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13.02.2026, 09:28 Uhr
Tanja Kinkel
Text & Debatte

E.T.A. Hoffmann zum 250. Geburtstag

Er war Jurist, Komponist und der Meister des Unheimlichen: Von 1808 bis 1813 lebte E.T.A. Hoffmann in Bamberg – fünf Jahre, die für seine schriftstellerische Arbeit entscheidend waren. In der Domstadt reifte er vom glücklosen Musikdirektor zum literarischen Genie der Spätromantik im deutschsprachigen Raum. Anlässlich seines diesjährigen 250. Geburtstages wirft Autorin Tanja Kinkel, selbst gebürtige Bambergerin, einen persönlichen Blick auf das vielschichtige Leben des Künstlers. 

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Was konnte der Mann nicht alles! – Bücher schreiben, die in ganz Deutschland von sich reden machten, auf dem Piano fantasieren, Opern komponieren, Karikaturen zeichnen, Witz sprudeln, wie er den Mund öffnete.

Soweit ein bewundernder Freund über E.T.A. Hoffmann. Friederike Devrient, Ehefrau eines anderen Freundes, hatte eine entschieden schlechtere Meinung von ihm: Für sie war Hoffmann in seinen letzten Jahren ihr „Hausteufel“, weil er ihren Gatten dabei half, sich zu Tode zu trinken (mit bis zu sechs Flaschen täglich). Für den Ministerialdirektor des preußischen Polizeiministeriums, Karl Albert von Kamptz, war der Kammergerichtsrat Hoffmann ein unbotsames Dauerärgernis; ein Beamter, der einfach Prinzipien und Gerechtigkeit über persönliche Sympathien oder allerhöchste Anweisungen stellte, weswegen ihn Kamptz wortwörtlich noch bis ins Grab schikanierte. (Mehr später dazu.)

Für die Bürger meiner Heimatstadt Bamberg, in der heute nach ihm das Theater und ein Gymnasium benannt sind, und wo E.T.A. Hoffmann ein paar entscheidende Lebensjahre verbrachte, war er vor allem: ein Auswärtiger. Ein Zugereister. Nicht nur das, ein waschechter Preuße. Und er hatte Schwierigkeiten mit uns Bambergern. Oh, nicht mit der Landschaft um Bamberg, oder der Architektur unserer Stadt. In den Serapionsbrüdern beschreibt er Bamberg als „einen Ort, der bekanntlich in der anmutigsten Gegend des südlichen Deutschland liegt“. Im Hain, dem Bamberger Stadtpark, ging er oft und gerne spazieren, schon, weil er in Bug oft einkehrte und dann, wie er in der Nachricht vom neuesten Schicksal des Hundes Berganza schreibt, sich von der Fähre übersetzen ließ und am Fluß entlang bis in die Stadt zurücklief. Übrigens, da muß er gut zu Fuß gewesen sein; zumindest laut eigener Auskunft brauchte er nur eine Viertelstunde dafür, während heute auch sportliche Naturen mindestens eine halbe benötigen. Was nun die Bambergerinnen betrifft, so äußert sich Hoffmann in der letzten Erzählung, die er je schrieb, Jahre, nachdem er unsere Stadt verlassen hatte, und ins kalte Preußen zurückgekehrt war, auch sehr freundlich:

Im südlichen Deutschland, vorzüglich in Franken, und zwar beinahe ausschließlich in der Bürgerklasse, trifft man solche feine, zierliche Gestalten, solche liebliche fromme Engelsgesichtlein, süße Sehnsucht des Himmels in den blauen Augen, des Himmels Lächeln auf den Rosenlippen, daß man wohl gewahrt, wie die alten Maler die Modelle zu ihren Madonnen nicht weit suchen mußten.

