Münchner Kaffeehaustradition

Die Kaffeehaustradition in München ist eng mit dem Namen Tambosi verbunden. Das Café am Odeonsplatz ist das Münchner Kaffeehaus mit einer der ältesten und reichsten Geschichte. Gegründet hat es der kurfürstliche Lotterieeinnehmer Giovanni Pietro Sarti, genannt Pantalon, aus Venedig. 1774 erhielt er die Genehmigung, unter den Arkaden des Hofgartens „coffee“, „chocolats“, „lemonats“ und andere „refraichissements“ zu verkaufen. Bereits vier Jahre später wurde es ihm gestattet, an der Hofgartenmauer vor der Reitschule ein kleines Kaffeehaus zu erbauen. Seine Idee war schon deshalb von Erfolg gekrönt, weil seit 1780 der Hofgarten für die Öffentlich­keit zugänglich war. Sarti führte neben den üblichen Getränken wel­sches kandiertes Backwerk, viele unmittelbar aus Italien importier­te Spezialitäten und Obst. Der findige Venezianer hatte die Konzes­sion für beides: Er war „Kaffeeschenk“ und „Traiteur“, was bedeute­te, dass in seinem Etablissement Kaffee getrunken und warme Spei­sen gegessen werden durften.

Das war bis 1804 die Ausnahme. Dann wurde per Dekret die strikte Trennung zwischen Speiselokal und Kaffeeschenke aufgehoben. Sarti gehörte wie sein späterer Nachfolger Tambosi zu der beson­ders seit Kurfürstin Henriette Adelheid von Savoyen sehr zahlrei­chen italienischen Kolonie in München. Nach seinem Tod 1796 wechselte das Kaffeehaus mehrmals den Besitzer, bevor Luigi Tam­bosi im Oktober 1810 das zierliche Kaffeehaus im Schatten der mächtigen Reitschule pachtete. Zu diesem Zeitpunkt sprach er kein Wort Deutsch und befand sich erst zwei Monate in der Stadt. 1825 wurden Hofgarten-Kaffeehaus und Reitschule gemeinsam abgeris­sen und machten Platz für das mehrstöckige klassizistische Gebäude in der heutigen Gestalt. Mit dem Neubau war ein Kaffeehaus neuen Stils entstanden: nobel in der Ausstattung und hochwertig im Angebot. Rasch entwickelte es sich zum vornehmsten Café und war bei Adel und noblen Bürgern gleichermaßen beliebt. Das bezeugt ein Zeitgenosse 1840: „Wer die Eleganz der französischen und Wiener Lokale in München suchen wollte, irrt sich. Nur eins macht den Anspruch, in diesem Sinne fashionable zu sein: Tambosi unter den Arkaden am Eingang des Hofgartens. Dies ist ein von künstle­rischer Hand geschmücktes Café mit allen begehrten Vorzügen. Tambosi ist das Gesellschaftshaus der jungen Leute. Dort kannst du die ausgezeichnetsten Schauspieler und Musiker, die vorzüglichs­ten Maler, Literaten, Studenten, vornehme Offiziere, interessante Fremde, die besten Karten- und Billardspieler kennenlernen.“

Löwenbräukeller, Festsaal, Nymphenburger Straße 2, 1897 (Monacensia München).

Giovanni Pietro Sarti und Luigi Tambosi waren aber ganz und gar nicht die ersten Kaffeesieder in München. Siebzig Jahre vor Sarti hatte bereits der französische Schauspieler Brieder das bis dahin in München gänzlich unbekannte dunkle Gebräu angeboten. Etwa von 1704 stammt auch die älteste Abbildung eines Münchner Kaffeehauses. Es lag in der ehemaligen Schwabinger Gasse, heute Residenzstraße, und war von 1699 bis 1730 im Besitz des Hofzucker­bäckers Claudi Surat – wohl auch ein Franzose und nachweislich ab 1708 ein Kaffeeschenk.

