Info
05.02.2026, 10:09 Uhr
Fiona Rachel Fischer
Text & Debatte
images/lpbblogs/startpage/Fiona_Rachel_Fischer_164.jpg#joomlaImage://local-images/lpbblogs/startpage/Fiona_Rachel_Fischer_164.jpg?width=164&height=164
© Nicolas Cassardt

Vogelleim. Eine Kurzgeschichte von Fiona Rachel Fischer

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2026/klein/Vogelleim_Aufmacherbild_500.jpg#joomlaImage://local-images/lpbblogs/autorblog/2026/klein/Vogelleim_Aufmacherbild_500.jpg?width=500&height=570
Gemälde von Birgit Fischer © Fotografiert von Nicolas Cassardt

Die angehende Autorin Fiona Rachel Fischer erzählt uns mit Vogelleim eine wundersame Wintergeschichte, die lange nachhallt.    

*

Die Misteln hatte P. vom Nachbarsjungen holen lassen, von den Bäumen hinter dem Feld. Der kletterte gut und wenn er herunterfiel, dann war an dem Jungen auch nicht so viel dran, was hätte zerbrechen können.
Dann ließ P. die kleinen Schwestern des Jungen alle Beeren von den Mistelzweigen zupfen und sie mit dicken Holzästen in einem Eimer zerdrücken. Die Kinder bekamen dafür ein paar Münzen und als sie am Abend schließlich gingen, war P. froh. Er faltete kleine Tüten aus Papier, während er vor dem Kamin saß und als er im Bett lag, freute er sich sehr auf den nächsten Tag. 
Er wurde von Vogellärm geweckt und stand mit der Sonne auf. Die zerquetschten Mistelbeeren waren reif und gut durchgezogen. Er schüttete Birnensaft dazu und etwas Honig und rührte genüsslich in der gelblich-grünlichen Masse. Ein Hund jagte hinter dem Zaun die Vögel und sie flogen auf und schimpften wild und hackten nach ihm, wenn er einmal zu nah herankam. P. holte die Papiertüten, die er gestern eifrig gefaltet hatte, und trug Eimer und Tüten nach draußen. Der Schnee war weiß, die Luft war grau und sein Haus war braun. Nirgendwo mehr waren schwarze hüpfende Punkte zu sehen. Wahrscheinlich verschmolzen sie mit den schwarzen Baumgerippen hinter dem Zaun. Der Hund war fort, nur ein bisschen Blut und Federn hatte er hinterlassen. 
P. setzte sich auf einen kalten Holzschemel und begann. Das Frühstück ließ er aus, er schaffte es nicht, weiter zu warten. Es hatte schon lange genug gedauert, bis die Beeren endlich reif genug waren. Er nahm einen Holzschiefer und spachtelte die Beerenmasse in die Tüten. Eine nach der anderen bestrich er von innen damit, und er arbeitete gründlich. Gründlich arbeitete er, bis die Sonne nicht mehr rosa war, sondern blassgelb. P. legte die Tüten in den Schnee und ging zu dem Schuppen und holte den Hasen. Der Hase war grau und seine Augen braun. Er zog ein Messer aus seinem Gürtel und dem Hasen das Fell über die Ohren. Er schnitt grobe Stücke Fleisch aus dem Tier, er hatte keine Zeit mehr, um es sauber auszunehmen. Plötzlich stand der braune Köter neben ihm und bettelte. P. warf Schnee nach ihm. Er konnte nicht länger warten. In jede ausgekleisterte Tüte ließ er ein Fleischstück hineinfallen, dann griff er sich den Korb mit den gefüllten Papiertüten und schritt seinen Grund damit ab.

Es dauerte bis zum späten Nachmittag, bis er den ersten Tumult hörte. P. rannte sofort zum Fenster und sah das Geflatter. Er nahm seinen Hut und seinen Mantel und ging hinaus zu den Tüten im Schnee. Überall auf dem Feld lagen sie verteilt, die Elstern, mit weit ausgebreiteten Flügeln, um sie herum ein bisschen Rot und schwarze Federn im Weiß. P. hauchte Nebel in seine Hände und rieb sie. Dann eilte er zurück zum Haus, um einen Korb zu holen.
Auf der Rückseite des Hauses flog gerade eine Elster auf, als er um den Schuppen herumkam. Kaum konnte er sie vor dem grauen Winterhimmel erkennen, die Papiertüte über ihrem kleinen Kopf; sie flog hoch – hoch – in blinder Raserei, flatterte mit ihren Flügeln und drehte sich in der Luft. 
P. stand da, mit in den Nacken gelegtem Kopf und beobachtete gebannt den Tütentanz des Vogels. Eine kleine Träne rann ihm aus dem linken Auge, so schön fand er es. P. hasste Vögel, besonders Elstern. Sie plagten seinen Hof, weckten ihn und hielten ihn wach und die Nachbarskinder trafen nicht mit ihren vermaledeiten Steinen. Die Elstern flogen zu schnell auf, aber nicht davon. Allein der streunende Hund erwischte ab und zu eine. P. hasste Vögel und er war auch neidisch auf sie, wie alle Menschen es sind, denn Vögel können fliegen.

