Max Frisch über München

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch wandert an Ostern 1946 auf geflickten Straßen durch das zerstörte München:

Kamine sind stehen geblieben, eine Badwanne ganz in der Höhe, eine Wand mit verblassten Tapeten, dazu die schwarzen Ornamente von Brand, die Zungen von Ruß, die Fenster voll Ferne und ziehendem Gewölk, voll Frühling. Oft blickt man von einer Straße in die andere hinü­ber, wenn auch durch ein Netz von rotem Rost; Reste einer niederhängenden Decke. Es ist eine Durchsicht, der kaum ein Haus widersteht; nur wenn man eine Straße hinunterschaut, gibt es nochmals den Anschein, wie es war, und man meint, nun habe man eine erhaltene Straße gefunden. Aber auch hier, wenn ich weitergehe, klafft es wieder nach beiden Seiten, und fast überall bleibt es das gleiche Bild, eine Stadt, aber geräumig und schütter wie ein Herbstwald.

Max Frisch, Tagebuch, April 1946 (Zit. aus: Max Frisch: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1950, S. 30f.)

 

Max Frisch (1911-1991), Schweizer Architekt und Schriftsteller; Aufenthalt in München: 1946

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek