Was Koffer über Flucht, Erinnerung und Identität erzählen – Literarische Erkundungen (25)
Ein Koffer kann weit mehr als ein Gepäckstück sein – er kann auch Erinnerungen, Verluste und Aufbrüche in sich tragen. Volha Hapeyeva folgt in ihrem Text den Spuren jener, die mit wenigen Dingen große Entfernungen hinter sich ließen: von Walter Benjamins Aktentasche über Erika Manns Reisekoffer bis zu heutigen Exilant*innen, deren Leben in wenige Taschen und Kartons passt. Sie schreibt von Minimalismus und Sehnsucht; von dem, was wir mitnehmen, und dem, was wir zurücklassen. So wird der Koffer zum Symbol des Exils – und zu einem Schlüssel, der Fragen nach Heimat, Identität und Menschlichkeit öffnet.
In ihren Literarischen Erkundungen* knüpft Volha Hapeyeva hier an ihren im MON Mag erschienen Essay über Annette Kolb an – und folgt einem Motiv, das leise, aber beharrlich durch viele Exilbiografien wandert: dem Koffer.
*
Koffer voller Wege: über Dinge des Exils und die Kultur des Reisens
der koffer ist ein wort von bedeutung im menschlichen lexikon
es beginnt eine kette
klatz-klatz
ein klappverschluss für vergangenheit
ein anderer für zukunft
haben sie etwas verbotenes dabei –
erinnerungen, hoffnungen, fragen?
So habe ich mal ein langes Gedicht begonnen: „protokol ,ELILENTI‘“, in dem es um mein Exil in Deutschland und das Exil von deutschen Autor*innen in der Vergangenheit ging. Damals wohnte ich in Berlin, unweit vom Walter-Benjamin-Platz, wo ich oft zum Eisessen oder Kaffeetrinken hinging. Als ich über Benjamins Flucht über die Pyrenäen nachdachte, fragte ich mich, was er wohl mitgenommen hatte – einen Rucksack, einen Koffer? Es stellte sich heraus, dass es eine Aktentasche war, gefüllt mit den Manuskripten und Dokumenten, die ihm am wichtigsten waren. Er schleppte sie den ganzen Weg über die Berge.
Für die Familie Mann war es anders. Neben dem Bügelkoffer reisten Schrank-, Hand- und Reisekoffer mit Katia und Thomas Mann; manchmal war das Ehepaar mit bis zu 21 Gepäckstücken unterwegs.[1] In einer Vitrine der Dauerausstellung
„Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“ (bis 6. Januar 2026) in der Monacensia ist ein Koffer von Erika Mann zu sehen – hellbraun, mit Gebrauchsspuren –, er hat sie auf ihren zahlreichen Reisen begleitet.
Als ich diesen robusten Koffer sah, dachte ich, wie schwer er an sich schon sein musste – und dann auch noch voll mit Kleidung und Büchern. Wie praktisch, dass es heute Rollkoffer gibt. In ihrem Buch „Mother of Invention: How Good Ideas Get Ignored in an Economy Built for Men“ erzählt Katrine Marçal, warum viele Erfindungen, egal wie gut sie waren, nicht einfach und schnell umgesetzt werden konnten: wegen der gesellschaftlichen Stereotype über Maskulinität.[2] Bernard Sadow ließ den Rollkoffer im Jahr 1972 patentieren, aber es dauerte über 15 Jahre, bis sich dieser durchsetzte. Der Grund dafür waren Gender-Stereotype: Es hieß, Männer würden keinen Rollkoffer benutzen, weil es „unmännlich“ sei, und Frauen würden ohnehin nicht allein reisen, sondern mit einem Mann, der ihr Gepäck trage.
Für viele, die plötzlich ihr Land verlassen müssen, wird der Koffer zu einem Symbol: So versucht die belarusische Künstlerin Nadya Sayapina in der Video-Performance „My suitcase stands in the corner“ (2022), sich selbst in einen Koffer zu packen.[3] Und für „We didn’t plan to leave“ hat sie 72 Fotos zusammengestellt mit Koffern und Taschen von Belarus*innen und Ukrainer*innen, die vor Krieg und politischer Verfolgung fliehen mussten.
Nadya Sayapina „We didn’t plan to leave“,
Digitaldruck.
Während meiner fünf intensiven Umzugsjahre hatte ich drei Koffer und einige Kartons, die ich mir bei jedem Umzug mit der Post schickte. Ein solcher Lebensstil kann Minimalismus lehren, obwohl alles von den Bedürfnissen, dem Charakter und den Finanzen abhängt. Für manche Menschen ist eine Lieblingsdecke oder ein vertrauter Tisch lebenswichtig, um sich nicht heimatlos zu fühlen. Für andere ist all das zweitrangig.
