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Remix Pjatipol, Teil 2

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Alle Bilder © Alexander Milstein

Remix Pjatipol, Teil 1

Also, die Vögel: Es ist unbegreiflich, dass sie sich alle in den Bäumen über dem Denkmal versammelt haben. Weiter entlang der Allee gibt es überhaupt keine, sie sind alle hier.

Ich weiß, wovon ich rede, weil ich ein paar Mal auf den Bänken übernachtet habe.

Dort drüben, auf den Bänken ohne Rückenlehnen, die aber recht breit sind.

Nun ja, ich war in der Regel nicht allein und hatte auch einen Schlafsack dabei.

Grünlich-fleckig, getarnt.

Obwohl man nachts keine Tarnung braucht, und wenn es dämmerte, lag ich normalerweise schon auf einer Liege in einem anderen Zug.

Ich bin kein „erfahrener Tourist”, d.h. das ist mir ziemlich selten passiert, dass ich in Parks oder auf Rasenflächen unbekannter Städte übernachtet habe, selbst in meiner Jugend, außer vielleicht am Meer ... Aber wie dem auch sei, ich habe mehrmals so im landumschlossenen Pjatipol geschlafen, nachdem ich mich zuvor so weit wie möglich von dem Denkmal entfernt, genauer gesagt, von der Vogelschar, in die Allee zurückgezogen hatte.

Über diesem geheimnisvollen Monument versammeln sie sich zu einer Art ewigem Parteitag.

Hunderte, Tausende ... eine Schar von Krähen hat mit ihrem Krächzen einen Trichter in die dunkle Materie der Zeit gerissen, der einen regelrecht in seinen Bann zieht, wenn man dort steht.

Und wenn man lange stehen bleibt, können sie einen mit ihrem Kot in das Geheimnis dieser Skulptur einweihen – „zum Glück!“

Warum nisten sie nur in den ersten Bäumen?

Ich glaube nicht, dass sie dort Nester bauen.

Ich habe dort überhaupt keine Nester gesehen, so sehr ich auch hingeschaut habe.

Nein, nein, sie bauen keine Nester in solcher Enge, sie sind ja keine dummen Menschen.

Aber sie schwirren hier und da.

Besonders wenn es dort zu Turbulenzen zwischen verschiedenen Fraktionen kommt oder wer weiß, was dort bei ihnen vor sich geht ...

Die verdunkelten Kronen ähneln dann einem aufgewühlten Wespennest.

Elstern, Krähen, Raben ...

Alle aus der Familie der Rabenvögel.

Unweigerlich kommen mir hier die Kongresse des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in den Sinn, von denen ich in meinem Leben schon einige angeschaut habe ... nun ja, im Fernsehen, und jetzt überlagert sich das, die schwarzweißen Fernsehbilder ...

Obwohl es auf den Kongressen natürlich nicht so laut zuging.

Wahrscheinlich wird dies durch das Denkmal hervorgerufen, d.h. höchstwahrscheinlich verbirgt sich unter den Schichten der „Tünche“ doch Wladimir Lenin.

Das letzte Denkmal, das von Krähen auf so ungewöhnliche Weise erhalten wurde ... Nun ja, Krähen sind generell intelligent, das ist bewiesen – ihr Verstand entspricht der Intelligenz von Schimpansen und menschlichen Kindern im Alter von drei Jahren, und das ist das beste menschliche Alter überhaupt ... Ich habe einen ganzen Vortrag zu diesem Thema von einer bekannten deutschen Ornithologin gehört ...

Aber vielleicht verbirgt sich darunter Puschkin – man weiß ja nie.

(Jetzt ist es 2025. Als mein Erzähler all das schrieb ... also nicht diesen Remix, sondern das Original, war es noch sehr lange bis zum Krieg und bis zum Puschkin-Denkmäler-Fall, fast zehn Jahre.)

„Aus der Sicht der Krähen ...“

So hieß der Artikel von Boris Chasanow über Joseph Brodsky.

So etwas wie ein Nachruf.

Etwa zur gleichen Zeit erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über Die Vögel über Moskau.

Chasanows Roman hieß im Original „Nach uns die Sintflut" und Die Vögel … war der Titel der deutschen Übersetzung.

Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung trug den Titel „Der russische Hitchcock“.

Als Boris Chasanow von mir von diesem Artikel erfuhr, sagte er mir, dass er den Film Die Vögel nie gesehen habe.

