Belsazar – Vorsprechen am Residenztheater

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Die biblische Szene, die Heinrich Heine zu seinem Gedicht inspiriert hat, auf Rembrandts Gemälde "Das Gastmahl des Belsazar" von 1635.

Natürlich setzte die zwanzigjährige Therese einen Vorsprechtermin bei Albert Steinrück durch. Dieser gehörte dem Ensemble des Münchner Residenztheaters ab 1908 für über ein Jahrzehnt an und zog einen Schlussstrich unter die überholte Hoftheater-Kunst. Er war damals das große Vorbild der theaterbegeisterten Jugend und verkörperte das neue Theater: realistisch, ehrlich und ohne Pathos in der Darstellung.

Den Text, den Therese vorsprach, könnte man als Leitmotiv ihrer Arbeit und ihres Lebens betrachten: Heinrich Heines Ballade Belsazar. Die Geschichte, auf der Heines Ballade basiert, stammt aus dem 5. Kapitel des Buches Daniel im Alten Testament. Dort wird berichtet, dass der in Babylon hoch angesehene jüdische Prophet Daniel an den Königshof gerufen wird, um eine rätselhafte Schrift an der Wand zu deuten: „Mene, mene, tekel, upharsin – gezählet, vollendet, gewogen und zu leicht befunden.“ Sie war auf unerklärliche Weise erschienen, nachdem der Babylonierkönig Belsazar vor Gefährten und Untertanen seine Macht bei einem üppigen Gastmahl demonstriert hatte, bei dem viel Wein getrunken wurde. Nachdem er Gott verhöhnt und sich in Allmachtsphantasien gesteigert hatte, verstummte er plötzlich angesichts der Zeichen an der Wand. 

„Die Mitternacht zog näher schon; / In stummer Ruh' lag Babylon.“ Eine junge pummelige Frau, fast noch ein Mädchen, mit flächigem Gesicht, großen dunklen Augen, vollen Lippen, üppigem roten Haar stellte sich vor Steinrück auf und trug Heinrich Heines unheimliche Ballade vor. Es gelang ihr, die verschiedenen Dimensionen – übermütig, eitel, trunken, geheimnisvoll, verhängnisvoll, eindrucksvoll darzustellen.

Therese variierte in ihrem mitreißenden Vortrag von leise, beinahe geflüstert, über anschwellend dramatisch bis zu stockend resigniert. Die Spannung, die sie aufbaute, übertrug sich sofort auf ihr „Publikum“ und hallte noch eine Weile nach. Als Steinrück nicht sofort reagierte, versuchte Therese, das Schweigen mit den Worten zu beenden, sie wisse, dass sie zu dick sei. Darauf antwortete der tief beeindruckte Theatermacher sofort: „Ja, Sie sind dick. Aber viel weniger dick als begabt.“

Von 1918 bis 1920 nahm Therese Schauspielunterricht. Um die Ausbildung zu finanzieren, arbeitete sie in einer amtlichen Kohlenkartenstelle. Ihre Lehrerin Toni Wittels-Stury erteilte ihr gleich zu Anfang den Rat, „alles“ zu lernen, nicht nur das, was sie zu spielen beabsichtigte. Also lernte sie die klassischen Mädchenrollen, Rollen, die sie nie spielen würde: sanfte junge Frauen, Liebhaberinnen – Ophelia, Julia, Käthchen, Gretchen... „Die Mutter Wolffen kommt dann schon von ganz allein“, so die Lehrerin. Und sie sollte Recht behalten: Therese würde die Protagonistin aus Gerhart Hauptmanns Drama Der Biberpelz mit großem Erfolg verkörpern, erstmalig 1928.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Gunna Wendt

Literarische Wege
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