Die Elster mit der Papiertüte auf dem Kopf war wunderschön in ihrem panischen Flug und irgendwann fiel sie vom Himmel. Vom Bann des Tütentanzes befreit rannte P. sofort zu der Stelle des Absturzes. Die Flügel der Elster zuckten im Schnee und spritzten mit ein paar Flocken, doch sie konnte sich nicht aufrappeln. P. nahm den Vogel auf und riss ihm die Papiertüte vom Kopf. Ein paar Federn blieben an dem Vogelleim kleben und das angefressene Stück Hasenfleisch fiel heraus. Die Augen des Vogels bewegten sich schnell in ihren Höhlen und fixierten schließlich P. 
Der starrte zurück und für eine ganze und eine halbe Ewigkeit tauchten P. und der Vogel ineinander ein. Dann schlug die sterbende Elster plötzlich wie wild mit den Flügeln und hackte ihren Schnabel in seine Handfläche. P. fluchte und ließ den flatternden Vogel fallen, schüttelte die blutende Hand, tropfte auf die Elster und trat mit seinem schweren Schuh auf den Vogel ein, bis er still war. Das Vogelblut war im Schnee von seinem eigenen nicht zu unterscheiden. P. hastete weiter und holte den Korb, stieg auf dem Rückweg über die verdammte Elster und sammelte das andere Federvieh ein, das schon vom Himmel gefallen war und sich alleine das Genick gebrochen hatte.
Zufrieden ging er wieder nach drinnen, um sich die Hand zu verbinden. Die verdammte Elster hatte ihn genau in der Mitte der Handfläche erwischt und mit ihrem Schnabel die Kopflinie sauber durchtrennt. Er kippte etwas von seinem billigen Fusel darüber und band sich ein Stück Stoff darum. Es war ihm ein guter Trost, dass der vermaledeite Vogel draußen hart gefrieren und sich im Frühling nur noch das Gewürm um ihn scheren würde. Die anderen, braven Elstern entledigte er ihrer Federn, nahm sie aus und kochte eine kräftige Brühe aus ihrem Fleisch. Der Duft nach Fett und Vogelfleisch schmiegte sich in seine Nase und der Geschmack seines triumphalen Abendessens blieb ihm noch bis zum Schlafengehen auf der Zunge.

Am nächsten Morgen erwachte er erholt und zufrieden in der wieder gewonnen Stille seines Gutshofes. Der Duft der Elsterbrühe lockte ihn aus dem Bett und er aß gierig eine Schüssel davon zum Frühstück. Dann ging er nach draußen, um zu sehen, ob weitere Vögel zum Ernten bereit waren.
Die Ausbeute seiner Vogeljagd war reich und zur Feier seiner gelungenen Falle stellte er das Buch seines Großvaters mit dem Rezept für den Vogelleim auf den Kamin. Nicht nur war er so die Elsternplage losgeworden, er hatte auch genug zu essen für Wochen. Er überlegte, ob er nicht ein paar Gläser der Brühe einkochen sollte. Denn auch wenn die Suppe nach Triumph schmeckte, konnte er nicht zu jeder Mahlzeit davon essen. Der Geruch danach hing bereits in seinen Kleidern und dem Sessel vor dem Kamin, wo er abends zu essen pflegte. 