Hätte er diese Einleitung geschrieben, wenn er den Film gesehen hätte? Das erste Kapitel trägt den Titel „Die Vögel oder die Warnung“ und steht in keinem direkten Zusammenhang mit der weiteren Handlung des Romans.

Auf einigen Seiten verdunkeln Schwärme von Vögeln den Himmel über Moskau und verursachen mit ihren Exkrementen Chaos in der ganzen Stadt.

Ich werde nicht alles nacherzählen, sondern nur daran erinnern, dass unter dem Gewicht ihrer versteinerten Fäkalien die rubinroten Kremlsterne herunterfallen.

Die Art und Gattung der Vögel wird im Text nicht angegeben, es handelt sich einfach um große Vögel mit einer großen Flügelspannweite. Die Wahl der Pelikane für mein Bild hängt wahrscheinlich mit einem anderen Buch eines anderen Schriftstellers zusammen – Wladimir Woinowitschs Der karminrote Pelikan, das ich mit einer Widmung besitze: „Für Alexander, in freundschaftlicher Verbundenheit, als Handbuch für unterhaltsame Ornithologie“. Ja, ich glaube, das hat mich zu dieser Wahl veranlasst, und bevor ich zu zeichnen begann, sah ich in der Vogelschar tatsächlich Pelikane, wenn auch nicht ohne einen Moment des Zweifels ... Ich erinnerte mich einfach daran, dass in Woinowitschs Roman niemand anderes als der russische Präsident ein Pelikan ist, der während seines Treffens mit dem Erzähler kurzzeitig seinen Posten verlässt (er brütet Eier aus, die, wie sich herausstellt, das absolute Böse in sich tragen ... Das Buch erschien 2016. Wusste Woinowitsch, was aus diesen Eiern schlüpfen würde? Damals erzählte Putin nur, wie man eine Milliarde stiehlt, wie man das Volk zum Aufstand bringt, oder wie man es dazu bringt, keinen Aufstand zu machen ... Der Krieg blieb hinter den Kulissen, in der Zukunft, und ich hatte die Idee, den Vögeln Pelikan-Züge zu verleihen, bereits verworfen, als ich plötzlich sah, dass sie bereits zum Vorschein gekommen waren).

„Der russische Hitchcock?“

Der Nicht-Russe drehte übrigens seinen ersten Film in der Nähe von München.

Der erste Film hatte einen Vogel-Titel – Der Bergadler – und wurde nie öffentlich gezeigt.

Wovon rede ich? Was rede ich da? Chasanow und Brodsky ... Nun, man kann eine gewisse Polemik erkennen, die zwischen ihnen auch in anderen Fragen herrschte, und was soll‘s?

Ach, ich meine Folgendes: Brodskys Worte, die er kurz nach seiner Abreise sagte, sind allen bekannt: „Ich will das Tor des Vaterlandes nicht mit Scheiße beschmieren”, ich zitiere aus dem Gedächtnis.

Nicht immer eine Polemik, aber eine Art Dialog, hier ist das zweite Epigraf von Brodsky zu Chasanows Roman: „Nach uns kommt natürlich keine Sintflut, aber auch keine Dürre.“

Und im ersten Epigraf, aus Namatianus, gibt es auch „die Tore der Stadt, die man verlassen muss“.

Noch davor hatte mir Boris Chasanow von einer Auseinandersetzung erzählt, die zwischen ihm und Brodsky in München während dessen Besuchs in seiner Wohnung ausgebrochen war ... Brodsky behauptete, dass der Holocaust kein einzigartiges Ereignis in der Geschichte sei, er sagte, dass jeder Krieg ein ebenso großes Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, Boris Chasanow verteidigte dagegen den kanonischen Standpunkt über die Einzigartigkeit des Holocaust, den er, da er Griechisch beherrschte, übrigens stets „Holokaustos“ aussprach ...

In etwa in diesem Sinne, wie eine Brieftaube, „verkündete” ich all dies, als wir in Romas Küche seinen selbstgebrannten Schnaps tranken. Das heißt, ich redete hauptsächlich, während Roma auf Fragen zu seinem neuen Leben nur einsilbig antwortete.

Nun, da ich schon einmal da war, würde ich „alles selbst sehen”.

Über Brodsky äußerte sich Roma ebenfalls recht lapidar, dabei äußerst wütend.

