Die Femme fatale

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Cover der englischen Erstausgabe von Nabokovs "Lolita" (1955)

Viele Männer hatten wegen Lola Montez den Kopf verloren, ein König gar seinen Thron. Sie war der Grund für Duelle, Eifersuchtsszenen, Scheidungsverfahren, Revolution. Schon zu Lebzeiten war ihr Name ein Synonym für weibliche Erotik und Verführungskunst. In seinen verschiedenen Abwandlungen (Lolita, Lulu), behielt der Name Lola diese Konnotation bis heute, wovon auch die Literatur eindrucksvoll Zeugnis gibt.

1895 veröffentlichte Frank Wedekind eine Tragödie mit dem Titel Der Erdgeist. 1904 kam in Nürnberg Die Büchse der Pandora auf die Bühne. Wegen angeblich moralischer Anrüchigkeit führte das Stück zu zahlreichen Gerichtsprozessen, die umfangreiche Textänderungen zur Folge hatten.

1913 verschmolz Wedekind beide Stücke zu seinem Hauptwerk Lulu. Wedekinds Stück ist eine radikale Abrechnung mit der bürgerlichen Doppelmoral und ein Aufruf zur Emanzipation von dieser. Die Figur der Lulu ist die Verführerin, der Freigeist, dem seine Umgebung mit Haut und Haaren verfällt. Die Frau, die Phantasien befriedigt und doch immer nur sich selbst gehört.

LULU: Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt angehöre, gehöre ich Ihnen. Ohne Sie wäre ich – ich will nicht sagen wo. Sie haben mich bei der Hand genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen, als ich Ihnen die Uhr stehlen wollte. Glauben Sie, das vergisst sich? Jeder andere hätte den Schutzmann gerufen. Sie haben mich zur Schule geschickt und mich Lebensart lernen lassen. Wer außer Ihnen auf der ganzen Welt hat je etwas für mich übrig gehabt? Ich habe getanzt und Modell gestanden und war froh, meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können.

Aber auf Kommando  l i e b e n, das kann ich nicht!

(Frank Wedekind: Lulu. 2. Aufzug. 3. Auftritt. Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 2013, S. 43)

1937 schuf Alban Berg aus Wedekinds Bühnenstück die unvollendete Oper Lulu. Lola Montez königlicher Kosename „Lolita“ wurde von Vladimir Nabokov schließlich gar in seinem zur Weltliteratur gehörenden Pädophiliedrama um Humbert Humbert herangezogen.

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die  Zähne. Lo. Li. Ta.

Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita.

(Valdimir Nabokov: Lolita. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1995, S. 13)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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