Vera Sassulitsch

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Vera Sassulitsch

Eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen Lenins in München ist Vera Sassulitsch. In jungen Jahren war sie Anhängerin der revolutionären Narodniki, die versuchten, durch Anschläge auf Funktionäre des Zarenregimes in Russland einen Bauernaufstand zu entfachen. Am 24. Januar 1878 schoß Vera Sassulitsch auf den besonders verhassten Stadtkommandanten von St. Petersburg Theodore Trepow. Nach ihrem überraschenden Freispruch durch ein Geschworenengericht ging sie in die Schweiz und wandte sich dort dem Marxismus zu. Sie stand lange Zeit mit Marx und Engels in Briefkontakt und übersetzte das Kommunistische Manifest ins Russische. Jetzt lebt sie in München, und René Prévot beschreibt sie in seinem Buch Kleiner Schwarm für Schwabylon:

Für mich gehört „die Vera“ zu jenen merkwürdigen Personen, die man erst kennen lernt, wenn sie nicht mehr da sind. Erst neuerdings, nach fünfzig Jahren, habe ich erfahren, wer eigentlich „die Vera“ war, um dann allerdings mit dem Stuhl umzukippen. Sie fiel durch zwei Dinge auf, durch die man sonst in Schwabing nicht auffallen konnte. Erstens durch ihre Kleidung, die alles, was man an Extravaganz oder Schlamperei, wie man es nennen will, in Schwabing gewohnt war, weit übertraf, und zweitens durch ihr Zigarettenrauchen, das jeden bis dahin gekannten Tagesrekord überringelte. Das Auffallende ihrer Erscheinung wurde ergänzt durch geheimnisvolle Gerüchte: es hieß, sie habe einmal einen russischen Polizeioffizier erschossen und sei aus dem Zarenreich geflohen. Wenn sie mit ihrem Freunde, der sie fast ständig begleitete, in eins der Cafés kam, gingen Blicke eines fremdartigen Interesses herüber und hinüber. Sie schien an dem Schwabinger Treiben Gefallen zu finden; in ihren beobachtenden Augen stand fast immer ein Lächeln.

(René Prévot: Kleiner Schwarm für Schwabylon. Braun & Schneider, München 1954, S. 26.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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