Brieder und Surat hatten die Geschäftsidee aus ihrer Heimat importiert, wo es zumindest in Paris seit 1643 Kaffeestuben gab. Der Zeitpunkt für München war günstig gewählt, denn wahrend der öster­reichischen Okkupation von 1705 bis 1714 wollten die in München Dienst tuenden österreichischen Beamten und Militärs keineswegs auf Kaffee verzichten. Sie kannten ihn aus Wien, wo unmittelbar nach der Befreiung von der türkischen Belagerung die ersten Cafés entstanden waren. Es dauerte aber gut hundert Jahre, bis die Kaffeehaus-Kultur in München salonfähig war, denn es gab auch viel Widerstand: Da waren zum einen die Besitzer der renommierten Bier- und Wein-Gaststätten, die Umsatzeinbußen befürchteten. Da waren zum anderen Moralapostel, die Kaffee und Tabak als gesund­heitsschädlich verdammten. Auch waren die Kaffeesieder des 18. Jahrhunderts ein bunt gemischtes, nicht sehr vertrauenerwecken­des Völkchen von ausländischen Schauspielern, Tändlern, Lakaien, Kammerdienern, Hoftrabanten, Mundköchen und Hofschreibern, die sich mit der Kaffeesiederei ein Zubrot verdienen wollten. Hatte München 1726 erst sieben Kaffeehäuser, waren es trotz alledem 1804 bereits 31, und dreißig Jahre später 41 Kaffeeschenken. Die Güte des Kaffees reichte von „vorzüglich“ bis zur „bloßen Gelbenrübenbrühe“.

Café-Restaurant Viktoria, um 1900 (Stadtarchiv München).

Es gab Kaffeehäuser jeglicher Couleur: Einige wurden von allen Schichten der Bevölkerung besucht, von den Bettlern und Hand­werksburschen bis zum Adel, andere nur von Damen, wieder ande­re vor allem von Marktfrauen und Köchinnen. Es gab ausgesproche­ne Zeitungscafés wie das Café Probst in der Neuhauser Straße, von Weinwirt Franz Paul Probst 1856 als vornehmes Kaffeehaus eingerichtet. Viele Skandinavier, darunter auch der norwegische Schrift­steller Henrik Ibsen, waren dort wegen der ausliegenden skandina­vischen Zeitungen Stammgast. Ibsen verkehrte aber auch im Café Maximilian, damals Treffpunkt der literarischen Welt der Stadt. Wenn er mit langem Gehrock und spiegelndem Zylinder das Café betrat, standen schon eine halbe Bier und ein Glas Kognak auf dem Marmortischchen, das für ihn immer reserviert war. Das 1888 neu eröffnete Café Luitpold lief dem benachbarten Café Tambosi den Rang ab. Neben Angehörigen des Herrscherhauses und des Adels besuchten auch berühmte Literaten wie Stefan George, Frank Wedekind, Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer das damals vornehmste Café Münchens, das mit allerhöchster Genehmigung den Namen des Prinzregenten führen durfte. Durch einen Säulengang kam man in eine prunkvolle zweischiffige Halle mit Deckengemälden und Wandfriesen. Die Rokokosäle und der Schlachtensaal waren mit Plastiken, Brunnen, Spiegeln und Gemäl­den verschwenderisch ausgestattet.

Neueröffnungen an der Peripherie Schwabings wie 1896 das „Café Stephanie“ oder 1900 das „Café Noris“ entwickelten sich rasch zu Treffpunkten von Studenten, Künstlern, Schauspielern und Literaten. Diese Cafés waren Wärmestube, Obdach, Debattierclub, Nachrichtenumschlagplatz und Wohnzimmer in einem. Im „Simplicissimus“, das Kathi Kobus im Mai 1903 in der Türkenstraße eröff­nete, boten Stammgäste wie Erich Mühsam und Joachim Ringelnatz zudem für ein bescheidenes Abendessen und einen Schoppen Wein ein vorzügliches Abendprogramm. Im nahe gelegenen „Schelling-Salon“, der 1872 im Stil eines Wiener Café-Restaurants eingerichtet wurde, stieß nach dem Ersten Weltkrieg die Welt der Möchtegern-Künstler und verkrachten Existenzen mit der Welt der Handwerker, Büroangestellten, Schieber und Ladenbesitzer zusam­men. In der Schellingstraße, wo seit 1925 das Parteihauptquartier der NSDAP lag, ließ sich der Aufstieg der Nationalsozialisten be­sonders gut studieren. Ödön von Horváth, der als Abkömmling einer österreichisch-ungarischen Diplomatenfamilie mit der Kaffeehaustradition schon von Kindesbeinen an vertraut war, genoss es, bei Kaffee und Zeitungslektüre stundenlang die Leute zu beobachten. Daraus entstand große Literatur – wie so oft im Kaffee­haus.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2008): „… und dazwischen ein schöner Rausch“. Dichter und Künstler aus aller Welt in München. Mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 159-163.



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