Thomas Mann: Friedrich und die große Koalition

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Friedrich II., König von Preußen, im Alter von 68 Jahren. Gemälde von Anton Graff, 1781.

Nach bzw. während Gute Feldpost schreibt Thomas Mann seinen Essay Friedrich und die große Koalition, der 1914/15 im Neuen Merkur erscheint. Die Maßstäbe für die Beurteilung seiner eigenen Gegenwart bezieht er hier aus der historischen Vergangenheit – Mann zieht in dem Aufsatz eine Parallele zwischen Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg (1756-63) und Deutschland im Ersten Weltkrieg:

Die Koalition hat sich ein wenig verändert, aber es ist sein Europa, das im Haß verbündete Europa, das uns nicht dulden, das ihn, den König, noch immer nicht dulden will, und dem noch einmal in zäher Ausführlichkeit, in einer Ausführlichkeit von sieben Jahren vielleicht, bewiesen werden muß, daß es nicht angängig ist, ihn zu beseitigen.

(zit. n. Stammen, Theo [1990]: Thomas Mann und die politische Welt, S. 23)

Zwar ist der propagandistische Wert des Friedrich-Aufsatzes nicht zu unterschätzen – so wie Friedrich damals ins neutrale Sachsen einfiel, so hat der völkerrechtswidrige Einfall Deutschlands im neutralen Belgien sein anregendes Vorbild. Allein das Problematische historischer Größe, der Widerspruch von Menschlichkeit und Größe im Besonderen, liefert ein differenzierteres Friedrich-Bild Thomas Manns, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Das betrifft nicht nur die „teils liederliche, teils schreckhafte und momentweise fürchterliche Kronprinzenvergangenheit“, sondern auch den amtierenden und kriegführenden König. Seine „unerhörte Arbeitswut [hat] etwas Zynisches, Dürres, Unmenschliches und Lebensfeindliches – für den gesunden und richtigen Menschensinn“ und seine „tiefe Misogynie ist fortan von seinem Wesen untrennbar: es wird unmöglich, sich ihn in einer zärtlichen Situation vorzustellen, es wird lächerlich.“ (Thomas Mann: „Die Possen haben ein Ende“, S. 54) Dass Friedrich trotz aller Verachtung fürs Volk für dieses „so ungeheuerlich zu arbeiten fortfuhr“, wird nach Thomas Mann nur dann unverständlich, „wenn man sein Pflichtgefühl nicht als eine Art von Besessenheit und ihn selbst nicht als Opfer und Werkzeug höheren Willens begreift. Sein Fleiß war kalte und glücklose Passion.“ (Ebda., S. 55)

Friedrich unterwirft sich demnach der Fatalität – so wie Thomas Mann der „Geist der Geschichte“, der Glaube an eine überpersönliche, dämonische Macht an seine Bestimmung als ‚Soldat ohne Soldatentum’ um 1914 bindet. Dennoch scheint die stark moralische Bewertung Friedrichs in ihrer kritischen Tendenz die deutschen Kriegszustände seit 1914 offenzulegen, wenn auch noch ohne „genuin politische Ordnungskonzeption “ (Stammen, Theo [1990]: Thomas Mann und die politische Welt, S. 23). Insofern erweist sich schon hier in diesem Essay „die Richtigkeit von Thomas Manns späterer These, daß man als Künstler, als Schriftsteller a priori im Sinne von ‚Kritik’, Relativierung, Perspektivismus wirkt [...]“ (Eder, Jürgen [2000]: Die Geburt des Zauberbergs aus dem Geiste der Verwirrung, S. 180).

(Kurzke, Hermann [1999]: Thomas Mann, S. 244-247)

(Eder, Jürgen [2000]: Die Geburt des Zauberbergs aus dem Geiste der Verwirrung, S. 178-181)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik