Krafts Schattenkanon. Eine Ergänzung. Teil 29: Friedo Lampe, Am Rande der Nacht
300 Jahre Literaturgeschichte hat sich der Münchner Schriftsteller und Publizist Thomas Kraft vorgenommen, um für das Literaturportal Bayern einige Schätze zu heben. Rund 40 unentdeckte Romane und Erzählungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren – darunter bekannte wie weniger bekannte – finden in dieser kurzweiligen Reihe (neu) ans Licht.
*
„Im Jahre 1933 erschein sein Roman Am Rande der Nacht, schreibt Hermann Hesse. „Ich las ihn damals mit großer Anteilnahme, denn es waren auch dann schon deutsche Prosadichtungen von solcher Qualität sehr selten. Und was damals so schön und stark ansprach, ist nicht verblasst und hat standgehalten, es bewährt sich aufs schönste und fesselt und entzückt wie einst, man ist dankbar für die Mehrzahl der hinzugekommenen kleineren Dichtungen, und einige davon, vor allem Septembergewitter, ergänzen und verstärken den Eindruck. Ich werde diesen Band, für den der Verleger gepriesen sei, allen meinen Freunden empfehlen.“
Friedo Lampes literarisches Debüt, der Kurzroman Am Rande der Nacht, erscheint mit der Jahresangabe 1934, obwohl er bereits im November des Vorjahres vom renommierten Rowohlt Verlag ausgeliefert wird. Im Klappentext heißt es: „Es ist kein Zufall und keine Laune, dass das Ganze in wenigen Nachtstunden abläuft. Die Nacht ist Symbol. Alles Geschehen kommt aus dem Dunkel – dem undurchschaubaren, angsterregenden, verwirrenden, dem lockenden, lösenden, lullenden – und taucht darin zurück.“ Der Roman wird als deutsches Pendant zu John Dos Passos’ epochalem Werk Manhattan Transfer beworben, da er, wie das amerikanische Vorbild, keinen klaren Helden aufweist, dem Prinzip der Simultaneität verschiedener Handlungsstränge folgt und scheinbar distanziert tief in die Abgründe menschlichen Daseins eintaucht. Entstanden ist das Werk bereits 1932, auf dem Höhepunkt der Neuen Sachlichkeit.
Lampe verzichtet bewusst auf eine zentrale Figur und einen linearen Plot. Stattdessen lässt er über 30 Charaktere auftreten. Der Erzähler bewegt sich mit der Präzision einer Kamera, gleitet über das Geschehen und fügt es in kaleidoskopischer Weise zusammen, wodurch eine dichte und vielschichtige Atmosphäre entsteht. In weitläufigen Totalaufnahmen zeigt er das pulsierende Leben rund um die Bremer Wallanlagen und den Hafen, während er in raschen, scharfen Schnitten und wechselnden Perspektiven zunehmend näher an die Figuren herantritt. Durch einen als magischen Realismus bezeichneten Stil taucht er in deren Gedankenwelten, Sehnsüchte und Träume ein und entfaltet ihre komplexen Beziehungsgeflechte.
In einem nahezu tänzerischen Rhythmus begleitet Lampe seine lose miteinander verknüpften Figuren vom Dämmerlicht bis zum ersten Licht des Morgens, wobei er das nächtliche Treiben im alten, später durch den Krieg zerstörten Bremer Hafenviertel an einem einzigen Spätsommerabend entfaltet. Dabei handelt es sich um eine Abfolge kleiner, filmartig vorbeiziehender, ineinander verwobener Szenen, die das nächtliche Leben der Stadt in seiner ganzen Vielschichtigkeit widerspiegeln.
Kurz nach seiner Veröffentlichung werden alle noch nicht verkauften Exemplare von Am Rande der Nacht aus „sittlichen Gründen“ von der Gestapo beschlagnahmt und vernichtet. Bereits am 5. Januar 1934 findet sich der Roman auf der Liste verbotener Bücher – jedoch nicht aufgrund politischer, sondern aufgrund moralischer Bedenken. Die Szenen, die zu dieser Maßnahme führten, sind eindrucksvoll: Der Kapitän, der seinen „schicken Steward“ aus purer Lust quält, der Boxer, dessen „gottbegnadeter Körper“ des Gegners Alvaroz ihn dermaßen fasziniert, dass er in der Garderobe „zart und leicht über das drahtige Gekräusel“ auf dessen Brust streicht und „erschauernd die rotbraune, harte Brustwarze“ mit den Fingern berührt. Solche Passagen rufen unmittelbar die Zensur auf den Plan. Die subtilen Andeutungen von Homoerotik und Libertinage sowie das Erscheinen eines Schwarzen in der Erzählung werden als skandalös erachtet und entsprechen nicht dem propagandistischen Bild des „edlen deutschen Volkes“.
Ob sein Text „sehr anstößig“ sei, fragt Lampe einen Freund in einem Brief und setzt hinzu: „Ich habe Angst.“ Angst davor, dass sein Debüt als Coming-out verstanden werden könnte. Eine erste, hymnische Besprechung des jüdischen Literaturkritikers Kurt Pinthus macht die Sache nicht leichter.
Über das Leben von Friedo Lampe als schwuler Mann während des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reichs ist wenig bekannt. Der am 4. Dezember 1899 in Bremen geborene Lampe hinterlässt lediglich spärliche Zeugnisse seines Lebens. Abgesehen von seiner Dissertation über den Sturm- und Drang-Dichter sowie Mitherausgeber des Göttinger Musenalmanachs Leopold Friedrich Günther Goeckingk aus dem Jahr 1928 veröffentlicht er zwei schmale Romane und ein kleines Erzählbändchen. In einer Biografie von Johann-Günther König (2021) erfährt man, was über ihn bekannt ist: Seine Herkunft aus einer Bremer Kaufmannsfamilie, seine Lehrer während seiner Schulzeit sowie seine Studienjahre der Philosophie in Heidelberg, München und Freiburg. Zudem wird sein beruflicher Werdegang skizziert: Er arbeitet als Volontär bei Schünemann in Bremen, lebt während seiner Ausbildung zum Volksbibliothekar in Stettin, ist von 1932 bis 1937 bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und später als Lektor in den Verlagen Rowohlt, Henri Goverts und Karl-Heinz Henssell tätig. Ein beunruhigendes Detail seiner Biografie ist sein Eintritt in die NSDAP im März 1933, dessen Beweggründe jedoch im Dunkeln bleiben.
Der zweite Roman Septembergewitter soll im Herbst 1937 erscheinen, kommt aber fürs Weihnachtsgeschäft zu spät aus der Druckerei und geht sang- und klanglos unter. 1942, der Krieg ist in vollem Gange und Lampe wohnt in Berlin, plant er einen Band mit Erzählungen, die schließlich 1944 bei Goverts unter dem Titel Von Tür zu Tür erscheinen sollten. Doch die gedruckten Bögen werden bei einem Bombenangriff zerstört. „Ich habe eben immer Pech mit meinen Büchern“, schreibt der Autor an eine Freundin.
Die ersten, noch nicht gebundenen Bögen des Neudrucks hält er kurz vor Ostern 1945 in den Händen. Die Auslieferung zieht sich wegen des Kriegsendes bis 1946 hin – Lampe erlebt sie nicht mehr. Im November 1943 ist er bereits ausgebombt worden; erst findet er Unterschlupf auf dem Anwesen des emigrierten Verlegers Ernst Rowohlt in Grünheide, später bei einer Freundin in Kleinmachnow. Am 2. April 1945 ist er dort zu Fuß unterwegs, als er von zwei Soldaten der Roten Armee angehalten wird. Eine Zeugin beobachtet einen Wortwechsel, dann führen die Rotarmisten Lampe auf einen Acker und erschießen ihn. Lampe wird nur 45 Jahre alt. Sein literarisches Werk hat, wie Wolfgang Koeppen bemerkt, „neben der allerbreitesten Nichtbeachtung die Bewunderung weniger“ gefunden.
Friedo Lampe: Am Rande der Nacht. Roman. Mit einem Nachwort von Johannes Graf. Wallstein Verlag, Göttingen 1999
Lesen Sie nächste Woche, welcher talentierte deutsche Autor mit nur 27 Jahren ein Opfer des Zweiten Weltkriegs wurde, dessen Romane erst Ende der 2010er-Jahre auf Deutsch erschienen.
