Igor Emmanuilowitsch Grabar über München

Das Leben der Münchener Studentenschaft verlief fast ausschließlich in Cafés. Es gab Universitätscafés, Cafés des Polytechnikums, Künstlercafés usw. Das Bier, der Kaffee, das Billardspiel, das Lesen einer Zeitung, Witze, allerlei Streiche, der Hirt mit den Kellnerinnen, das Sitzen mit ihren „Schätzen“ bis spät in die Nacht – das war der Inhalt dieses Lebens. Jeder Student muss unbe­dingt einen „Schatz“ haben ... entweder eine Kellnerin oder eine Modistin oder eine kleine Büroangestellte. Die Sitten waren in München sehr patriarchalisch und primi­tiv; weder die „Schätze“ noch ihre Mütter – die selbst einmal „Schätze“ waren – erschwerten das ohnehin schon schwere Leben des Kleinbürgertums mit den Problemen der Geschlechtsmoral, sie betrachteten die Sache einfach und geschickt. Die Zahlungen von Alimenten regelten die Sache ausgezeichnet.

Igor Grabar, Erinnerungen, um 1895 (Zit. aus: Igor Grabar. In: Ekaterina Grabar: Russische Künstler im München der Jahrhundertwende. In: Russische Spuren in Bayern. Portraits, Geschichten und Erinnerungen. Hg. v. MIR e.V. Zentrum für russische Kultur in München. München 1997, S. 67)

 

Igor Emmanuilowitsch Grabar (1871-1960), russischer Maler und Kunsthistoriker; Aufenthalt in München: um 1900


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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