D. H. Lawrence in Oberbayern: München-Bilder

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München mit Feldherrnhalle, Theatiner- und Frauenkirche, im Hintergrund die Alpen. Fotografie um 1933. (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

In München, der Stadt des pulsierenden intellektuellen Lebens, gerät Lawrence zunächst in eine rauschhafte Euphorie. Der Unterschied zwischen dem düsteren mittelenglischen Kohlenrevier um Nottingham, dem er entstammt, und der prächtigen bayerischen Residenzstadt München muss für ihn gewaltig gewesen sein. In Mr. Noon wird dieser Kluft auch formal-inhaltlich gedacht, indem der Roman ab dem 13. Kapitel in zwei unabhängige Teile zerfällt und mit einem rigorosen Schauplatzwechsel („Hochdeutschland“) wieder einsetzt:

Die Sonne schien hell, als Mr. Noon in seinem Schlafzimmer in der altehrwürdigen, bierbrauenden Stadt München, Hauptstadt Bayerns, Königin der lieblichen südlichen Lande Deutschlands, erwachte. Hebt nicht die Marienkirche ihre braunen, mit grünem Kupfer behaupten Zwillingskuppeln über Dächer und Paläste und blickt sich heute morgen freundlich um? Denn siehe, der Schnee schmilzt und ist in den tauenden Straßen zu Häufen aufgeschüttet. Siehe, die Sonne scheint, und die Zeit zum Singen ist beinahe gekommen. Siehe, die lange, wachsame Linie der eisbleichen Alpen steht wie eine Reihe Engel mit Flammenschwertern in der Ferne und verwehrt uns das Paradies des Südens. Siehe, das Land des tauenden Schnees erstreckt sich heute morgen wie Chrysopras nordwärts und westwärts zu den Seen und den Vorhügeln weiterer Alpen und den gewellten Ebenen Deutschlands und den Inseln des Westens. Jawohl, den Inseln des Westens, das heißt den Britischen Inseln. Wir werden Inseln der Glückseligen sagen, wenn du willst, geneigter Leser. (Mr. Noon, S. 141)

Dass man sich in München wohl fühlen und amüsieren kann, weiß auch Johanna. Gegenüber Gilbert macht sie schnell klar, dass man nicht viel zum Leben braucht, wenn man in München in besserer Gesellschaft ist:

 „Oh, aber in München braucht man kein Geld. Deswegen ist es die schönste Stadt der Welt. Meinen Sie nicht? Man kann bei Hofe sein und einen Unterrock aus rosa Baumwollflanell tragen, und niemand hat etwas dagegen.“

„Warum auch?“, sagte Gilbert.

„Na, es ist schon ziemlich scheußlich, rosa Baumwollflanell. Oh, wenn meine Kinder nicht wären, würde ich sofort nach München kommen und hier leben.“ (Mr. Noon, S. 180)

Indes: die bierselige Stadt und selbstzufriedene Gesellschaft in Schwabing gehen dem misanthropisch gelaunten Lawrence bald auf die Nerven. Besonders über die Ausstellung der Münchner Künstlervereinigung „Secession“ im Glaspalast 1913 äußert er sich abfällig. Der Gedanke an München hinterlässt zuweilen tiefe Spuren:

Do you know Munich? For some things I love it, and for some things I hate it. I hate it for its puffiness – puffed under the eyes with beer and bohemianism. Then I love it for its indifference. But it should be debonnair in its bohemianism, and it isn't – it is rather unwholesome, and seems conscious of its dirty linen. I hate Munich art. But yet it is free of that beastly, tight, Sunday feeling which is so blighting in England. (The Letters of D. H. Lawrence, Vol. 1, S. 548)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik