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München, Türkenstraße 57: Wedekind im Simplicissimus

Simplicissimus, Sylvesterfeier 1911. Fotografie eines Drucks 1912 (Bayerische Staatsbibliothek/Hoffmann). Innenansicht des Alten Simpl (c) privat.

Wedekind hat sich mit dem Ensemble der „Elf Scharfrichter“ im Winter 1902/03 zwar zerstritten (Station 13), aber seine Auftritte in Münchner Kabaretts gehen ungebrochen weiter. Zwischen 1904 und 1906 tritt er im Kabarett der „Sieben Tantenmörder“ (nach Wedekinds Gedicht „Der Tantenmörder“) des Singspieldirektors Josef Vallée in einem Keller am Karlstor auf. Aber auch in der 1903 von Kathi Kobus gegründeten Künstlerkneipe Simplicissimus (kurz „Simpl“) in der Türkenstraße 57 ist Wedekind mit seinen Balladen gern gesehener und gehörter Gast.

Das Künstlerlokal, das aus der Trinkhalle Dichtelei hervorgegangen ist (Station 8) und den Namen nach der satirischen Zeitschrift Simplicissimus trägt, entwickelt sich nach der Schließung der „Elf Scharfrichter“ zu einer Art Nachfolgekabarett. Erich Mühsam brilliert hier mit beißenden Satiren, Wedekind singt seine Dirnenlieder und Detlev von Liliencron trägt seine Gedichte vor. Daneben zählen die Dichter Franz Blei, Ludwig Scharf und Max Dauthendey zum Zentrum des Künstlerstammtischs. Alle ehemaligen „Elf Scharfrichter“, Ludwig Thoma, Max Halbe und der Journalist und Dramaturg Julius Schaumberger sind ebenfalls regelmäßig vertreten.

So lange, bis Wedekind in der „Torggelstube“ [Station 19] einen festeren Kreis um sich schloß, mit höheren geistigen Ansprüchen und sorgfältiger gewahrter Exklusivität, und bis Konkurrenzlokale [...] einen Teil der Künstlerschaft von dem nicht übertrieben abwechslungsreichen Lärm, Gedränge und Gestank der echtesten Münchener Künstlerkneipe abzogen, fluktuierte im „Simplicissimus“ der Kathi Kobus die Geistigkeit Münchens in allen ihren Verästelungen und Cliquen, und man konnte an manchen Abenden die heterogensten Elemente der Literatur und Kunst an den verschiedenen Tischen vertreten sehen, beim Eintritt einander freundschaftlich zuwinkend, höflich begrüßend oder feindselig schneidend. [...] Der „Simplicissimus“ war die Stätte, wo zwischen Wedekind und Halbe mehrmals der Krieg ausbrach, mehrmals der Friede geschlossen wurde. (Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen, Kap. „Die Gäste der Kathi Kobus“)

Auch ein Star des Kabaretts, die Münchner Chansonsängerin Mary Irber, verkehrt im Simpl und trägt bei dieser Gelegenheit Wedekinds „Ilse“-Gedicht vor. Da sie sehr hübsch, jung und äußerst elegant ist, hat sie viele männliche Verehrer, darunter auch Wedekind. Dieser widmet ihr mit „Meiner entzückenden Kollegin Mary I.“ ein huldigendes Bänkellied, das er selbst gerne zur Laute vorsingt:

Von vorn besehn bist du die schönste Maid,
Die je mein Herz aus Liebesnot befreit;
Doch wenn du halb nur dich zur Seite kehrst,
Dann dünkt mich schon, daß du ein Knabe wärst.
Drum bleib' ich wie dem Glücksrad stets dir nah,
Du – Venus Duplex Amathusia!

Überhaupt kann Wedekind auf ein lyrisches Repertoire zurückgreifen, das er bereits bei den „Elf Scharfrichtern“ vorgestellt hat. Ansonsten wird im Simpl-Kabarett kein festes Programm dargeboten.

Als kommender „Hausdichter“ etabliert sich bald ein anderer angehender Autor: der 1908 nach München zugezogene Hans Gustav Bötticher alias Joachim Ringelnatz.

 


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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