Konstantin Wecker – die Poesie ist anarchisch

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Foto: Gunna Wendt

Konstantin Wecker widmet in seinem letzten Buch Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand ein Kapitel dem „Hohelied der Anarchie“:

Vor vielen Jahren hab ich ein eher lustiges Liedlein über meine große Liebe geschrieben: die ANNArchie. Ihr bin ich immer noch treu. Anarchie – es gibt kaum einen politischen Begriff, der mehr missverstanden wird. Schon in jungen Jahren habe ich mich dagegen gewehrt, dass Anarchie mit Terror und Gewalt gleichgesetzt wird. Das ist nicht ihr Wesen. Anarchie ist vielmehr der Versuch, ein herrschaftsfreies Leben selbstbestimmt anzustreben. Und dazu gehört sehr viel Formwille, denn das Zusammenleben ohne Machtstrukturen will ja gestaltet werden. Was noch unbedingt dazugehört, ist Liebe – etwas, das man der Anarchie gerne abspricht, weil sie ja als Weltanschauung der Chaoten und Bombenbastler gilt.

(Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand, München 2019)

Am Anfang des Buches erklärt er: „Und wenn ich über Widerstand schreibe, dann weil ich die Kunst des Widerstehens im Laufe meines Lebens, ob aus freiem Willen oder unfreiwillig, lernen durfte.“ Widerstand ist für ihn „eine unerlässliche, immer wieder neu aufzufrischende Lebenshaltung, um sich nicht einfach allem zu beugen, was einem als selbstverständlich aufgetischt wird“. Um das „Recht auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft“ durchzusetzen ist der Kampf gegen eine Weltanschauung notwendig, „die als ewig gefestigt, in Stein gemeißelt und unverrückbar erklärt wird.“

Wann hast du begonnen, dich mit Anarchismus zu beschäftigen?

Als Dreizehn-Vierzehnjähriger. Ich hab sehr viel gelesen für mein Alter und da gab es halt die Bibliothek der Eltern. Politisch habe ich mir als Jugendlicher wenig Gedanken gemacht. Ich bin zwar als Vierzehnjähriger mit einem Bakunin-Band ins Wilhelms-Gymnasium gegangen, aber einfach nur um zu provozieren. Ich bin 1947 geboren, das bedeutet: in der Volksschule waren alle Lehrer Nazis – es ging gar nicht anders. Die autoritäre Struktur war geblieben. Ich hatte das Glück, einen antiautoritären Vater zu haben. Der Widerspruch zwischen dem freigeistigen humanistischen Zuhause und dem Schulsystem war für mich wahnsinnig schwer zu ertragen. 1968 konnte ich ja eigentlich eher mit meinen Eltern demonstrieren als gegen meine Eltern. Die meisten meiner Schulkameraden haben natürlich vor allem gegen das eigene Elternhaus protestiert.

Wann ist dir bewusst geworden, dass du ein Anarchist bist?

Als Siebzehnjähriger habe ich Henry Miller verschlungen, aber nicht wegen seiner Sexgeschichten, sondern weil ich ihn für einen großartigen Freigeist hielt und bis heute halte. Er hat einmal gesagt: „Der wahre Künstler muss Anarchist sein.“ Und das wurde mein Lebensmotto. Immer wieder musste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich im Grunde meines Herzens ein Anarchist bin.

Wie hast du die Achtundsechziger Bewegung erlebt?

Die Kommunebewegung in den Vorachtundsechzigern und Achtundsechzigern war ja sehr anarchisch, aber in den Siebzigern begannen die ideologischen Verstrickungen. Meines Erachtens war das der ganz große Fehler der Achtundsechziger-Bewegung – neulich habe ich darüber mit einigen Leuten von Fridays for Future gesprochen. Ich hab gesagt, ich finde es sehr gut, dass ihr nicht diesen Fehler macht, den wir gemacht haben. Der Fehler unserer Bewegung war, uns ideologisch zu verrennen – und jeder war sicher, dass nur diese eine Partei die Welt rettet. Dazu kommt noch etwas, was mir in den letzten Jahren vehement bewusst geworden ist: Die achtundsechziger Zeit war eine Machozeit. Vielleicht sollte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Anarchismus vor allem die Abrechnung mit dem Patriarchat beinhalten.

