.
(Diese Texte wurden 2019 bei der Vernissage der Ausstellung „Prosa Engine” in Feldafing vorgelesen, wo unter anderem diese Bilder zu sehen waren.)
2025. Ich habe zwei Moleskine-Notizbücher aus Mariupol, ein grünes und ein blaues. Auf dem Cover des einen grüßt Hemingway, auf dem des anderen Jules Verne. Beide Skizzenbücher wurden von der Firma „Halabuda“ hergestellt, auf der Rückseite des Einbands steht in kleiner Schrift die Adresse: Mariupol, Architekt-Nielsen-Straße 60. Der Eigentümer der Firma, Dmitro Tschhitschera, war nicht nur Geschäftsmann, sondern vielmehr Fotograf. „Halabuda“ bedeutet auf Ukrainisch Hütte, Baracke, Laube, baufälliges Häuschen. Dmitro Tschitschera verschwand nach einem Bombenangriff spurlos.
Das erfuhr ich 2022 von einer Dichterin aus Mariupol, der ich das blaue Moleskine-Notizbuch und einige Bilder zeigte, die nach Beginn des großen Krieges darin gemalt wurden (das grüne Moleskine-Notizbuch hatte ich schon früher mit einem Filzstift bemalt).
Die Dichterin erzählte mir, dass auch ihre beiden Wohnungen, d.h. ihre und die ihres Mannes, sowie das schneeweiße Hotel, in dem wir übernachtet hatten, und der Nachtclub „Santa Barbara“, der zuerst in meinem Text und dann auch auf dem Bild im blauen Moleskine-Notizbuch auftauchte, zerstört worden waren.
Als ich 2018 aus Mariupol nach München zurückkehrte, malte ich mehrere Bilder, nicht in Moleskine-Notizbüchern, sondern auf einzelnen Blättern.
Als der Krieg begann, dachte ich, dass diese fröhlichen (zumindest für mein insgesamt trauriges Universum) Bilder jetzt ungefähr so unpassend sind wie Poesie nach Auschwitz.
Aber dann tauchten neue Bilder in meinem blauen Moleskine-Notizbuch auf. Davor zeichnete ich in dem mit einem schwarzen Filzstift Steinfiguren auf beiden Seiten der Brücken über die Isar. Das begann während der Pandemie. Und dann war es 2022, Russland begann, Mariupol dem Erdboden gleichzumachen, und das Medium wurde doch zur Botschaft.
„Hallo, Schriftsteller!“







