Georg Jacob Wolf

Auch der Kunsthistoriker, Schriftsteller und Journalist Georg Jacob Wolf (1882-1936) war von der Erscheinung Ibsens beeindruckt. Darüber hinaus weist er darauf hin, wie förderlich es für die Aufführung der Werke Ibsens am Münchner Hoftheater war, dass der Dichter München als Wohnort gewählt hatte. Georg Jacob Wolf war Mitarbeiter des Bruckmann Verlags, des Verlags Velhagen & Klasing und der Leipziger Illustrierten. Er gab die Zeitschrift Das Bayerland heraus und publizierte 1919 das Buch Ein Jahrhundert München.

Der nordische Löwe Henrik Ibsen, ein Ruheloser, der es nur vorübergehend und abschnittweise in seiner norwegischen Heimat, Christiania, aushielt, lebte Jahre hindurch in München, wie er auch in Dresden, Rom, Paris sich wohler fühlte als daheim; er gefiel sich in München gut, und es gelangen ihm hier Werke von hoher Bedeutung.

In der Maximilianstraße, an der Ecke der Kanalstraße, bezog Ibsen Wohnung; eine von der Stadt angebrachte Gedenktafel erinnert an diese Tatsache, Ibsens auf Pünktlichkeit und Adrettheit gestellte Gewohnheiten führten ihn täglich zur gleichen Stunde die Maximilianstraße hinunter in das Café Maximilian, gegenüber dem Hoftheater, wo er an einem stets für ihn bereitgehaltenen Tischchen nahe dem Fenster Platz nahm und mit gründlicher Umständlichkeit die Zeitungen, deutsche und ausländische, durchstudierte; man erzählt, dass er besonders lange bei den Gerichtssaalberichten verweilte, denn hier suchte und fand er, der große Naturalist, der mit vollen Händen ins Leben hineingriff, Stoff für Haupt- und Nebenmotive seiner dramatischen Dichtungen.

Ibsens Erscheinung war damals, in den achtziger Jahren, stadtbekannt. Der kleine, untersetzte Herr, der immer so peinlich sauber und korrekt angezogen war, stets seinen fest zugeknöpften Gehrock und einen spiegelblanken Zylinderhut trug, fiel durch sein mächtiges Haupt auf, durch das löwenmähnige Haar und die funkelnden, scharfen Augen hinter blitzenden Brillengläsern. [...]

Ibsen Aufenthalt in München hängt nicht unmittelbar mit der Aufführung seiner damals schon ins Deutsche übersetzten Werke zusammen, trotzdem besteht eine gewisse Verbindung, denn ohne Ibsens Ansässigmachung in München wäre wohl kaum die Aufführung seiner Werke durch das Hofschauspiel erfolgt. Man darf nicht vergessen, dass um 1880 eine Aufführung an einem Hoftheater etwas anderes bedeutete, als wenn im Jahre 1928 an einem Staatstheater ein Werk aufgeführt wird. Neben höfischen Bedenken war damals auch noch eine stärkere Hemmung aus ethischen und sozialen Rücksichten üblich als heutzutage [...] Karl Frhr. von Perfall, der damalige Generalintendant des Hof- und Nationaltheaters, ein Mann von konservativer Gesinnung und konservativem Geschmack, öffnete Ibsen die Tore seines Hauses. Es ist eine kühne wagemutige Tat gewesen, und sie steht heute als ein Ruhmesblatt in der Geschichte unseres Theaters, dass am Münchner Hofschauspiel einige von Ibsens Hauptwerken ihre deutsche Uraufführung erlebten. Unvergesslich ist, nach glaubwürdigen Zeugnissen aller, die sie miterlebten, die Nora-Aufführung vom März 1880 geblieben, nicht allein durch die Problemstellung durch Ibsens Eintreten für Frauenrechte, durch die überraschende Art der Dialogführung und die unerbittliche Logik der Entwicklung der Handlung, sondern auch durch die ausgezeichnete Darstellung, besonders infolge der Verkörperung der Titelrolle durch Maria Conrad-Ramlo.

(Georg Jacob Wolf: Ibsen und München. In: Münchener Zeitung, 21. März 1928)

 

Georg Jacob Wolf (1882-1936) war ein deutscher Kunsthistoriker, Schriftsteller und Journalist. Er war Mitarbeiter des Bruckmann Verlags, des Verlags Velhagen & Klasing und der Leipziger Illustrierten. Er gab die Zeitschrift Das Bayerland heraus und publizierte 1919 das Buch Ein Jahrhundert München.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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