Felix Mendelssohn Bartholdy über München

Für die Musik ist hier ungemein viel Empfänglichkeit, und sie wird vielfältig ausgeübt, doch will mir vorkommen, als mache fast alles Eindruck und als wirkten die Eindrücke nicht lange nach. Ganz merkwürdig ist der Unterschied zwischen einer Münchner und einer Berliner musikalischen Gesellschaft; ist in Berlin ein Musikstück geendigt, so sitzt die ganze Versammlung in tiefer Stille da wie die Richter eines Tribunals, jeder nach seinem Urteile suchend, keiner ein Zeichen der Teilnahme oder seiner Meinung gebend. Hier hingegen gibt es nichts Lustigeres, als in Gesellschaft zu spielen; die Leute emp­fangen augenblicklich Eindrücke und müssen sie auch sogleich wieder aussprechen; sie fangen wohl gar mitten in einem Stück zu klatschen oder Beifall zu rufen, und es ist nichts Seltenes, wenn man nach dem Spielen wieder aufsieht, dass man keinen mehr auf dem Platz findet, den er Anfang eingenommen, weil sie zuweilen mittendrin die Finger sehen wollen und sich ums Klavier stellen der irgendeine Bemerkung einem ändern mitteilen und sich deshalb neben ihn setzen usw. Nur glaube ich, dass ein paar Tagen viel von der Lebhaftigkeit des Eindrucks verwischt ist.

Felix Mendelssohn Bartholdy an Goethe, Brief vom 16. Juni 1830 (Zit. aus: Felix Mendelssohn Bartholdy an Johann Wolfgang von Goethe am 16. Juni 1830. In: Wilhelm Zentner (Hg.): Gastfreundliches München. Das Antlitz einer Stadt im Spiegel ihrer Gäste. München 1947, S. 63f.)

 

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), deutscher Komponist; Aufenthalt in München: 1831


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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