Elias Canetti in Nonn

Der in Bulgarien geborene deutsch-jüdische Schriftsteller Elias Canetti hält sich als Kind in Begleitung seiner Mutter um 1916 in Bad Reichenhall auf. Während einer Kur dort hat sich die Mutter in den behandelnden Arzt verliebt und daraufhin ihren Ehemann verlassen wollen. Erneut sucht sie Erholung von einer schweren Krankheit. In seiner Autobiografie Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend hält Canetti die Erinnerungen an diese Zeit fest:

Wir unternahmen auch Ausflüge in die weitere Umgebung, nach Berchtesgaden und an den Königssee. Aber das waren Ausflüge unter dem Einfluss der üblichen Anpreisungen, so intim und persönlich wie Nonn war nichts, das war ihr Ort, und vielleicht machte es mir darum einen so tiefen Eindruck, weil es von allen ihren Vorstellungen und Launen die eingezogenste war, so als hätte sie die ungeheuren Erwartungen, die sie für ihre drei Söhne hatte, plötzlich aufgegeben und sich fünfzig Jahre vor der Zeit auf das Altenteil zurückgezogen. Ich glaube, ihre eigentliche Nachkur bestand in diesen regelmäßigen, kurzen Gängen nach Nonn. Wenn sie auf dem winzigen Kirchhof stand und wieder einmal ihren Wunsch äußerte, spürte ich, dass es ihr besser ging. Sie sah plötzlich gesund aus, sie hatte Farbe, sie atmete tief ein, ihre Nasenflügel bebten und sie sprach, wenn auch in einer ungewohnten Rolle, endlich wieder wie im Burgtheater. (Zit. aus: Elias Canetti: Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend. Frankfurt am Main 1979, S. 148-155. © Carl Hanser Verlag, München 1977)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 159, S. 248f.



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