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300 Jahre Literaturgeschichte hat sich der Münchner Schriftsteller und Publizist Thomas Kraft vorgenommen, um für das Literaturportal Bayern einige Schätze zu heben. Rund 40 unentdeckte Romane und Erzählungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren – darunter bekannte wie weniger bekannte – finden in dieser kurzweiligen Reihe (neu) ans Licht.
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„Im Jahre 1933 erschein sein Roman Am Rande der Nacht, schreibt Hermann Hesse. „Ich las ihn damals mit großer Anteilnahme, denn es waren auch dann schon deutsche Prosadichtungen von solcher Qualität sehr selten. Und was damals so schön und stark ansprach, ist nicht verblasst und hat standgehalten, es bewährt sich aufs schönste und fesselt und entzückt wie einst, man ist dankbar für die Mehrzahl der hinzugekommenen kleineren Dichtungen, und einige davon, vor allem Septembergewitter, ergänzen und verstärken den Eindruck. Ich werde diesen Band, für den der Verleger gepriesen sei, allen meinen Freunden empfehlen.“
Friedo Lampes literarisches Debüt, der Kurzroman Am Rande der Nacht, erscheint mit der Jahresangabe 1934, obwohl er bereits im November des Vorjahres vom renommierten Rowohlt Verlag ausgeliefert wird. Im Klappentext heißt es: „Es ist kein Zufall und keine Laune, dass das Ganze in wenigen Nachtstunden abläuft. Die Nacht ist Symbol. Alles Geschehen kommt aus dem Dunkel – dem undurchschaubaren, angsterregenden, verwirrenden, dem lockenden, lösenden, lullenden – und taucht darin zurück.“ Der Roman wird als deutsches Pendant zu John Dos Passos’ epochalem Werk Manhattan Transfer beworben, da er, wie das amerikanische Vorbild, keinen klaren Helden aufweist, dem Prinzip der Simultaneität verschiedener Handlungsstränge folgt und scheinbar distanziert tief in die Abgründe menschlichen Daseins eintaucht. Entstanden ist das Werk bereits 1932, auf dem Höhepunkt der Neuen Sachlichkeit.
Lampe verzichtet bewusst auf eine zentrale Figur und einen linearen Plot. Stattdessen lässt er über 30 Charaktere auftreten. Der Erzähler bewegt sich mit der Präzision einer Kamera, gleitet über das Geschehen und fügt es in kaleidoskopischer Weise zusammen, wodurch eine dichte und vielschichtige Atmosphäre entsteht. In weitläufigen Totalaufnahmen zeigt er das pulsierende Leben rund um die Bremer Wallanlagen und den Hafen, während er in raschen, scharfen Schnitten und wechselnden Perspektiven zunehmend näher an die Figuren herantritt. Durch einen als magischen Realismus bezeichneten Stil taucht er in deren Gedankenwelten, Sehnsüchte und Träume ein und entfaltet ihre komplexen Beziehungsgeflechte.
In einem nahezu tänzerischen Rhythmus begleitet Lampe seine lose miteinander verknüpften Figuren vom Dämmerlicht bis zum ersten Licht des Morgens, wobei er das nächtliche Treiben im alten, später durch den Krieg zerstörten Bremer Hafenviertel an einem einzigen Spätsommerabend entfaltet. Dabei handelt es sich um eine Abfolge kleiner, filmartig vorbeiziehender, ineinander verwobener Szenen, die das nächtliche Leben der Stadt in seiner ganzen Vielschichtigkeit widerspiegeln.
Kurz nach seiner Veröffentlichung werden alle noch nicht verkauften Exemplare von Am Rande der Nacht aus „sittlichen Gründen“ von der Gestapo beschlagnahmt und vernichtet. Bereits am 5. Januar 1934 findet sich der Roman auf der Liste verbotener Bücher – jedoch nicht aufgrund politischer, sondern aufgrund moralischer Bedenken. Die Szenen, die zu dieser Maßnahme führten, sind eindrucksvoll: Der Kapitän, der seinen „schicken Steward“ aus purer Lust quält, der Boxer, dessen „gottbegnadeter Körper“ des Gegners Alvaroz ihn dermaßen fasziniert, dass er in der Garderobe „zart und leicht über das drahtige Gekräusel“ auf dessen Brust streicht und „erschauernd die rotbraune, harte Brustwarze“ mit den Fingern berührt. Solche Passagen rufen unmittelbar die Zensur auf den Plan. Die subtilen Andeutungen von Homoerotik und Libertinage sowie das Erscheinen eines Schwarzen in der Erzählung werden als skandalös erachtet und entsprechen nicht dem propagandistischen Bild des „edlen deutschen Volkes“.