„Wolltest Du etwas sagen? Willst Du Dich für ihn einsetzen?”, fragte er mich irgendwann, während er mir ein Glas einschenkte.

„Ich bin kein Anwalt von Brodsky”, sagte ich. „Aber ich erinnere mich jetzt an ein Interview mit ihm, in dem er viel gnadenlosere Worte über Russland äußerte als in seinen Couplets über die Ukraine. Es hat sich fast wörtlich in mein Gedächtnis eingebrannt: „Russland wird leider noch lange eine Quelle unendlichen Leids für die ganze Welt bleiben.“

„Ach so. Wo war das? Wann?“

„In einer großen Zeitung zu Beginn der Perestroika. Ich konnte das Interview im Internet nicht finden, also musst Du mir einfach glauben.“

„Das macht nichts. Ich mochte ihn schon nicht, bevor die Gedichte über Ukraine auftauchten. All diese Briefe an einen Römischen Freund kamen mir wie albernes Geschwätz vor, völlig erfunden und unklug ...“

Man sollte nicht denken, dass Gorenko und ich die ganze Zeit über Literatur gesprochen haben.

Obwohl ich bemerkt habe, dass er mehr über Bücher sprach als früher, als er selbst welche schrieb.

Jetzt bestätigte er, dass er „damit aufgehört“ habe.

„Und mit der Kritik?“

„Umso mehr“, winkte er mit der Hand ab.

Aber selbst damals, in seiner relativ aktiven Phase, schrieb er nur selten Rezensionen.

Und wenn, dann waren es in der Regel lauter Verrisse.

Kurz vor meiner Ankunft hatte Roma mein neues Buch gelesen und etwas dazu gesagt, das für mich nicht unwichtig war.

Dass ich zu oft den Blickwinkel wechsle, „die Kamera wackeln lasse“, „nicht lange genug bei der Sache bleibe“ ... Er erinnerte sich und führte mir als Beispiel die Heiligen des Jazz an, die nicht von einer einmal angeschlagenen Note oder, genauer gesagt, einem Ton abgewichen sind, bis sie alles Mögliche aus ihrer Umgebung herausgeholt hatten.

Dann ging ich schlafen in einem kleinen Nebenraum, der fast vollständig von einer Matratze eingenommen wurde, die mir in diesem Moment zu einem riesigen Polster aufblasbar erschien – solche Sprungpolster legt man, wenn man es schafft, natürlich unten hin, wenn jemand vom Dach springen will.

Am Morgen, noch vor Tagesanbruch, weckte er mich, indem er laut meinen Namen rief. Ich war empört, und er sagte:

„Wissen Sie, wann Sie gestern schlafen gegangen sind? Sie haben zehn Stunden geschlafen, mein Herr. Und Sie wollten mit mir nach Nadlisky gehen.”

„Aber nicht im Dunkeln. Wir gehen doch nicht angeln, warum so früh?“

„Ich habe dort etwas zu erledigen, also müssen wir früh los, bevor die Fische vom Haken springen ... Wenn Du nicht willst, kann ich Dich hier allein lassen. Du könntest dann in Pjatipol spazieren gehen, Dich umsehen …”

„Aber ich habe es schon einmal kreuz und quer durchwandert.“

„Nun, seitdem hat es sich doch verändert.“

„Das habe ich gestern nicht bemerkt“, sagte ich.

„Was hast Du denn gesehen? Nun, entscheide Dich.“

„Na gut, ich stehe auf. Ich bin hierhergekommen, um mich mit Dir zu unterhalten, und nicht, um mir die Denkmäler von Pjatipol anzusehen.“

Wir tranken Kaffee und gingen auf die Straße, wo wir in die entgegengesetzte Richtung des Bahnhofs gingen, von dem wir am Vortag gekommen waren.

Gestern war mir nicht aufgefallen, dass die Straße ein Gefälle hatte.

Nun, vielleicht begann das Gefälle genau bei Gorenkos Haus.

Ja, aber mir war überhaupt nie aufgefallen, dass Pjatipol auf irgendwelchen Hügeln lag.

Meine Verwunderung wuchs, je weiter wir kamen: Die Straße wurde immer steiler.

„Was ist los?“, fragte ich Roma schließlich.

