Isadora Duncan über München II

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Künstlerhaus am Lenbachplatz, 1900 (Monacensia München)

Das Lebenszentrum Münchens war damals das Künstlerhaus. Dort traf sich täglich ein Kreis von Künstlern um die Meister Kaulbach, Lenbach und Stuck; dort wurde gutes Münchner Bier getrunken (was auch ich bald schätzen lernte) und über Kunst und Philosophie debattiert. Alexander Groß wollte mein erstes Auftreten im Künstlerhaus arrangieren. Lenbach und Kaulbach waren dafür, Stuck hingegen meinte, dass ein Kunsttempel wie das Münchner Künstlerhaus nicht durch Tanzproduktionen entweiht werden dürfe. Eines Tages suchte ich Stuck in seinem Hause auf, um ihn davon zu überzeugen, dass meine Kunst nicht würdelos sei. In seinem Atelier angelangt, entkleidete ich mich, zog meine Tunika an, führte meine Tänze vor ihm auf und sprach dann ohne Unterbrechung vier Stunden lang über die Heiligkeit meiner Mission und über die Entwicklungsfähigkeit des Tanzes als Kunstgattung ... Er gab natürlich seine Einwilligung zu meinem Auftreten, und mein Debüt im Münchner Künstlerhaus bildete das bedeutendste künstlerische Ereignis und die größte Sensation Münchens seit vielen Jahren.

Isadora Duncan, Mein Leben – meine Zeit, 1903 (Zit. aus: Isadora Duncan: Mein Leben – meine Zeit. Wien 1981, S. 85f.)

 

Isadora Duncan (1878-1927), amerikanische Tänzerin; Aufenthalt in München: 1904 und 1907


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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