Er beschloss also, den Rest abzufüllen, und als er damit fertig war, riss er Türen und Fenster auf, um die frische, klirrende Winterluft hereinzulassen. Der erste Atemzug war befreiend, doch nach kurzer Zeit mischte sich der ranzige Geruch der Vogelbrühe wieder darunter. Bis das Wasser in dem großen Tonkrug beinahe gefror, ließ er die Kälte herein, doch der Geruch löste sich nicht. P. räumte die Gläser mit der Brühe ganz tief nach unten in seinen Keller und fand eine Flasche mit Met, die er vor langer Zeit einmal auf einem Dorffest gekauft hatte. Kurzer Hand nahm er sie mit aus der Speisekammer nach oben und erhitze den Flascheninhalt auf dem Ofen. Länger als nötig stand der Met dort über den Flammen. P. hielt seinen Kopf über die dampfende Flüssigkeit und inhalierte die süßen, alkoholischen Schwaden. Doch auch jetzt schlich sich nach einigen Zügen der würzige, leicht ranzige Geruch der Vogelbrühe in seine Nase und ließ seine Sinne nicht mehr los. Er öffnete den Mund, um mehr von den süßen Schwaden des Mets aufzunehmen, doch es half nichts. 
Schließlich wurde er ungeduldig und schenkte sich einen Krug davon ein. Er trank gierig, lechzte nach der Süße des Honigs und achtete nicht auf die Hitze, die ihm die Zunge hätte verbrennen müssen. Statt der Süße fand er den Met jedoch bitter, er hatte ihn zu lange auf dem Ofen gelassen. Das Bittere drang in jeden Winkel seines Mundes vor, liebkoste seine Zunge und so hieß er ihn willkommen. Auf einmal aber nahm er Salz und Fett wahr, die sich mit dem Vogelranz in die Bitterkeit mischten. Er spuckte aus und fluchte. Er trank alles Wasser, das er noch im Haus hatte und ging ins Bett, einen Lavendelzweig neben seinem Kopf.

Die nächsten Nächte schlief er mit Potpourri unter dem Kopfkissen, doch es half nichts. Er räumte seine gesamte Vorratskammer aus, aß und schnupperte alles Süße, Bittere und Saure, das er finden konnte, vergrub sogar den Kessel, in dem er die Brühe gekocht hatte, weit weg von seinem Haus im Hof. Irgendwann war er bereit, mit den restlichen fünf Gläsern voller Vogelbrühe dasselbe zu tun. Doch der Ranzigkeit hing in seiner Nase, an seiner Zunge, in den Vorhängen, in seinem Bart und den ungewaschenen Haaren. Sogar seine Exkremente rochen nach der Suppe und wann immer P. Wasser ließ, war es ihm, als würde er mehr der verhassten Brühe absondern. Er räucherte sein Haus aus. Er rasierte sich kahl und verbrannte die Vorhänge.
Am schlimmsten aber roch die Wunde an seiner Hand. Es war, als stieße sie den Vogelranz in Wellen aus, und er dachte mit jedem Tag ernsthafter darüber nach, sie auszuglühen.  Die Arbeit auf seinem Hof fiel ihm immer schwerer, und sein Kopf begann zu pulsieren, im Takt des Gestanks, der um ihn auf- und ab wogte.

Er hackte gerade Holz, als er den Nachbarsjungen, der für ihn auf die Bäume geklettert war, über das Feld laufen sah. Die Ausdünstungen waren in den letzten Stunden noch schlimmer geworden. Es fühlte sich so an, als drängen sie tief in seine Nasenhöhlen ein und von dort aus in sein Gehirn. Der Junge lief rasch auf P. zu und winkte schon von weitem. Er schwenkte etwas Schwarzes in der Hand und rief ihm zu, er habe einen gefunden. Einen dieser vermaledeiten Vögel habe er gefunden und er sei ganz mit ihrem Vogelleim verklebt. P. hielt inne und starrte entsetzt auf das Tier in der Hand des Jungen. Doch auch dieser war immer langsamer geworden und blickte P. erschüttert an. Als er nahe genug herangekommen war, hob der Junge die Hand und deutete auf P.s Gesicht. „Was? Was?“, rief dieser und machte einen Schritt auf den Jungen zu, der zurückwich. „Was?“, schrie er noch dringlicher und ging auf den Nachbarsjungen los. Doch der schleuderte ihm den toten Vogel ins Gesicht und rannte und schrie wie der Teufel.