„Was denn?“

„Ich habe den Eindruck, dass die Stadt senkrecht gestellt wurde.“

„Du hast doch gesagt, dass Du sie ganz umrundet hast.“

„Ja, aber ich kann mich hier an keine Berge erinnern.“

„Na, dann bist Du wohl um sie herumgegangen. Oder sie haben sich über Nacht aufgetürmt“, lachte er. „Hast Du Dark City gesehen? Dort haben die ‚Fremden‘ jede Nacht die gesamte Topologie der Stadt verändert, die Häuser wurden auf den Kopf gestellt, die Straßen neu verflochten ...“

„Ja, ich habe den Film gesehen ... ich dachte nur nicht, dass hier Aliens herumlaufen ...“, sagte ich und schaute auf die schiefen Wände der Garagen oder Buden, an denen wir vorbeikletterten, und es kam mir seltsam vor, als wir an der Müllhalde vorbeikamen, dass der Müll nicht herunterrutschte.

Die Steigung wurde noch größer, als wir von der Landstraße, zu der sich die Straße gewandelt hatte, in einen Laubwald kamen.

Der Weg führte dort sofort steil nach oben, und ich konnte Roma kaum noch folgen.

Aber bald erreichten wir eine horizontale Ebene. „Die Qualen sind vorbei“, sagte Roma, „Akme!“

Ich atmete schwer und drehte mich um, um Pjatipol von oben zu betrachten, aber wegen des dichten Waldes konnte ich es nicht sehen.

Wir gingen ziemlich lange über eine Grasebene, dann stieg der Weg wieder steil an, aber sofort war der obere Rand eines neuen Hangs zu sehen, der Wald war hier lichter, teilweise mit Kiefern bewachsen, und kaum waren wir hinaufgestiegen, erscholl ein Ruf:

„Mars und ich haben auf Dich gewartet!“

„Hat Mars wirklich auf mich gewartet?“, fragte Roma, während er zu Atem kam und lächelte. „Er hat mich einmal gesehen.“

„Genau das ist es. Du bist perfekt für seine Ausbildung geeignet. Also, hilfst Du mir? Danke! Ich hole jetzt den Beißanzug und rufe Mars, er ist schon so alt, dass es längst Zeit wäre, aber er ist immer noch ein Trottel, irgendwie habe ich es nie geschafft ... Hallo.” – Endlich bemerkte er auch mich.

Ich war nicht beleidigt, ich hätte es sogar vorgezogen, wenn er mich weiterhin nicht bemerkt hätte, sonst hätte er vielleicht plötzlich beschlossen, dass nicht Roma, sondern ich der ideale Kandidat für Mars‘ Ausbildung bin.

Und überhaupt bin ich nicht abgeneigt, unsichtbar zu sein: Dann erinnere ich mich daran, dass ich immer noch irgendeine Prosa schreibe, für die ich „Eindrücke“ brauche ...

Nun, ich kann nicht die ganze Zeit darüber schreiben, dass ich nicht schreiben kann, aber ich schreibe, weil ich nicht anders kann, als darüber zu schreiben, dass ich nicht schreiben kann.

Und nun war Roma irgendwie still und widerstandslos, was mich ehrlich gesagt sehr überraschte, weil ich ihn noch nie so gesehen hatte ... Das heißt, ich habe noch nie in meinem Leben bemerkt, dass er sich vor irgendjemandem unterwürfig verhält, und jetzt ist er, müde nach einem langen Aufstieg, sozusagen aus dem Stand heraus ... ohne zu protestieren, gehorsam in einen gesteppten Beißanzug gestiegen, den mein Namensvetter und Hausherr mitgebracht hatte und in den Roma hineinschlüpfte und dadurch wie eine wandelnde Holzhütte aussah.

Mars war ein riesiger einjähriger Teenager, ein „Welpe“ der kaukasischen Schäferhundrasse.

Als ich sah, wie er sich auf Roma stürzte, dachte ich, dass Sascha das weniger zur Erziehung seines Haustieres als vielmehr aus Mutwillen oder, ich weiß nicht, zum Spaß arrangiert hatte ... Nun, um sich voll und ganz wie ein Herr zu fühlen, so in etwa ... In meinem Kopf tauchten ganz von selbst Zeilen auf: „... der lokale Feudalherr macht sich vor meinen Augen über den Leibeigenen-Dichter lustig, hetzt ihn mit Hunden ...“ und so weiter.

Der „Remix aus Pjatipol“ entstand 2025. Das Buch Pjatopol wurde 2017 veröffentlicht.