Ich erinnere mich, dass ich irgendwann aufgehört habe, Dinge und Bücher zu kaufen, weil ich mit Schrecken daran dachte, wie ich sie in einem Jahr transportieren sollte. Das gewöhnt einen an eine gewisse Askese, nimmt aber manchmal auch die Freude. Eine Freundin sagte mir damals: „Kauf dir einen Teller, der dir gefällt, oder etwas, das dir Freude macht. Gemütlichkeit ist auch sehr wichtig.“ Ich bin ihr dafür sehr dankbar – als hätte ich eine Erlaubnis gebraucht, um mir etwas kaufen zu dürfen, das nicht unbedingt notwendig war.
Während ihres Aufenthalts in Amerika bekam Annette Kolb Hilfe von Emilie, der Hausangestellten („Jungfer“) der amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson:
„Ich liege in meinem Zimmer, das ich heute kaum betrat; denn Emilie erklärte, lieber ohne mein Beisein packen zu wollen. Nun stehen Koffer und Hutschachtel bereit. Auch für die Zettel, die mit dem Namen des Schiffes aufzukleben sind — sonst darf man es nicht besteigen —, sorgte sie vor.“[4]
Hutschachteln in einem Laden. Foto: Volha Hapeyeva.
Die Hutschachtel – heute ein recht vergessenes Gepäckstück – war früher fast immer auf Reisen dabei. So es ist nicht verwunderlich, dass Monika Mann sie als Metapher benutzt: Sie kehrte nach dem Tod ihres Mannes nach New York zurück, weil sie, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt,
„ihr Leben nicht wie eine Hutschachtel mit sinnlosen Tätigkeiten füllen wolle“.[5]
Die Hutschachtel wurde sogar zum Motiv für Bücher, wie „Die Reise in der Hutschachtel“ des österreichischen Schriftstellers und Illustrators Walter Kauders (1889-1985). In diesem Band der Reihe „Die Tausend Bunten Büchlein“ unternimmt Mariechen eine Reise in einer riesigen Hutschachtel, die sie bis in das Geschäft „Zum Hutparadies“ führt.
Der
Umschlag des Buches „Die Reise in der Hutschachtel“ von Walter Kauders. Rikola Verlag, Wien, Berlin, Leipzig, München, 1921.
Mein langes Gedicht habe ich mit den Überlegungen aus einem Kinderspiel beendet: „Was nimmst du mit auf eine einsame Insel?“ – weil sich Exil manchmal wie eine einsame Insel anfühlt. Gleichzeitig denke ich an Senecas Worte. Der römische Stoiker und Schriftsteller des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebte acht Jahre in der Verbannung und vertrat die Ansicht, dass niemand im eigentlichen Sinne verbannt sein könne, solange er oder sie Teil dieser Welt bleibt. Dieser Gedanke wirkt auf mich zutiefst humanistisch.
**
*Dieser Beitrag bildet den Abschluss von Volha Hapeyeva Reihe „Literarische Erkundungen in und um die Monacensia“ im Literaturportal Bayern. Er erscheint als Supplement zur finalen 25. Folge –
„Die große Vorläuferin: Annette Kolb, Schriftstellerin zwischen Exil und Vergessen“ – im MON Mag der Monacensia. 2026 wird dieses Format in neuer Form fortgesetzt und eröffnet dann weitere Perspektiven auf die literarischen Räume der Stadt und darüber hinaus.
Im MON-Mag-Dossier
„Thomas Mann und das literarische München“ sind folgende zwei Supplements zu literarischen Erkundungen von Volha Hapeyeva erschienen:
·
Vom Kinderkarneval zum politischen Kabarett: Erika Mann, Pierrot und die Kraft der Kunst – (10.12.2025)
·
«Lange Haare, kurzer Verstand?» – Lena Christs Haarnadel und was sie über Frauenbilder erzählt – (17.11.2025)
Vohla Hapeyeva, geboren in Minsk, ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Sie wurde 2022 mit dem Wortmeldungen Literaturpreis ausgezeichnet. Seit 2019 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland. Verliebt sich leicht in Sprachen.
[2] Vgl. S. 11.
[4] Annette Kolb, 1907–1964. Zeitbilder, S. Fischer Verlag, 1964, S. 156 f.
[5] Karin Andert, Monika Mann. Eine Biografie, mareverlag, 2010, S. 35.