Ob sein Text „sehr anstößig“ sei, fragt Lampe einen Freund in einem Brief und setzt hinzu: „Ich habe Angst.“ Angst davor, dass sein Debüt als Coming-out verstanden werden könnte. Eine erste, hymnische Besprechung des jüdischen Literaturkritikers Kurt Pinthus macht die Sache nicht leichter.
Über das Leben von Friedo Lampe als schwuler Mann während des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reichs ist wenig bekannt. Der am 4. Dezember 1899 in Bremen geborene Lampe hinterlässt lediglich spärliche Zeugnisse seines Lebens. Abgesehen von seiner Dissertation über den Sturm- und Drang-Dichter sowie Mitherausgeber des Göttinger Musenalmanachs Leopold Friedrich Günther Goeckingk aus dem Jahr 1928 veröffentlicht er zwei schmale Romane und ein kleines Erzählbändchen. In einer Biografie von Johann-Günther König (2021) erfährt man, was über ihn bekannt ist: Seine Herkunft aus einer Bremer Kaufmannsfamilie, seine Lehrer während seiner Schulzeit sowie seine Studienjahre der Philosophie in Heidelberg, München und Freiburg. Zudem wird sein beruflicher Werdegang skizziert: Er arbeitet als Volontär bei Schünemann in Bremen, lebt während seiner Ausbildung zum Volksbibliothekar in Stettin, ist von 1932 bis 1937 bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und später als Lektor in den Verlagen Rowohlt, Henri Goverts und Karl-Heinz Henssell tätig. Ein beunruhigendes Detail seiner Biografie ist sein Eintritt in die NSDAP im März 1933, dessen Beweggründe jedoch im Dunkeln bleiben.
Der zweite Roman Septembergewitter soll im Herbst 1937 erscheinen, kommt aber fürs Weihnachtsgeschäft zu spät aus der Druckerei und geht sang- und klanglos unter. 1942, der Krieg ist in vollem Gange und Lampe wohnt in Berlin, plant er einen Band mit Erzählungen, die schließlich 1944 bei Goverts unter dem Titel Von Tür zu Tür erscheinen sollten. Doch die gedruckten Bögen werden bei einem Bombenangriff zerstört. „Ich habe eben immer Pech mit meinen Büchern“, schreibt der Autor an eine Freundin.
Die ersten, noch nicht gebundenen Bögen des Neudrucks hält er kurz vor Ostern 1945 in den Händen. Die Auslieferung zieht sich wegen des Kriegsendes bis 1946 hin – Lampe erlebt sie nicht mehr. Im November 1943 ist er bereits ausgebombt worden; erst findet er Unterschlupf auf dem Anwesen des emigrierten Verlegers Ernst Rowohlt in Grünheide, später bei einer Freundin in Kleinmachnow. Am 2. April 1945 ist er dort zu Fuß unterwegs, als er von zwei Soldaten der Roten Armee angehalten wird. Eine Zeugin beobachtet einen Wortwechsel, dann führen die Rotarmisten Lampe auf einen Acker und erschießen ihn. Lampe wird nur 45 Jahre alt. Sein literarisches Werk hat, wie Wolfgang Koeppen bemerkt, „neben der allerbreitesten Nichtbeachtung die Bewunderung weniger“ gefunden.
Friedo Lampe: Am Rande der Nacht. Roman. Mit einem Nachwort von Johannes Graf. Wallstein Verlag, Göttingen 1999
Lesen Sie nächste Woche, welcher talentierte deutsche Autor mit nur 27 Jahren ein Opfer des Zweiten Weltkriegs wurde, dessen Romane erst Ende der 2010er-Jahre auf Deutsch erschienen.