Brief an eine Muse

Der 61-jährige Henrik Ibsen lernte die 18-jährige Wienerin Emilie Bardach (1871-1955) in Gossensaß kennen, wo er 1889 die Sommermonate verbrachte. Die junge Frau wurde zur „Maisonne seines Septemberlebens“, mit der er eine Zeit lang intensiv korrespondierte, die er jedoch nicht wieder traf. Kurz nach Ibsens Tod (23.5.1906) gewährte Emilie Bardach dem dänischen Literaturhistoriker Georg Brandes Einblick in die Briefe, die von einer konfliktreichen Beziehung zeugen. Er publizierte sie noch im selben Jahr.

 

Henrik Ibsen an Emilie Bardach
München, Maximilianstraße 32, den 7. Oktober 1889

Vom ganzen Herzen danke ich Ihnen, hochgeschätztes Fräulein, für den so überaus liebenswürdigen und lieben Brief, den ich am vorletzten Tage meines Aufenthaltes in Gossensaß empfangen und wieder und wieder gelesen habe. Dort, in der Sommerfrische, sah es während der letzten Woche recht traurig aus – oder es kam mir jedenfalls so vor. Keine Sonne mehr. Alles fort – verschwunden. Die wenigen zurückgebliebenen Gäste konnten mir selbstverständlich keinen Ersatz bieten – für das schöne kurze Spätsommerleben. [...]

Nun sind wir also wieder hier, – zu Hause – und sie ebenso in Wien. Sie schreiben, dass Sie sich jetzt sicherer, freier, glücklicher fühlen. Wie freue ich mich über diese Worte! Mehr will ich dazu nicht sagen.

Eine neue Dichtung fängt an in mir zu dämmern [Hedda Gabler]. Ich will sie diesen Winter vollführen und versuchen, die heitere Sommerstimmung auf dieselbe zu übertragen. Aber in Schwermut wird sie enden. Das fühle ich. – Es ist so meine Art. Ich habe Ihnen einmal gesagt, ich korrespondiere nur im Telegrammstil. Nehmen Sie also diesen Brief so, wie er eben ist. Sie werden ihn jedenfalls verstehen.

(Henrik Ibsen: Briefe. Reclam, Stuttgart 1967, S. 155)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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