Das ist sicher notwendig. Ich habe es auch so erlebt und daher schon früh eine gewisse Distanz eingenommen.

Dazu fällt mir noch ein: Ich bin ja mit Gedichten groß geworden, aber eigentlich nur mit Gedichten von Männern. Darüber habe ich mir damals gar keine Gedanken gemacht. Doch irgendwann stieß ich auf Mascha Kaléko. sie hat mir über ihre Gedichte etwas über Frausein vermittelt. Sie hat nicht bekennend feministisch geschrieben, aber sie hat als Frau geschrieben. Bis dahin kannte ich nur die männliche Poesie, wobei man dazu sagen muss – so ein großer Rilke-Fan wie ich – Rilke könnte auch eine Frau sein. Da merkt man auch, dass die große Poesie genderunabhängig ist.

Gab es ideologische Auseinandersetzungen?

O ja, damals hatte ich oft Ärger auf der Bühne, denn es kamen immer Leute auf die Bühne gestürmt und wollten reden. Ich hab sie reden lassen. Meistens hat das Publikum nach wenigen Minuten gesagt: Wir wollen wieder Musik hören. Ich bin damals sehr angegriffen worden, weil ich eben keiner ideologischen Gruppe angehörte und auch bei keiner dabei sein wollte. Da hab ich mich als Anarcho bezeichnet. Ich sag ja lieber Anarcho als Anarchist, weil – ist ist schon ein -ismus. Da wurde ich mehr von den Linken angegriffen als von den Rechten oder eben damals den Bürgerlichen.

In den Achtundsechzigern Zeit habe ich mich intensiv mit der Literatur beschäftigt, nicht mehr nur Bakunin herumgetragen, sondern auch gelesen. Über die Lyrik, über die Poesie kam ich zu Mühsam. Was mich damals schon fasziniert hat an den Aussagen von ihm, Gustav Landauer und den damaligen Anarchisten, war, dass sie sich vehement gegen die Ideologien, auch die linken Ideologien, gewehrt haben.

Gibt es für dich Parallelen zwischen der Schwabinger Bohème am Anfang des zwanzisten Jahrhunderts und den Achtundsechzigern?

Eigentlich war der Beginn der Liedermacherzeit in den sechziger Jahren eine Wiederaufnahme der Kleinkunst, wie sie in München Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Simplicissimus stattgefunden hat. Dort haben die Dichter ihre Texte und Lieder ja auch selbst vorgetragen. In München gab es das Song Parnass, wo man für drei Lieder auf die Bühne konnte und als Gage ein Bier dafür gekriegt hat. Damals hab ich angefangen – noch mit der Gitarre, bis ich – das werde ich ihm ewig danken – Georg Kreisler gehört hab. Da hab ich mich gefragt: Warum spiel ich Gitarre? Ich bin Pianist.

Ich bin ja oft mit Hannes Wader unterwegs, und uns wurde und wird von Journalisten immer wieder die gleiche Frage gestellt: Jetzt seid ihr seit vierzig Jahren auf der Bühne und singt gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Schaut euch doch mal die Welt an, ihr habt ja nichts bewirkt. Und dann antwortet der Hannes sehr souverän: Die Frage ist unfair gestellt. Man müsste sie anders stellen: Wie sähe die Welt aus, wenn es diese Mosaiksteinchen nicht gäbe? Mir geht seit Monaten der Gedanke im Kopf herum: Wie sähe die Welt aus, wenn es Tausende von Jahren keine Kultur gegeben hätte? Wie sähe die Welt aus ohne Homer, ohne die griechischen Philosophen? Ohne wen auch immer? Wie sähe die Welt aus?

Verfasser: Gunna Wendt (Interview)