Der Krieg und seine Folgen

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2014/klein/rebell_hoff-5127_240.jpg
Demonstration Oktober 1918 in München (Bayerische Staatsbibliothek/Hoffmann)

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs schwappte eine Welle der Euphorie übers Land. Auch viele, die später überzeugte Pazifisten waren, ließen sich von der Kriegsbegeisterung anstecken. Auch der Dramatiker Ernst Toller wurde er auf den Schlachtfeldern zum überzeugten Kriegsgegner. Zunächst hatte er sich wie so viele voller Begeisterung zum Militär gemeldet. Dreizehn Monate stand er vor Verdun und erlebte die grausame Realität des Krieges:

Wir schlafen aneinandergekauert in schlammigen Unterständen, von den Wänden rinnt Wasser, an unserem Brot nagen die Ratten, an unserem Schlaf der Krieg und die Heimat. Heute sind wir zehn Mann, morgen acht, zwei haben Granaten zerfleischt. Wir begraben unsere Toten nicht. Wir setzen sie in die kleinen Nischen, die in die Grabenwand geschachtet sind für uns zum Ausruhen. Wenn ich geduckt durch den Graben schleiche, weiß ich nicht, ob ich an einem Toten oder einem Lebenden vorübergehe. Hier haben Leichen und Lebende die gleichen graugelben Gesichter.

(Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Philipp Reclam jun. Verlag, Leipzig 1990, S. 55)

Bald war nichts mehr übrig von seinem anfänglichen Hurra-Patriotismus. Es blieben Entsetzen, Abscheu und Ekel und die ganz einfache Erkenntnis:

Alle diese Toten sind Menschen, alle diese Toten haben geatmet wie ich, alle diese Toten hatten einen Vater, eine Mutter, Frauen, die sie liebten, ein Stück Land, in dem sie wurzelten [...]. In dieser Stunde weiß ich, dass ich blind war, weil ich mich geblendet hatte, in dieser Stunde weiß ich endlich, dass alle diese Toten, Franzosen und Deutsche, Brüder waren, und dass ich ihr Bruder bin.

(Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Philipp Reclam jun. Verlag, Leipzig 1990, S. 60)

Nach einer schweren Nervenzerrüttung durfte er nach Berlin zurückkehren, wo er den Journalisten Kurt Eisner traf. Als dieser Anfang 1918 nach München übersiedelte, entschloss sich Ernst Toller ihm zu folgen. Obwohl er die bayerische Landeshauptstadt kannte, erlebte er sie und ihre Bewohner bei den politischen Zusammenkünften nun von einer ganz neuen Seite:

In diesen Versammlungen sah ich Arbeitergestalten, denen ich bisher nicht begegnet war, Männer von nüchternem Verstand, sozialer Einsicht, großem Lebenswissen, gehärtetem Willen, Sozialisten, die ohne Rücksicht auf Vorteile des Tages der Sache dienten, an die sie glaubten.

(Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Philipp Reclam jun. Verlag, Leipzig 1990, S. 75)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

Kommentar schreiben