Orlando di Lasso über München

Schon am frühen Morgen sind wir aufgebrochen, ohne zu essen oder zu trinken. Der Regen hat uns Gesellschaft geleistet bis zum schönen München. Heute Abend werden wir es uns weiß Gott in meinem Garten Wohlsein lassen, wir wollen reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist, und auf meinen Herrn Wilhelm trinken. Was weiter werden wird: E.F.G. werden von Eurem Herrn Almosenier hundertprozentig die Kosten zurückerstattet bekommen – aus dem Munde des Weisen fließt Honig. Ich würde gewiss ausführlicher schreiben, aber es ist jetzt sozusagen Zeit zur Vesper zu Ehren des Hosenlatzes und ich kann nicht umhin, den Niederlanden meiner Frau einen kleinen Besuch abzustatten. Denn allzu lange habe ich nicht mehr gevögelt – und das ist natürlich, nicht schön zwar, aber vergnüglich und würzig wie Johannisbeeren. Ich will sie gleich besteigen. Gehabt Euch wohl, Herr! Aus München, Samstag, drei Uhr nach dem Essen: im Monat Juli 1572

Untertäniger geringster Diener
Orlando Lasso

Orlando di Lasso an Herzog Wilhelm in Landshut, 1572 (Zit. n.: Horst Leuchtmann: Orlando di Lasso. Briefe. Wiesbaden 1977, S. 37)

 

Orlando di Lasso (1532-1594), belgischer Komponist; Aufenthalt in München: ab 1557


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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