Geneigte Leserinnen, vielleicht fragen Sie sich jetzt mit mir, wieviel der gute Hoffmann, ein großer Freund des fränkischen Weins, intus hatte, als er diese Zeilen schrieb. Irgendwie klingt diese Beschreibung nämlich schon nach Manga-Figuren im frühen 19. Jahrhundert, und wir Fränkinnen sehen uns schon etwas, nun, handfester. Aber sehen Sie es ihm nach: Das Zitat stammt, wie erwähnt, aus der späten Erzählung Johannes Wacht, die Hoffmann schon nicht mehr schreiben, sondern nur diktieren konnte, weil sein Körper bereits dabei war, sich von dieser Welt zu verabschieden. Er war ohnehin der Meinung, daß ein Dichter sehen müsse, was eben nicht da ist – und es gleichzeitig schaffen sollte, im Hier und Jetzt verwurzelt zu sein. Deswegen spielen Hoffmanns Märchen auch nicht, wie die der Brüder Grimm, in einem fernen „Es war einmal“, sondern in seiner Gegenwart. Ehe Türknaufe zum Leben erwachen, und als Apfelweible Prophezeiungen verkünden, schlägt sich der Student Anselmus mit dem studentischen Alltag der napoleonischen Ära herum.

Hoffmann kam nach Bamberg als Musikdirektor, verkrachte sich prompt mit den Bamberger Musikern, so dass er de facto den Beruf nur ein paar Wochen ausüben konnte, und verdingte sich fortan seinen Lebensunterhalt in unserer Stadt vor allem als Musiklehrer für höhere Töchter, während er sich auf das Schriftstellern konzentrierte, was ihm zwar Unsterblichkeit, aber auch wenig Geld einbrachte. Allein das erklärt schon, warum er auf Bamberg ebenso oft schimpfte, wie er es lobte. Aber ich denke, da war noch etwas mehr. Er sah inmitten der Schönheit auch die dunklen Seiten unserer Stadt; die gelegentliche Abwehr von Fremdem und Neuem, beispielsweise. Die Enge, die nicht immer heimelig und gemütlich, sondern manchmal auch erdrückend sein konnte. Als er ging, war und blieb er von Bamberg geprägt; es hatte ihn vielleicht nicht zum Schriftsteller gemacht, aber als Schriftsteller geformt, und inspiriert wie kein anderer Ort in Deutschland.

Hoffmann war mit ganzer Seele Dichter und Komponist. Aber er war, wie schon erwähnt, auch Jurist, ein Beamter in preußischen Diensten, als er die Schriftstellerin Helmina von Chézy vernehmen mußte. Helmina von Chézy hatte nach dem Ende der Napoleonischen Kriege die verwundeten und verkrüppelten Soldaten in den Lazaretten erlebt, um die sich Preußen nicht scherte. Sie schilderte diese Zustände in einem empörten Brief dem General von Gneisenau. Das Endresultat war nicht etwa eine Verbesserung der Lazarettpflege, sondern eine Anklage gegen Helmina von Chézy wegen Beleidigung des preußischen Militärs. Sie wurde zu einem Jahr Gefängnis, zur Übernahme der Prozesskosten und zu einer Geldstrafe von 500 Reichstalern verurteilt. Daraufhin wandte sie sich an das übergeordnete Kammergericht in Berlin, und geriet dabei an keinen anderen als E.T.A. Hoffmann, der für Freispruch bei voller Entschädigung der Beklagten eintrat. Der preußische Justizminister verwarf jedoch Hoffmanns Gutachten, so daß Hoffmann sie erneut verhören mußte. Er blieb bei seiner Meinung, und in dritter Instanz wurde endlich für Helmina von Chézy entschieden.

E.T.A. Hoffmann (l.) und Schauspieler Ludwig Devrient verband eine intensive Freundschaft. Ihr Stammlokal war das Lutter & Wegner in Berlin, wo sie sich nächtelang in Punschgelagen verloren und leidenschaftliche Diskussionen führten, die oft erst in den frühen Morgenstunden endeten. (Lutter & Wegner Reproduktion, o.D.)

