Ernst Toller

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Ernst Toller 1919 (Bayerische Staatsbibliothek/Hoffmann)

An der Spitze der Räterepublik stand mit dem Vorsitzenden des Zentralrates der 26-jährige Schriftsteller Ernst Toller, den die Kommunisten spöttisch als „König von Süddeutschland“ bezeichneten.

In den Vorzimmern des Zentralrats drängen sich die Menschen, jeder glaubt, die Räterepublik sei geschaffen, um seine privaten Wünsche zu erfüllen. Eine Frau möchte sofort getraut werden, bisher hatte sie Schwierigkeiten, es fehlten notwendige Papiere, die Räterepublik soll ihr Lebensglück retten. Ein Mann will, dass man seinen Hauswirt zwinge, ihm die Miete zu erlassen. Eine Partei revolutionärer Bürger hat sich gebildet, sie fordert die Verhaftung aller persönlichen Feinde, früherer Kegelbrüder und Vereinskollegen. Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an [...]. Die einen sehen die Wurzel des Übels im Genuss gekochter Speisen, die anderen in der Goldwährung, die dritten im Tragen unporöser Unterwäsche [...].

(Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1990, S. 111)

Die Kaffeehaushausrevolutionäre waren letztlich jedoch vom Regieren überfordert und als es am Palmsonntag 1919 zu einem Putsch der regierungstreuen Truppen kam, gelang es ihnen nur mit Hilfe der Kommunisten, den Putsch niederzuschlagen. Toller trat daraufhin von seinem Amt zurück. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Abend des 15. April das Gerücht von der Ankunft der Regierungstruppen in München. Ernst Toller durchkämmte daraufhin mit einem Trupp Soldaten die Stadt. Von der Frauenkirche her ertönte Sturmgeläut: „‚Wer hat Ihnen den Befehl zum Sturmläuten gegeben?‘ ‚Des wenn i wüßt!‘ Ein Arbeiter packt den Küster. ‚Du Hund! Du hast´s mit die Weißen!‘ ‚Was, mit die Weißen? Woher soll i jeden damischen Spartakisten kenna?‘“

Ein anderer beschwerte sich lautstark aus dem Fenster: „Des is ja noch schöner, jetzt schiassens gar mitten in da Nacht.“ Und die Frau des Küsters der Frauenkirche empfing die Revolutionäre mit den Worten: „Erbarmens Eahna und erschießens ihm nicht, er hat eh den Ischias.“

Hoch zu Ross machte Toller sich schließlich auf in Richtung Karlsfeld, auf die Suche nach dem Feind. Hier traf er endlich auf den Trupp Arbeiter und Soldaten, die den Angriff der sogenannten Weißen ohne jegliche militärische Führung erfolgreich zurückgeschlagen hatten.

In einem nahe gelegenen Gasthaus wurde dem Pazifisten Toller die Führung der Truppe übertragen: „Oana muaß sein Kohlrabi herhalten, sonst gibts an Saustall, und wennst nix vastehst, wirst es lerna, die Hauptsach is, dich kennen wir.“

(Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1990, S. 127)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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