Das Zuhausegefühl

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Alle Bilder © Nadja Krasnjaschtschich

Wie sich das Gefühl eines Zuhauses im Krieg verändert, wenn man etwa eine Wohnung voller geschätzter Dinge und auch Menschen zurücklassen muss, beschreibt der ukrainische Schrifststeller Andrej Krasnjaschtschich in diesem Text.

*

Es gibt ein Schuldgefühl gegenüber dem Zuhause. Ich leide darunter.

Das Zuhause ist etwas Abstraktes. Bloß ein Ort, an dem man wohnt. Das Zuhause ist nicht du.

Du bist das, was dich erfüllt. Gedanken. Gefühle. Bindungen. Dir nahestehende Menschen.

Doch auch zum Zuhause hast du eine Bindung. Auch das Zuhause gehört zu deiner Familie. Auch das Zuhause bist du selbst.

In den ersten Kriegstagen bat mich Arve Hansen, der mich aus meiner Lähmung herausholen wollte, einer norwegischen Zeitung ein Interview zu geben; zu erzählen, wie man unter Bomben lebt. Eine der Fragen lautete: „Warum fliehen Sie nicht?“

Ich sprach mit Lena; antwortete: „Meine Frau sagt: Es ist unser Haus, es behütet uns und wir behüten es. Wir sind auf unserem eigenen Grund und Boden, sind unsere eigenen Herren, selbst, wenn wir im Keller hocken. Vertriebene fühlen sich anders.“

Da wusste ich noch nicht, wie sich Vertriebene fühlen.

Es war schwer, meine Eltern unter Beschuss fortzubringen. Sie auch nur davon zu überzeugen, dass es jetzt Zeit zu flüchten ist. In das Nachbarhaus hat es eingeschlagen, in deins wird es auch einschlagen. Darüber wollten sie nicht nachdenken. Sie sagten: morgen. Und am nächsten Tag sagten sie: morgen. Morgen denken wir darüber nach. Alte Menschen sind langsam wie Schnecken, und wie Schnecken tragen sie ihr Haus mit sich herum. Sie sind eins damit, sind sie im Haus, sind sie geschützt. Sie herauszuholen, ist aussichtslos, das Zuhausegefühl ist unauslöschlich.

Nach einem Monat haben wir unser Haus verlassen. Den Eltern gingen die Medikamente aus. In Charkiw waren sie nicht zu bekommen. Nadja war im Keller ganz trübsinnig geworden, hatte sich eingeigelt, mit niemandem mehr geredet. Sie antwortete gereizt. Die Gereiztheit übertrug sich auf ihre Katze, die Nadja nicht aus den Händen ließ. Die Katze ist klug, ließ alles mit sich machen. Kinder und Krieg sind eine abscheuliche Kombination.

In Poltawa ist Nadja eine andere. Sie spielt im Hof mit den Kindern. Es sind viele, ein ganzer Schwarm. Geflüchtete und Einheimische. Sie laufen, rutschen, schaukeln. Spielen verstecken, „Haifischchen“, „Maulwurf“, „Ist der Borschtsch fertig?“[1]

Kriegsspiele, wie wir in meiner Kindheit, spielen sie nicht, ich habe gefragt. Für uns war der Krieg ein aus Filmen geformtes Bild. Heldenhaft, schrecklich schön.

In Poltawa bin auch ich ein anderer. Rauche andere Zigaretten. Billigere. Davor hatte ich dreißig Jahre lang dieselbe Marke geraucht. Ich trage Kapuzenjacken. Oft ziehe ich die Kapuze auf. Solche Jacken habe ich früher nie getragen. Meine Lieblingsfarbe ist jetzt grau. Früher war es rot. Meinem Nachnamen entsprechend.[2] Sobald ich das Haus verließ, setzte ich immer Kopfhörer auf. Um die Stadtgeräusche auszublenden. Jetzt lausche ich auf die Geräusche. Reagiere darauf. Früher ging ich nie einfach so spazieren. Immer nur, um etwas zu erledigen. Jetzt ist das Spazierengehen für mich wichtiger als Erledigungen. Ich schaue nicht fern. Ich lese Nachrichten. Seit Kriegsbeginn habe ich keinen einzigen Film mehr geschaut. Vor dem Krieg täglich. Schrieb darüber in einem Hochglanzmagazin. Ich lese keine Literatur mehr. Nur noch die Nachrichten. Computer habe ich auch keinen mehr. Nur noch ein Smartphone. Ein Geschenk zu meinem Geburtstag. Am 6. Februar. Jahrelang hatte ich mich gesträubt, gesagt, dass mir der Computer reicht.

