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Geb.: 2. 7.1965 in Nürnberg

Wilfried Happel

Wilfried Happel wächst in Unterfranken auf. Er studiert Germanistik und Philosophie in Köln und Frankfurt und ist seit den frühen 90er Jahren Pendler zwischen Köln, Frankfurt, Würzburg und Berlin. Seit 2008 lebt er in Berlin-Neukölln.

1994 erscheint sein erstes Theaterstück Das Schamhaar, das in der Regie von Thirza Bruncken am Schauspiel Köln uraufgeführt wird. Die Uraufführung seines zweiten Stücks Mordslust folgt zwei Jahre später in der Regie von Thorsten Fischer. Nach dem Hörspiel Kleiner Zwischenfall in den französischen Alpen (WDR 1996) schreibt Happel weitere Theaterstücke, darunter Fressorgie oder Der Gott als Suppenfleisch (1997) sowie die Bühnenmonologe Der Nudelfresser (2000) und Die Wortlose (2001). Seit November 2009 liegt zudem sein erster Prosaband Abstecher ins bürgerliche Jenseits vor.

Neben seiner Arbeit als Autor ist Wilfried Happel auch als Dramaturg (von Gustavo Frigerio und Elettra de Salvo am Künstlerhaus Mousonturm) sowie als Regisseur an freien Theatern tätig. Darüber hinaus unterrichtet er Szenisches Schreiben an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Rostock. Happel ist Initiator des Theatertisch Neukölln und Theaterressort-Leiter des TITEL-Magazins. In regelmäßigen Abständen arbeitet er an der Würzburger Off-Theater-Bühne Theater Ensemble.

Mit all seinen Stücken, meist sind es tragische Komödien oder kräftige Satiren, entlarvt er die kleinbürgerliche Familienidylle, setzt aber zugleich die triebhafte Kehrseite bürgerlicher Wohlanständigkeit als selbstverständlich voraus. Allein die Titel stellen opulente Tabubrüche dar: „Fressen“ und „Koitieren“ gerinnen jedoch zu Metaphern einer längst verflossenen Familienromantik.

Was bei Happel oftmals klischeehaft wirkt, ist immer auch so gemeint: Mit bewusstem Medien-Blick verbindet er, was in unzähligen Boulevardmagazinen oder Comedy-Soaps publikumswirksam in Szene gesetzt wird. Dieses Spiel mit Klischees ist bar jeder tieferen Bedeutung: Der Nudelfresser beispielsweise erhält seine Struktur dadurch, dass vom Protagonisten selbst mögliche Deutungen seiner provozierend absurden Existenz angeboten und im gleichen Atemzug wieder verworfen werden. Gerade deswegen aber, in der monströs überzeichneten Banalität des Alltäglichen, besteht die Zumutung für den Zuschauer, dieses Stück immer und immer wieder zu „genießen“ und dabei zu erkennen, dass alles nur „Theater“ ist.

Dennoch ist nicht alles so wie es scheint. Spätestens in dem Ein-Frau-Stück Die Wortlose lässt Happel das bürgerliche Spiel der triebhaften Gewalttätigkeiten zurücktreten hinter dem hasserfüllten Bericht seines bzw. ihres Opfers: Renate – abgestempeltes Mauerblümchen der Schulklasse, hoffnungslos verliebt in Rainald Rommel, der sie als Mitschüler und während der gemeinsamen Ehe quält – nimmt die Gerechtigkeit selbst in die Hand, indem sie sich an Rainald rächt, ihn umbringt, wobei sie den vielen psychischen wie physischen Vergewaltigungen nachträglich verbal Ausdruck verleiht.

Wilfried Happel ist der Bruder der Autorin Lioba Happel.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:
Blitz, Bodo (2001): Bürgerliche Rituale: Fressen, Ficken, Morden und Sprechen. In: Weiler, Christian; Müller, Harald (Hg.): Stück-Werk 3. Portraits, Beschreibungen, Gespräche (Arbeitsbuch 10). Verlag Theater der Zeit, Berlin, S. 70-72.

Externe Links:

Literatur von Wilfried Happel im BVB

Oben ohne

Die Wortlose, Beitrag im Marburger Forum

Wilfried Happel beim Literaturport

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