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10.02.2026, 09:10 Uhr
Ursula Wiest
Spektakula

Die „Lange Nacht der Neuen Dramatik“ 2025 an den Münchner Kammerspielen

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Szenenbild „Iridium on Earth“ © alle Bilder: Judith Buss. Münchner Kammerspiele

Alle zwei Jahre, seit 2009, wird vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, dem renommierten Drei Masken Verlag und den Münchner Kammerspielen, ein Förderpreis für junge Bühnenautorinnen und -autoren vergeben. Die hochdotierte Auszeichnung unterstützt talentierte Schreibende am Anfang ihrer Laufbahn. Seit diesem Jahr trägt sie als internationaler Preis für Neue Dramatik den Namen des Münchner Mäzenaten-Paars Edith und Werner Rieder. Dr. Ursula Wiest war am 5.7.25 für das Literaturportal Bayern bei der Preisvergabe an den Kammerspielen dabei.

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Wenn an einem Samstagnachmittag Ende Juni oder Anfang Juli die Luft über dem Areal der Münchner Kammerspiele vor Aufregung zu flirren scheint. Wenn dort ein kleiner Tross Eingeweihter mehrfach zwischen dem großen Haus und der Therese-Giehse-Halle wandert. Wenn zu vorgerückter Stunde jemand wie die Haus-Ikone Wiebke Puls zu einer elogischen Preisrede ansetzt. Und wenn dann die TAM TAM Treppenbar zum Feierort wird, ahnt man: dies kann nur die Lange Nacht der neuen Dramatik sein. Ein Event für die Sichtbarkeit von begabten, jungen dramatisch Schreibenden. Vor allem aber für die Liebe zur Sprache, zur darstellenden Kunst und hier zum Schrägen, Unvollkommenen und Offenen.

Ein Abend, der zwar im Zeichen des Wettbewerbs steht, jedoch nur Gewinnende kennt. Jemanden wie Ivan Vlatković zum Beispiel. Der junge österreichische Autor mit kroatischen Wurzeln studiert Schauspiel im dritten Jahrgang der Otto Falckenberg Schule. Am 5.7. zog er allein mit seinem fragilen, auf irritierende Art mädchenhaft-männlichen Erscheinungsbild viel Aufmerksamkeit auf sich. Vor allem aber bewegte er die Herzen des Publikums mit seinem Einreichtext Emina. Das zweiaktige Werk zeigt, wie Gefühlswelten aus der Zeit der Jugoslawienkriege im Bewusstsein von heute nachwirken. Es lässt die Schatten Verstorbener als Wächterfiguren des Unerledigten auftauchen. Es nutzt das Gedächtnisreservoir traditioneller slawischer Lieder und Tänze, um Fragen nach Herkunft und dem Verlust von Heimat zu stellen. Und es beleuchtet die Abgründe der österreichischen Migrationspolitik um die Identitätssuche einer jungen Frau zwischen Rijeka und Wien zu dramatisieren.

In der Werkstattinszenierung von Anne Sophie Kapsner wurden diejenigen Textteile, die das Geheimnis um die Abstammung von Romy-Emina enthüllen, auf dunkle Stoffbahnen projiziert. Und so, zusammen mit einem düsteren Gedichtvortrag des Schauspielers Stefan Merki, in eine Mahnschrift für die sozialen und psychischen Folgen sexualisierter Gewalt im Krieg verwandelt. Denn: die weibliche Hauptfigur in Vlatkovićs Trauma-Übertragungs-Narrativ ist ein Kind des Balkankriegs. Romy, die als fremd adoptierte Tochter eines Wiener Ehepaars behütet aufwuchs, jedoch unter Bindungsängsten und Schlafstörungen leidet, hieß als Kind Emina. Und entstammt einer Vergewaltigung ihrer kroatischen Mutter durch einen serbischen Soldaten.

Deutsches Reichshuhn

Von der Nicht-Bewältigung eines kritischen Lebensereignisses handelt auch der Text, der den ersten Preis der Jury gewann. Iridium on Earth von Lennart Kos verlagert das aus den Fugen geratene Miteinander eines langjährigen Paares nach einem verheerenden Arbeitsunfall ins Milieu amerikanischer Berufsmagier. Das Werk begnügt sich jedoch nicht damit, rührend situationskomisch zu schildern, wie die Gespräche der beiden Zauberkünstler um die missglückte Elefantenflugnummer kreisen, die einem von ihnen das Augenlicht nahm. Vielmehr webt es die hervorbrechenden Gefühle von Ohnmacht, Zukunftsangst und Hilflosigkeit in die Erzählung der weltweiten Verwüstungskatastrophe nach dem Einschlag des Chicxulub-Asteroiden im heutigen Golf von Mexiko ein. Die Eiszeiten, Tsunamis und das Aussterben der Dinosaurier vor 66 Jahrmillionen werden so zur Metapher für die psychischen Ausnahmezustände von Buddy und Perceval. Und Iridium, das geheimnisvolle Platinmetall von der Oberfläche des Meteoriten, wird zum Strohhalm, an den sich das Opfer einer unabänderlichen Entwicklung typischerweise klammert.

Szenenbild „Emina“. Münchner Kammerspiele

Die Werkstattinszenierung von Olivia Axel Scheucher schuf mit improvisierten Gesteinsbrocken vor nachtschwarzen Wänden einen wunderbar offenen Raum für die Verlorenheit von Konstantin Schumann und Luis Brunner als seelisch erschüttertes Langzeitpaar. Und für das unterkühlte Spiel von Svetlana Belesova als Arzt, Polizist oder Weltraumoffizier.

Zu den Publikumslieblingen des Events gehörte mit Sicherheit auch das Deutsche Reichshuhn aus Spiel mit dem Feuer von Marie-Christine Janssen. Als Leithenne einer disparaten Vogelschar rund um ein rechtspopulistisch belastetes Sonnenwendfeuer wurde es von Max Faatz wunderbar skurril gegeben. Und sorgte für Rührung und Heiterkeit, genau wie Bernardo Arias Porras, Martin Weigel und Wiebke Puls als verängstigte Smartphonejunkies unter weißer Ballonseide in der Inszenierung von Vincent Sauers Erstbesteigung des Olympus Mons.

Emina von Ivan Vlatković hat mittlerweile eine weitere szenische Lesung erlebt: am 19.10.25, auf dem Gelände des Kulturzentrums am Giesinger Bahnhof. Iridium on Earth von Lennart Kos wird ins Programm des Drei Masken Verlags aufgenommen. Und das charmante Reichshuhn nach der Idee von Marie-Christine Janssen wird vielleicht auf die Bühne der Kammerspiele zurückkehren. Denn dort hat man sich die Uraufführungsoption für alle vier Wettbewerbsbeiträge gesichert.