Der Computer ist zu Hause geblieben. Wie auch die alten Gewohnheiten. Die Lebensweise, die mich ausmachte. Jetzt formen mich die Dinge, die Gewohnheiten anderer Häuser.

Von Zuhause habe ich fast nichts mitgenommen. Ein Buch, das ich nicht lese. Die Brille zum Fernsehen. Ich setze sie nicht auf, ich schaue ja nicht fern. Die Wintersachen, die ich beim Weggehen anhatte, brauche ich schon lange nicht mehr. Am 24. Februar abends verließen wir das Haus für ein paar Tage. Ich hatte den ganzen Tag vor dem Computer gesessen, Nachrichten gelesen; mir den Kopf zerbrochen, was jetzt zu tun wäre. Meine Frau ging in den Laden, kaufte ein paar Konservendosen. Zwei Packungen Nudeln. Brot. Das war, glaube ich, alles. Sie wusch Wäsche. Die hängt jetzt schon seit Monaten auf dem Balkon. Der Nachbar kam und sagte, dass das ganze Haus im Keller übernachten werde. Wir beschlossen, zu meinen Eltern zu gehen und bei ihnen zu übernachten.

Wir gingen zu Fuß. Die Metro war schon außer Betrieb; zu Luftschutzräumen umfunktioniert. Auch die Straßenbahnen fuhren nicht mehr. Wir warteten eine halbe Stunde auf ein Taxi.

Wir gingen die Klotschkowskaja-Straße entlang, hinter uns dröhnte es. Hätten wir gewusst, dass es Panzer waren, dass auf der Ringstraße gekämpft wurde, wären wir schneller gegangen. Die Eltern leben am anderen Ende der Stadt. Wir gingen zweieinhalb Stunden. Nur wenige waren unterwegs. Manche wie wir mit Taschen und Rucksäcken. Nadja trug die Katze in einer Schachtel. Die Katze versuchte herauszuschlüpfen. Wir kamen in ein Wohnviertel, Hunde bellten. Die Katze hielt sich still. Als wir sie zu Hause herausschüttelten, versteckte sie sich gleich unter einem Schrank. Kroch eine Woche lang nicht mehr raus. Fraß fast nichts. Auch wir hatten keinen Hunger. Auch wir saßen zu Hause wie in einem Schrank.

Der Andere, der Selbe ist der Titel eines Gedichtbands von Borges in jenem anderen, früheren Leben. Wenn ich damals nach Poltawa gefahren war, hatte ich mich entspannt, war in eine Art Winterschlaf gefallen. Alles fiel gleich von mir ab. Poltawa war mein Zufluchtsort, wo ich es mir ein einziges Mal im Jahr erlaubte, alles zu vergessen. Das, was ich dieses Mal nach Poltawa mitgeschleppt habe, kann ich nicht vergessen, nicht in Charkiw zurücklassen.

Das Zuhause ist der Ort, wo man wohnt. Jeden Frühling putze ich die Fenster. Bei meinen Eltern war es dazu noch zu früh, März ist noch nicht Frühling. Ich putzte die Kronleuchter. Zuerst den in der Diele, wo wir von zwei Wänden geschützt waren. Dann den aufwändigeren im Wohnzimmer, mit den vielen Anhängern. Dort saß mein Vater, wenn er während eines Luftalarms nicht aus dem Sessel aufstehen und zum Stuhl in der Diele gehen wollte.

Die Küche, das Schlafzimmer meiner Eltern, mein ehemaliges Zimmer – es gibt viele Kronleuchter. Die Deckenleuchten in Bad und Toilette. Mir war klar, dass all das nicht beständig war. Das Haus an sich war nicht beständig. Würde es hier einschlagen, wären saubere Kronleuchter sinnlos. Genau wie wir – auch wir wären sinnlos, falls es einschlüge. Gemeinsam hätten die Kronleuchter und wir nur einen flüchtigen Sinn.

Auch jetzt noch, in anderen, sicheren Häusern verspüre ich diesen flüchtigen Sinn. Mein Sinn ist zu Hause geblieben.

In der Wohnung einer Kindheitsfreundin, die in Italien lebt, habe ich die Fenster schon geputzt. Nach dem Krieg werden wir von hier wegziehen. Doch ich putze eben jeden Frühling die Fenster.

Im Lehrstuhlchat. „Guten Tag, Kollegen. Ein fünfzehnstöckiges Haus in der Nähe von unserem ist abgebrannt. Wir leben noch.“

„Unser Haus hat’s erwischt, den Eingang neben unserem, es hat gebrannt. Auch das Haus meiner Eltern hat’s erwischt. Und viele andere Häuser in der Umgebung.“

„Bei uns hat’s auch eingeschlagen und bei meinen Eltern …“

Fotos. „Das ist unser Haus, der Innenhof. Die Scheiben sind zersplittert, den Balkon im dritten Stock hat ein Geschoss erwischt.“

„Das hinten im Hof ist mein Haus.“ Im Vordergrund ein zerstörtes Gebäude.

