Ein fremder Mann – eine neue Welt

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Henrik Ibsen, Druck nach einer Radierung 1883, aus: Nord und Süd, November 1883. (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Henrik Ibsen fand die Protagonisten seiner Stücke im Alltag. Er war ein genauer Beobachter und versuchte erst gar nicht, seine Neugier auf menschliche Schicksale zu verbergen. Doch selbst in seinem Stammcafé Maximilian war man überrascht, als der Dichter in einem fremden Mann seine neue Welt und seinen neuen Menschen zu entdecken glaubte.

Das weiße Haupt glänzt unter dem großen breiten Hut, die scharfen Augen funkeln durch die Brille, der dünn gepresste Mund zittert unaufhörlich wie von stummen Gedanken – so wandelt Ibsen langsamen Schrittes durch die Straßen Münchens, oft ehrfurchtsvoll gegrüßt, aber immer nur oberflächlich, wenn überhaupt, dankend infolge nie versiegender Gedankenarbeit. Da trifft sein Auge ein auffallendes Gesicht, sein Blick wird scharf und lebhaft, er winkt hinüber und humpelt eilig an seinem Stock, während der andere, wie gebannt durch das herbeieilende Auge des Unbekannten, das der Gestalt vorauszukommen scheint, dasteht und wartet.

Ibsen kommt keuchend an. „Wer sind Sie, Sie!“ und fasst ihn am Rock. Der andere ist verdutzt. „Wer sind Sie?“ klingt es ungeduldiger. „Kommen Sie mit, kommen Sie!“ Und er schleppt den Verdutzten am Ärmel, schleppt ihn bis in das Café, wo er Tag für Tag seinen Kaffee trinkt und sich durch die Zeitungen der Welt durcharbeitet. Unaufhörlich redet er unterwegs; es sprudelt aus ihm; der Mund, der bisher unter stummen Gedanken gezittert hatte, zittert nun unter überreichen  Worten. Es ist unmöglich, sich vernehmbar zu machen.

„So, da sind wir.“

Schon ist die Kathi da, die allein das Vorrecht hat, ihn zu bedienen. „Aber lieber Herr Ibsen, wen haben S´ denn da wieder mitg´schleppt? Der arme Mensch schaut ja aus, als hätten S´ ihn direkt an den Haaren herg´zogen. Er g´traut sich ja gar kein Sterbenswörtchen zu reden!“

Aber Ibsen hat keine Antwort drauf. „Setzen S´ sich, setzen S´ sich!“ sorgt er um den Herangeschleppten. Und dann vertraulich neben ihm: „Wissen S´ (er liebte es, Münchnerisch zu sprechen, wenn´s ihm recht behaglich war) wissen, S´ was Sie sollen? Anschau´n lassen Sollen S´ sich. Aus Ihrem Ang´sicht nämlich, ja, ´s ist schon komisch, aber aus Ihrem Ang´sicht da schaut mir so ´ne neue Welt heraus, wissen S´, so ´ne Welt, wie sie einst sein wird. ´n liebes Ang´sicht haben S´...“

„Der Herr Ibsen wird noch ganz närrisch werden“, wirft die Kathi mit einem Seufzer ein, „und zweimal Kaffee haben S´ schon vergessen zu bezahlen“, schmollt sie mit ihm.

Der Herr Ibsen aber sitzt und sitzt mit dem fremden Mann, den man unterdessen flüsternd darüber aufgeklärt hat, welche Ehre ihm widerfahre, trinkt unzählige Kaffees aus, kehrt sich um die ganze aufhorchende Gesellschaft nicht und malt mit leuchtenden Augen ein ganzes Weltbild aus, das er, wie man aus seinem Blick entnehmen zu müssen glaubt, schon halb und halb um sich entstehen sieht.

(Dr. Erich Klein: Wenn Ibsen ausgeht. Eine Münchner Erinnerung. In: Münchner Neueste Nachrichten, 16. August 1924)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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