Hoffmann mag den Kopf oft in einem Reich der Fantasie gehabt haben, in dem er seine Helden wie Anselmus oder Marie und ihren Nussknacker gerne enden lässt. Aber sein Herz schlug in seiner Gegenwart, und wenn er Unrecht in ihr sah, dann schaute er nicht weg, sondern handelte. Und zwar nicht nur, wenn ihm die Menschen, denen Unrecht geschah, sympathisch waren. Privat fand er den „Turnvater“ Jahn mit seinem Franzosenhass grässlich; in Klein Zaches, genannt Zinnober gibt es einen Seitenhieb auf Jahn, der sich verbrannte Erde zwischen der Schweiz, Frankreich und den deutschen Staaten wünschte, um „das heilige Deutschland“ zu schützen. Doch als der bereits erwähnte Karl Albert von Kamptz, Herr über das preußische Polizeiministerium, Jahn unterstellte, auf den Turnplätzen zum Mord an Staatsdienern aufzurufen, was schlicht und einfach nicht der Wahrheit entsprach, da verfasste der Kammergerichtsrat Hoffmann nicht nur ein Gutachten, das besagte, Jahn sei aus seinem Arrest zu entlassen, sondern riet Jahn auch gleich noch, den Spieß umzudrehen, und Kamptz wegen Verleumdung zu verklagen. Ich hätte E.T.A. Hoffmann weder als Ehemann noch als Freund des Hauses haben mögen – meine Sympathien liegen da ganz bei Mischa Hoffmann und Friederike Devrient –, aber unbedingt als Anwalt oder zuständigen Richter. Von dieser Integrität könnten wir im Hier und Heute mehr gebrauchen. Zumal Hoffmann tatsächlich viel riskierte: Der rachsüchtige Kamptz ließ eine seiner letzten Erzählungen, den Meister Floh, beschlagnahmen, wo er sich als „Knarrpanti“ verewigt fand – „Auf die Erinnerung, daß doch eine Tat begangen sein müsse, wenn es einen Täter geben solle, meinte Knarrpanti, daß, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde“ – und sorgte nicht nur für eine Zensur der betreffenden Stellen, die erst 1908 gedruckt werden durften, sondern auch für ein Dienstverfahren gegen den sterbenden Hoffmann, der mit seinem Tod weiteren Schikanen ein Ende setzte.

Als Leserin bin ich vor allem seinen Lebens-Ansichten des Katers Murr verfallen, nicht nur, weil der Witz und die Satire noch heute wunderbar funktioniert (was bei jahrhundertealten Satiren nicht oft der Fall ist), sondern auch, weil man merkt, dass Hoffmann sich mit Katzen wirklich auskannte. Sein literarischer Murr hatte ein reales Vorbild, Hoffmanns Kater gleichen Namens, an dem er sehr hing, wie sein Freund Hitzig berichtet:

Hoffmann sprach seinem Kater, den er selbst aufgezogen hatte, „die wunderbare Gabe“ zu, „durch das einzige Wörtchen Miau Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften auszudrücken. Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses Einfachste aller einfachen Mittel, sich verständlich zu machen!“ Er war auch stolz auf die Klugheit seines Katers, der in der Regel im Schubkasten des Schreibtischs seines Herrn ruhte und ihm treu zur Seite stand, wenn der Bote des Kammergerichts Akten abholte, die Hoffmann durchgelesen haben sollte, aber nicht gelesen hatte. Damit der Bote die Seiten auf dem Pult nicht lesen konnte, legte der Kater seine Pfoten auf die Papiere, die sich anstatt mit Jura mit Ästhetik beschäftigten.

Dass der reale Murr vor Hoffmann starb, bereitete ihm großen Kummer, doch seinem literarischen Konterfei konnte er Unsterblichkeit verleihen. Daher vermute ich, dass ihm, der in diesem Jahr einen runden Geburtstag feierte, der Glückwunsch gefallen hätte, den ich dieser vielschichtigen, komplexen Künstlerpersönlichkeit abschließend aussprechen will: Miau, Herr Hoffmann. Miau!