Was Koffer über Flucht, Erinnerung und Identität erzählen – Literarische Erkundungen (25)>
Ein Koffer kann weit mehr als ein Gepäckstück sein – er kann auch Erinnerungen, Verluste und Aufbrüche in sich tragen. Volha Hapeyeva folgt in ihrem Text den Spuren jener, die mit wenigen Dingen große Entfernungen hinter sich ließen: von Walter Benjamins Aktentasche über Erika Manns Reisekoffer bis zu heutigen Exilant*innen, deren Leben in wenige Taschen und Kartons passt. Sie schreibt von Minimalismus und Sehnsucht; von dem, was wir mitnehmen, und dem, was wir zurücklassen. So wird der Koffer zum Symbol des Exils – und zu einem Schlüssel, der Fragen nach Heimat, Identität und Menschlichkeit öffnet.
In ihren Literarischen Erkundungen* knüpft Volha Hapeyeva hier an ihren im MON Mag erschienen Essay über Annette Kolb an – und folgt einem Motiv, das leise, aber beharrlich durch viele Exilbiografien wandert: dem Koffer.
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Koffer voller Wege: über Dinge des Exils und die Kultur des Reisens
der koffer ist ein wort von bedeutung im menschlichen lexikon
es beginnt eine kette
klatz-klatz
ein klappverschluss für vergangenheit
ein anderer für zukunft
haben sie etwas verbotenes dabei –
erinnerungen, hoffnungen, fragen?
So habe ich mal ein langes Gedicht begonnen: „protokol ,ELILENTI‘“, in dem es um mein Exil in Deutschland und das Exil von deutschen Autor*innen in der Vergangenheit ging. Damals wohnte ich in Berlin, unweit vom Walter-Benjamin-Platz, wo ich oft zum Eisessen oder Kaffeetrinken hinging. Als ich über Benjamins Flucht über die Pyrenäen nachdachte, fragte ich mich, was er wohl mitgenommen hatte – einen Rucksack, einen Koffer? Es stellte sich heraus, dass es eine Aktentasche war, gefüllt mit den Manuskripten und Dokumenten, die ihm am wichtigsten waren. Er schleppte sie den ganzen Weg über die Berge.
Für die Familie Mann war es anders. Neben dem Bügelkoffer reisten Schrank-, Hand- und Reisekoffer mit Katia und Thomas Mann; manchmal war das Ehepaar mit bis zu 21 Gepäckstücken unterwegs.[1] In einer Vitrine der Dauerausstellung
„Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“ (bis 6. Januar 2026) in der Monacensia ist ein Koffer von Erika Mann zu sehen – hellbraun, mit Gebrauchsspuren –, er hat sie auf ihren zahlreichen Reisen begleitet.
Als ich diesen robusten Koffer sah, dachte ich, wie schwer er an sich schon sein musste – und dann auch noch voll mit Kleidung und Büchern. Wie praktisch, dass es heute Rollkoffer gibt. In ihrem Buch „Mother of Invention: How Good Ideas Get Ignored in an Economy Built for Men“ erzählt Katrine Marçal, warum viele Erfindungen, egal wie gut sie waren, nicht einfach und schnell umgesetzt werden konnten: wegen der gesellschaftlichen Stereotype über Maskulinität.[2] Bernard Sadow ließ den Rollkoffer im Jahr 1972 patentieren, aber es dauerte über 15 Jahre, bis sich dieser durchsetzte. Der Grund dafür waren Gender-Stereotype: Es hieß, Männer würden keinen Rollkoffer benutzen, weil es „unmännlich“ sei, und Frauen würden ohnehin nicht allein reisen, sondern mit einem Mann, der ihr Gepäck trage.
Für viele, die plötzlich ihr Land verlassen müssen, wird der Koffer zu einem Symbol: So versucht die belarusische Künstlerin Nadya Sayapina in der Video-Performance „My suitcase stands in the corner“ (2022), sich selbst in einen Koffer zu packen.[3] Und für „We didn’t plan to leave“ hat sie 72 Fotos zusammengestellt mit Koffern und Taschen von Belarus*innen und Ukrainer*innen, die vor Krieg und politischer Verfolgung fliehen mussten.
Nadya Sayapina „We didn’t plan to leave“,
Digitaldruck.
Während meiner fünf intensiven Umzugsjahre hatte ich drei Koffer und einige Kartons, die ich mir bei jedem Umzug mit der Post schickte. Ein solcher Lebensstil kann Minimalismus lehren, obwohl alles von den Bedürfnissen, dem Charakter und den Finanzen abhängt. Für manche Menschen ist eine Lieblingsdecke oder ein vertrauter Tisch lebenswichtig, um sich nicht heimatlos zu fühlen. Für andere ist all das zweitrangig.
