D. H. Lawrence in Oberbayern: Wolfratshausen / Wolfratsberg

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Blick auf Wolfratshausen, Ölbild von C. Bergen (1853-1933).

Die Sommermonate 1912 verbringen D. H. Lawrence und Frieda Weekley im „weißen Städtchen“ Wolfratshausen, wo sie im „Haus Vogelnest“ am Bergwald (heute Josef-Schnellrieder-Weg 8) wohnen. Friedas Schwester Else hat das Anwesen bereits 1911 gekauft und bewohnt es mit ihren vier Kindern bis 1916. Else ist mit Edgar Jaffé, Schüler des berühmten Soziologen Max Weber und Professor für Nationalökonomie in München, verheiratet, lebt aber von ihm getrennt.

Die erste Station der beiden Liebenden nach ihrem einwöchigen „Honeymoon“ im Gasthof zur Post in Beuerberg ist das Anwesen der Schwester in Wolfratshausen: „Dann gingen wir nach Wolfratshausen, wo Friedas Schwester ein Haus hat – wie ein Chalet – auf dem Hügel über dem weißen Dorf.“ (Briefe, S. 63) Hier werden später wichtige Entscheidungen getroffen: Frieda beschließt – nach ihrer mittlerweile sterilen Ehe mit dem Philologen Ernest Weekley – nicht mehr zu ihm und den Kindern nach England zurückzukommen und mit Lawrence zusammenzuleben. Lawrence wiederum gibt „Haus Vogelnest“, Haus Nr. 133, als seine Postadresse an, von wo aus er zahlreiche Briefe empfängt und schreibt („letters to Wolfratshausen will always find me“). Darüber hinaus widmet er dem Fronleichnamszug durch Wolfratshausen ein längeres Gedicht: Während die Außenwelt sich auf die feierliche Prozession vorbereitet, feiert das Gedicht die Vereinigung zweier Menschen in Absage an Konventionen und Vergangenheit.

Wolfratshausen selbst beschreibt der englische Dichter als altertümliches Städtchen. Im Roman Mr. Noon hat es den fiktiven Namen Wolfratsberg. Von hier aus starten Gilbert und Johanna – ähnlich wie Lawrence und Frieda am 5. August 1912 – ihren Fußmarsch über die Alpen nach Italien, nachdem sie Ommerbach, d.h. Icking, bei Tagesanbruch verlassen haben:

Bis acht Uhr waren sie auf dem Hügel über Schloß Wolfratsberg und blickten hinunter auf jenes alte Städtchen, dessen Schornsteine blau rauchten, dessen beiden langhalsige Kirchen ihre Vogelkopf-Kuppeln reckten, dessen Fluß eilig unter zwei Brücken hindurchrann, dessen Wasserweiden groß und bauschig waren, dessen Sägemühle ein eben noch hörbares Geräusch machte. Rührender Anblick, ein altes, abgelegenes Städtchen, das seinen morgendlichen Holzrauch aufströmen läßt, weit unten neben seinem Fluß.

So stiegen sie hinab und kauften einen Spirituskocher und eine Pfanne, Spiritus, Brot, Butter und Wurst. Dann schlichen sie auf Zehenspitzen durch die lange, reizvolle alte Straße, aus Angst, daß Louise [Else Jaffé, Anm. d. Verf.] sie oben von ihrer Villa aus erspähen würde oder daß Louises Dienstboten oder Kinder sich plötzlich auf sie stürzen würden.

Aber Gott sei gelobt, sie kamen unangefochten durch und tauchten in die Rieselwiesen hinter der Stadt ein. Dort setzten sie sich eine Minute auf eine Bank, hörten die Kirchenglocken und sahen den Frauen zu, die im Fluß Wäsche wuschen. Alsdann, auf Wiedersehen, Wolfratsberg! Voraus liegt eine lange Straße, über die Berge und ins Unbekannte. (Mr. Noon, S. 349f.)

In einem Brief berichtet Lawrence außerdem vom Sonntagsmarkt in Wolfratshausen, wo es „nichts zu kaufen [gab] außer Regenschirme und Hosentragen und Lebkuchen. Ich wollte einen Herzkuchen mit ‚Frieda‘ drauf kaufen, aber es war ein solcher Andrang von jungen Burschen [...], so daß ich nicht herankam. Es ist mir von Geburt an bestimmt, weggedrängelt zu werden.“ (Briefe, S. 89)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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