„Ich hab’s aus Gorizont rausgeschafft. Panzerkolonnen vor meinem Eingang, und Panzer in Drobyzkyj Jar.“

Was denke ich über mein Zuhause, blicke ich zurück? Ich denke überhaupt nicht daran. Denke nicht an meine Bücher. Gekaufte, gesammelte, bestellte. Sechs Schränke voll. Zwei Reihen hintereinander in den Regalen. Beim Einzug brauchte ich mehrere Tage, um sie einzuordnen. Die Lieblingsbücher mussten zur Hand sein. Hatte ich ein neues gekauft, streichelte ich den Umschlag. Schnupperte an der Druckerfarbe. Ich denke nicht an die Kleidung zurück, die ich trug. In der ich mich wohl fühlte. In der ich mich wie ein Mensch fühlte und bei mir war.

Auch nicht an den Fernseher, den ich mir nach einem Literaturpreis gekauft habe. Er ist groß. Die Farben klar und deutlich. Rundumklang.

Bücher lese ich nicht. Fernsehen schaue ich nicht. Meine Kleidung stammt aus Second-Hand- und Wohlfahrtsläden. An Zuhause denke ich besser nicht.

Ich komme mit dem Gefühl der Schuld, mein Zuhause verlassen zu haben, nicht zurecht. Jedes Mal, wenn es irgendwo dort in der Nähe einschlägt, geht es mir durch und durch, weil ich es verlassen habe.

„Guten Tag, Andrej Petrowitsch, danke für Ihre Fürsorge, noch halte ich durch.

Was die Schäden angeht: Ihre Hausnummer ist mir entfallen, deshalb kann ich es nicht genau sagen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, meinten Sie, wir seien Nachbarn in Häusern, die gegenüber der Fachhochschule liegen. Geht Ihr Haus auf das Haupttor hinaus oder liegt es neben der Schule Nr. 129, heißt das: Dort wurde eine Bombe abgeworfen; liegt es näher an der Shakespeare-Straße, dann stellt sich die Situation anders dar. Jedenfalls bitte ich um eine Präzisierung, ich versuche, Genaueres herauszufinden.

Was den Unterricht angeht: Ich habe technisch keine Möglichkeit, teilzunehmen, da die Druckwelle vom Angriff am fünften meinen Laptop beschädigt hat und ich ihn nicht reparieren kann, mein Handy fängt manchmal das W-LAN vom Hauseingang auf, allerdings nur mit Unterbrechungen.

Herzlich, Ihr Jan.“

„Vorgestern rief mein Nachbar aus dem Dorf an, wo unser Haus steht. Das Dorf wurde besetzt. Er sagte, dass die Orks[3] die Überwachungskameras kaputtgeschlagen und das Haus ausgeplündert haben – nur die leere Hülle ist geblieben. Das Haus war Papas ganzer Stolz. Wieviel Arbeit hatte er reingesteckt! Papa ist am Boden zerstört: Erst hat er Wodka getrunken, danach Blutdrucktabletten genommen ...“

„Meine Katze Ladusja schaut die ganze Zeit zum Fenster raus. Worüber sie wohl nachdenkt? Was für Gedanken sie wohl hat? Warum wir alles zurückgelassen und sie hierhergebracht haben? Warum es gekracht hat? Warum es so kalt war?“

„Mama spricht die ganze Zeit mit dem Kater, erklärt ihm, dass Krieg herrscht, dass Putin uns angegriffen hat, dass er böse ist, wir vor den Bomben geflohen sind, dass es keine Leckerlis gibt, für niemand etwas zu beißen, keine Fleischhäppchen und auch keinen Rahm.“

Hunde binden sich an ihre Besitzer, Katzen an einen Ort. Wir sind wie Hunde, für uns war es am wichtigsten, Eltern und Kinder zu retten, sie aus der Hölle herauszuführen. Jetzt sind wir wie Katzen, denken an unser Zuhause zurück. Es zu retten, aus der Hölle zu führen, war uns unmöglich.

(Aus dem Russischen und Surschyk von Petra Huber mit Olga Gleiser)

 

[1] Kinderspiele in der Ukraine.

[2] Der Nachname des Autors ist „krasnyj“, von „rot“ abgeleitet.

[3] Die russischen Soldaten werden in der Ukraine häufig als Orks bezeichnet – in Anlehnung an die brutalen Wesen aus J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe, die als Handlanger des Bösen agierten.