Ich erinnere mich, dass ich irgendwann aufgehört habe, Dinge und Bücher zu kaufen, weil ich mit Schrecken daran dachte, wie ich sie in einem Jahr transportieren sollte. Das gewöhnt einen an eine gewisse Askese, nimmt aber manchmal auch die Freude. Eine Freundin sagte mir damals: „Kauf dir einen Teller, der dir gefällt, oder etwas, das dir Freude macht. Gemütlichkeit ist auch sehr wichtig.“ Ich bin ihr dafür sehr dankbar – als hätte ich eine Erlaubnis gebraucht, um mir etwas kaufen zu dürfen, das nicht unbedingt notwendig war.
Während ihres Aufenthalts in Amerika bekam Annette Kolb Hilfe von Emilie, der Hausangestellten („Jungfer“) der amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson:
„Ich liege in meinem Zimmer, das ich heute kaum betrat; denn Emilie erklärte, lieber ohne mein Beisein packen zu wollen. Nun stehen Koffer und Hutschachtel bereit. Auch für die Zettel, die mit dem Namen des Schiffes aufzukleben sind — sonst darf man es nicht besteigen —, sorgte sie vor.“[4]
Hutschachteln in einem Laden. Foto: Volha Hapeyeva.
Die Hutschachtel – heute ein recht vergessenes Gepäckstück – war früher fast immer auf Reisen dabei. So es ist nicht verwunderlich, dass Monika Mann sie als Metapher benutzt: Sie kehrte nach dem Tod ihres Mannes nach New York zurück, weil sie, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt,
„ihr Leben nicht wie eine Hutschachtel mit sinnlosen Tätigkeiten füllen wolle“.[5]
Die Hutschachtel wurde sogar zum Motiv für Bücher, wie „Die Reise in der Hutschachtel“ des österreichischen Schriftstellers und Illustrators Walter Kauders (1889-1985). In diesem Band der Reihe „Die Tausend Bunten Büchlein“ unternimmt Mariechen eine Reise in einer riesigen Hutschachtel, die sie bis in das Geschäft „Zum Hutparadies“ führt.
Der
Umschlag des Buches „Die Reise in der Hutschachtel“ von Walter Kauders. Rikola Verlag, Wien, Berlin, Leipzig, München, 1921.
Mein langes Gedicht habe ich mit den Überlegungen aus einem Kinderspiel beendet: „Was nimmst du mit auf eine einsame Insel?“ – weil sich Exil manchmal wie eine einsame Insel anfühlt. Gleichzeitig denke ich an Senecas Worte. Der römische Stoiker und Schriftsteller des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebte acht Jahre in der Verbannung und vertrat die Ansicht, dass niemand im eigentlichen Sinne verbannt sein könne, solange er oder sie Teil dieser Welt bleibt. Dieser Gedanke wirkt auf mich zutiefst humanistisch.
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*Dieser Beitrag bildet den Abschluss von Volha Hapeyeva Reihe „Literarische Erkundungen in und um die Monacensia“ im Literaturportal Bayern. Er erscheint als Supplement zur finalen 25. Folge –
„Die große Vorläuferin: Annette Kolb, Schriftstellerin zwischen Exil und Vergessen“ – im MON Mag der Monacensia. 2026 wird dieses Format in neuer Form fortgesetzt und eröffnet dann weitere Perspektiven auf die literarischen Räume der Stadt und darüber hinaus.
Im MON-Mag-Dossier
„Thomas Mann und das literarische München“ sind folgende zwei Supplements zu literarischen Erkundungen von Volha Hapeyeva erschienen:
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Vom Kinderkarneval zum politischen Kabarett: Erika Mann, Pierrot und die Kraft der Kunst – (10.12.2025)
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«Lange Haare, kurzer Verstand?» – Lena Christs Haarnadel und was sie über Frauenbilder erzählt – (17.11.2025)
Vohla Hapeyeva, geboren in Minsk, ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Sie wurde 2022 mit dem Wortmeldungen Literaturpreis ausgezeichnet. Seit 2019 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland. Verliebt sich leicht in Sprachen.
[2] Vgl. S. 11.
[4] Annette Kolb, 1907–1964. Zeitbilder, S. Fischer Verlag, 1964, S. 156 f.
[5] Karin Andert, Monika Mann. Eine Biografie, mareverlag, 2010, S. 35.



