Ludwig Thoma: Der erste August

In seinem Einakter Der erste August. Ein Spiel vom Ausbruch des großen Krieges (1915) stellt der oberbayerische Schriftsteller Ludwig Thoma die Lebenswelt eines kleinen bayerischen Dorfes und dessen Erfahrungen mit der Mobilmachung 1914 nach. Weitab von den politischen und wirtschaftlichen Machtzentren steht die Sorge der Dorfbewohner im Gegensatz zur Begeisterung vieler Städter. Wie realitätsbezogen eine solche Stellungnahme der Landbevölkerung zum Krieg gewesen ist, zeigt die Tatsache, dass es im ländlichen Raum durchaus Probleme mit der Organisation der alltäglichen Arbeit gab:

Anfang August, also mitten in der Erntezeit, wurden junge Männer und – für die Landwirtschaft dramatisch – Pferde eingezogen. Von den 150 Bauernhöfen (davon zehn Höfe mit mehr als hundert Tagwerk) der Gemeinde Ismaning bei München beispielsweise mussten am zweiten Mobilmachungstag 66 Pferde abgegeben werden.

(Scherr, Laura [2014]: Kriegsfurcht und Kriegsschmerz – das andere „August-Erlebnis“, S. 104)

Die Auswirkung des Krieges auf die Landwirtschaft belegt Thoma in seinem Stück, als der Bürgermeister die Mobilmachung und den Einzug der jungen Männer unter den Dorfbewohnern verkünden will:

Gschwendtnerin: Geh Burgermoasta, kimm eina!

Bürgermeister: Es geht it, Bäuerin, hörst a so, wia's umgeht in Dorf, und i muaß no a paar de Botschaft bringa.

Gschwendtnerin: O mei! Was werd dös wern?

Bürgermeister: Von mir müass'n zwoa furt, bei'n Lenzbauern glei gar drei.

Gschwendtner: Und mitt'n in der Arndt!

Bürgermeister: Ja, es werd an Händ fehl'n. De Zeit wern mir ins lang mirka ... aba jetzt pfüat enk Good, Leut! [Ab vom Fenster.]

(Ludwig Thoma: Der erste August (1915), S. 3)

Betroffen sind ebenfalls der Bauer Gschwendtner und seine Frau, die Gschwendtnerin – beide müssen von ihrem Sohn Hans Abschied nehmen. Die Sorge der Mutter über den Verlust ihres Sohnes wird aber überdeckt durch den Hinweis des Vaters auf einen Angriffskrieg der Feinde, mithin auf die „Ideen von 1914“ also, wonach der Erste Weltkrieg (angeblich) ein Verteidigungskrieg der deutschen Kultur und Gemeinschaft gegen eine westliche materialistische Zivilisation sei: „Aba dö andern woll'n ins de Ruah net lass'n.“ Eine mögliche Kritik Thomas an den politischen Verhältnissen der Zeit (Gschwendtnerin: „Was hamm denn mir z' toan mit de G'schicht'n? Inseroans will do nix als wia sei Ruah zu der Arbet?“) kann so gar nicht erst aufkommen. Überhaupt wird der Krieg auf eine – familiäre und stammesmäßige – Grundverteidigung um Grund und Boden vollkommen verkürzt:

Gschwendtnerin: Was wissen denn de [die anderen Nationen] von ins?

Gschwendtner [grimmig]: Nix oder z'weni. Sunst fangat'n s' mit ins net o. [Wieder gütig.] Na, Muatta, mir wissen guat, warum unsere Buam fort müass'n. [Steht auf.] Es geht um viel oder um all's.

Gschwendtnerin [seufzend]: Daß so was auf oamal daherkaam?

Gschwendtner: Über dös könna mir it nachdenka. Aber dös wiss'n ma, daß mir koane schlecht'n Tropf'n san, dene ma 's Leben nimmt oder laßt. Und an Bod'n geb'n ma it her, an dem s' g'arbet ham, de wo vor uns da warn, und mir aa, und an Boden lass'n ma net verschandeln, in dem Vatta und Muatta begrab'n san und in dem mir aa'r a mal lieg'n woll'n ... ehrbar und mit Fried'n ... [In Zorn ausbrechend] Herrgott, bal ma si so was denkt, daß schlechte Händ nach dem g'langa, was uns des Bescht is, und bloß mit Muatwill'n, weil mir eahna z' gring san ... [Schreit.] Moanst, i schaug zua und bleib hintern Ofa? Moanst, i waar scho z' alt, daß i net aa no d' Büchs nahm? ...

(Ebda., S. 6)

Bei dieser Wuttirade Gschwendtners ist aber auch schon sein Sohn Hans zur Stelle („in der blauen Leiberuniform, die Mütze etwas schief aufgesetzt, in der rechten Hand trägt er einen kleinen Koffer“), bereit, um an Vaters Statt in den Krieg zu ziehen.

[Umschlagdeckel 1915]


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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