Isadora Duncan über München

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Beim Antiquitätenhändler, um 1900 (Verlag und Bildarchiv Sebastian Winkler)

Von Abbazia gelangten Elizabeth und ich endlich nach München, das damals einen wahren Bienenstock künstlerischer und intellektueller Betätigung darstellte: die Straßen mit Studenten überfüllt, jedes Mädchen mit einer Mappe oder einer Notenrolle unter dem Arm, alle Auslagefenster wahre Schatzkammern seltener Bücher, alter Bilder und fesselnder Neuerscheinungen. Diese künstlerische Atmosphäre im Verein mit den herrlichen Samm­lungen der Glyptothek und Pinakothek, der herben Gebirgsluft, die von den sonnigen Bergen wehte; die Atelierbesuche beim silberhaarigen Meister Lenbach, der Umgang mit den Kapazitäten der philosophischen Schule – dies alles verlieh mir die Kraft, mich wieder meiner unterbrochenen intellektuellen Lebensbetätigung zu widmen. Ich begann Deutsch zu lernen, Schopenhauer und Kant im Original zu lesen, und bald konnte ich mit wahrer Freude den längsten Vorlesungen von Künstlern, Philosophen und Musikern folgen, mit denen wir dann allabendlich im Künstlerhaus zusammentrafen.

Isadora Duncan, Mein Leben – meine Zeit, 1903 (Zit. aus: Isadora Duncan: Mein Leben – meine Zeit. Wien 1981, S. 85)

 

Isadora Duncan (1878-1927), amerikanische Tänzerin; Aufenthalt in München: 1904 und 1907


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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