Die Jagd nach Ernst Toller

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Die Schauspielerin Tilla Durieux 1905, Foto von Jacob Hilsdorf (1872-1916).

Ernst Toller, der als Truppenkommandant der Roten Armee versucht hatte, den Ansturm der Weißen Truppen auf München aufzuhalten, war bereits in der Nacht zum 1. Mai 1919 untergetaucht. 10.000 Mark Belohnung wegen Hochverrats wurden auf seine Ergreifung ausgesetzt. Doch Toller blieb unauffindbar. Niemand ahnte, dass sich der Frauenschwarm nahezu unkenntlich unter Perücke und Schnurrbart versteckte. Eine, die ihm in diesen Stunden auf der Flucht half, war die Schauspielerin Tilla Durieux, die sich in diesen Tagen in der Klink von Prof. Sauerbruch in der Nussbaumallee befand:

Sauerbruch verordnete mir absolute Bettruhe. [...] Gegen Abend kam Toller plötzlich zu mir. Er war so aufgeregt, wie ich ihn noch nie gesehen, und verlangte Sauerbruch zu sprechen. Als die Nonne, die ich nach dem Professor schickte, das Zimmer verlassen hatte, eröffnete mit Toller, dass alles verloren sei und ihm nur die Flucht übrig bleibe. Ich gab ihm alles Geld, dass ich augenblicklich da hatte, und sagte ihm, ich würde alles für ihn tun, was in meiner Macht stünde.

(Tilla Durieux: Eine Tür steht offen. Erinnerungen. Henschelverlag, Berlin 1971, S. 230)

Während der Jagd nach dem Flüchtigen kam es zu einer folgenschweren Fahndungspanne, bei der Freikorpssoldaten aus Versehen Kriminalkommissar Gradl von der Münchener Polizei erschossen. Mehrmals wechselte Toller das Versteck. Nachdem es bei Freunden zu unsicher wurde, kam er in der Wohnung des Fürsten Karl zu Löwenstein unter, der weniger aus politischem Idealismus, denn aus Menschlichkeit half. Doch auch hier war seines Bleibens nicht lange und so zog er schließlich in der Schwabinger Wohnung des Malers Johannes Reichel hinter die Tapetentür, wo er am Morgen des 4. Juni 1919 entdeckt und verhaftet wurde.

Durchaus realistisch sah Toller sein Leben als führendes Mitglied der Räteregierung in Gefahr. Doch er hatte Glück im Unglück. Angesichts der Auswüchse, welche die Rache der Sieger angenommen hatte, kippte die Stimmung in der Bevölkerung zugunsten der Inhaftierten. Und so blieb Toller am Leben, nicht zuletzt wegen der prominenten Fürsprecher, die sich nach seiner Verhaftung zu Wort meldeten. Darunter waren Max Halbe, Thomas Mann und Max Weber, der Toller als unreifen Menschen charakterisierte, den allein der Zorn zum Politiker gemacht habe.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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