Keuchend warf P. den Elsterkadaver von sich und eilte ins Haus, kramte tief aus dem Badschrank einen Spiegel hervor. Keinen ganzen Blick erhaschte er – da ließ er ihn auch schon wieder fallen. Zitternd sank er zu Boden, griff nach dem zersprungenen Glas. Durch hundert Bildscherben zerbrochen sah er die Furcht in seinen wässrigen blassblauen Augen, die über eine Hundeschnauze hinweg starrten. Er führte seine Hand dorthin, wo seine Nase hätte sein müssen, und fühlte eine warme, feuchte, ledrige Spitze, die in Fell überging. 
P. starrte und starrte und als irgendwann der Anblick in seinem Kopf angekommen war, sprang er auf und warf dabei um, was ihm in den Weg kam, den Rasiertisch, den Wasserkrug. Er rannte die Treppe hinunter und raus aus dem Haus, hielt sich mit seinen Händen Mund und Hundenase zu, doch der Vogelgestank war ihm bereits in jede Pore gekrochen. Er rannte durch die Tür und er rannte durch den Schnee bis hinters Haus, wo er vor so vielen Tagen den Tütentanz bewundert hatte; dort begann er mit bloßen Händen zu schaufeln, bis er den steif gefrorenen Elsterkörper fand, voller Blut und ausgerupfter Federn. 
Er schüttelte den Kadaver und schrie die Elster an, sie solle ihn nicht mehr quälen – verfolge mich nicht mehr, gib mich frei, du böser Geist, so gib mich frei du Teufel, frei, sag ich! –  Er jaulte wie besessen und schlug den Vogelkörper auf den gefrorenen Boden, er nahm ihn und rannte, aber der Geruch klebte nur noch mehr an seinen Fingern, wie der Vogelleim an den Köpfen der Elstern. Er wühlte im Schnee, um ihn loszuwerden, wissend, er würde es nicht schaffen, und schließlich packte er den toten Vogel von neuem und lief mit ihm über das Feld in den Wald, wo er auf einen Hügel kletterte. Immer wieder stürzte er beim Laufen, fing sich mit seinen Händen ab, stützte sich auf seine halb geschlossene Faust mit dem Elsterkadaver und zog sich an dem Gestrüpp die Böschung hoch, bis er beinahe auf allen Vieren die Anhöhe hinaufkletterte.

Doch er war immer noch nicht hoch genug, er musste höher, noch viel höher. Er erblickte einen Baum, eine uralte Kiefer, die spitz bis in den grauen Winterhimmel stieß. Er sprang hoch und erwischte einen dünnen Ast, der brach und ihn auf den Waldboden schleuderte. Er bohrte seine Finger wie Klauen in die raue Rinde und zog sich nach oben, an abgebrochenen Astansätzen, bis er die richtigen Äste erreichte, von denen er hoffte, dass sie tragen würden. Schließlich war er zu hoch, um zu fallen; jeden Handgriff und jeden Schritt setzte er vorsichtig. Die eiskalte tote Elster hatte er sich in den Hosenbund gesteckt und so kletterte er mit ihr hoch hinaus, bis die Äste und der Baumstamm zu dünn waren, um weiter nach oben zu kommen.
Hier endlich spürte er den eisigen Wind, die Hundenase tropfte ihm von der Kälte und seine Hände waren aufgeschürft. Er nahm die Elster hervor in seine grobe Faust und rief sie an, ermutigte den Vogel, zu fliegen und wieder zu leben, er würde ihn nicht aufhalten, wenn er nur den Fluch von ihm nehmen würde. Aber die Elster blieb eiskalt und schwieg weiter; sie weigerte sich, ihre Strafe über P. aufzuheben und blieb tot aus lauter Trotz. P. wusste, nur eine Sache könnte sie besänftigen. Alleine konnte die tote Elster nicht mehr fliegen, er, P., musste es für sie tun. Und so wagte er sich weiter auf den Ast, auf dem er stand, so weit, dass er kurz davor war zu brechen. 

Dann breitete er die Arme aus, den Kadaver in der linken Hand, und tat einen schwungvollen Schritt in das Nichts des dünnen Astes, der zersplitterte. Noch unbarmherziger pfiff ihm im Fall der Wind um die Schnauze und zerzauste die halbgefrorenen Federn des Vogels. Der Gestank nach Elsterfleisch vernebelte ihm alle Sinne und er schloss die Augen in seinem Flug. Beinahe betete er; an irgendwen und an die Elster; der Aufprall kam und es knirschte. Für einen letzten, allerletzten Herzschlag fürchtete P., sein Plan wäre fehlgeschlagen. Dann aber hob sich der Elstergestank von ihm und er roch etwas Metallisches, sein Blut, wie es in den Schnee – – 

**

Fiona Rachel Fischer, geb. 2000, aus Germering, studierte Literaturwissenschaften und russische Geschichte in München. Aktuell ist sie als Autorin und als freie Journalistin für verschiedene Medien tätig. Ihre prosaischen und lyrischen Texte widmen sich den Themen Körperlichkeit, Feminismus und Realitätsverschiebungen. Zudem entwickelt sie intermediale, literarische Projekte in Kooperation mit anderen Kunstschaffenden, wie die Kunst-Literatur-Dialoge „eine himmelumarmerin bin ich“ ab dem 22. Februar 2026 im Theater undsofort.

Externe Links:

Zur Hompage der Autorin

Verwandte Inhalte
Städteporträts
Städteporträts