Waldemar Bonsels: Mystische Naturpoesie

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2019/klein/Ambach6_500.jpg
Waldemar Bonsels, 1923

Der 1880 in Ahrensburg (Holstein) geborene Waldemar Bonsels kommt 1904 nach München und gründet zusammen mit den Freunden Hans Brandenburg, Bernd Isemann und Carl Strauss den Verlag E.W. Bonsels. Bonsels ist in den 1920er-Jahren ein vielgelesener Autor und erlangt weltweiten Ruhm mit seinem für Erwachsene wie Kinder geschriebenen Werk Die Abenteuer der Biene Maja (1912).

Reiselust und Naturverbundenheit sind zwei hervorstechende Charakteristika des Autors und treten auch in den Themen seiner Bücher zum Vorschein. Fernreisen nach Indien und Brasilien muss er krankheitsbedingt vorzeitig abbrechen, eine dauerhafte Bleibe in der Ferne findet er jedoch in seiner langjährigen Sommerresidenz auf Capri. Der Rückzug in die Ambacher Villa erscheint gegenüber diesen Destinationen als Miniaturversion, rückt jedoch eine andere Leidenschaft in den Vordergrund: Die Fähigkeit des Autors, die Natur mit einer besonderen Beobachtungsgabe einzufangen, macht ihn zu einem authentischen Zivilisationsflüchtling im Zeitalter der Industrialisierung. Seine naive neoromantische Naturpoesie wird von seiner Leserschaft überaus geschätzt, deutsche Topoi wie der zauberhafte Wald machen ihn wiederum für die Nationalsozialisten anschlussfähig. Bonsels sucht diesen Schulterschluss aktiv. Als bekennender Antisemit hetzt er öffentlich gegen den „Einfluss des jüdischen Wesens“ in der Kultur und gibt während des Zweiten Weltkriegs die kriegspropagandistischen Münchner Feldposthefte heraus. Im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens wird er daher von den amerikanischen Besatzern mit einem Schreibverbot belegt.

Die Biene Maja entsteht noch während seiner Zeit in der Villa Isemann in Oberschleißheim. Maja entdeckt auf ihren Ausflügen von der Wabe aus die Schönheit der Natur, inspiziert die Pflanzenwelt und macht Bekanntschaft mit anderen Insekten und Bewohnern der Wiese. Sie hegt den großen Wunsch, auch einmal die Menschen kennenzulernen, nachdem andere Tiere von der Begegnung mit diesen erzählen. In Ambach scheint der Autor schließlich seinen endgültigen locus amoenus gefunden zu haben, an dem er auch seine Mario-Trilogie schreibt. Bonsels zieht es zeitweise vor, dort ohne familiären Anhang  zu leben – er hat vier Kinder von drei Frauen und ist insgesamt drei Mal verheiratet (jedoch nicht mit allen drei Müttern seiner Kinder), zuletzt mit Rose-Marie Bachofen. Seine Urne wird, wie testamentarisch verfügt, im Garten seiner Ambacher Villa beigesetzt.

Als färbe die persönliche Lebenssituation auf seine Beschreibungen ab, bildet ein Leitmotiv mehrerer seiner Werke die Figur des Einzelgängers, der die Einsamkeit der Natur sucht. Maja fühlt sich auf ihrer Wiese aufgehoben, Mario im Wald. Marios Geschichte ist die der Entwicklung eines Jungen in drei Episoden (Mario und die Tiere, 1928; Mario und Gisela, 1928; Marios Heimkehr, 1937). Die Stadien von Kindheit, Jugend und Reife werden unter Eindruck des natürlichen Lebensumfeldes nachgezeichnet – entstanden ist ein Naturepos mit moralisierenden Impetus. Im Gegensatz zur Biene Maja werden hier die Tiere nicht anthropomorphisiert, sondern in ihrem zauberhaften So-Sein – im magischen Wald – porträtiert. Das Waisenkind Mario hat die Wahl zwischen einem Leben im Kinderheim oder der Flucht in den Wald, und entscheidet sich für letzteren, den er aus Spaziergängen mit seinem Vater in schöner Erinnerung hat. Er lernt die Natur und ihre Ordnung zu achten und sich in diese einzufügen. Angeleitet wird er dabei von Mutter Natur. Diese Mutter Natur ist ein Zwitterwesen: die alte Dommelfei, bei der er Unterschlupf findet, eine prophetische, hexenähnliche Personifikation, die ihn darin unterweist, ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Bonsels, Rose-Marie (Hg.) (1988): Menschenbild und Menschenwege im Werk von Waldemar Bonsels. Wiesbaden.

Karrenbrock, Helga (2012): Wald- und Wiesenidyllen? Waldemar Bonsels' Mario und die Tiere. In: Hanuschek, Sven (Hg.): Waldemar Bonsels. Karrierestrategien eines Erfolgsschriftstellers. Wiesbaden.



Kommentar schreiben