Josef Bierbichler: „Verfluchtes Fleisch“ (2001)

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Herbert Achternbusch und Josef Bierbichler, Holzhausen 1977 (Foto: Barbara Gass)

Der 1948 in Ambach geborene Josef Bierbichler, der in der Rolle des liebgewonnenen bayerischen Grantlers reüssieren konnte, entdeckt früh seine Liebe zum Theater: Bereits in Kinderjahren besucht er die Theaterschule im Nachbarort Holzhausen. Der unabweisbaren Neigung und dem Talent zum Trotz absolviert er eine Hotelfachschule, bis er jedoch bei einem Auftritt in einem Bauerntheater von Pamela Wedekind und Rudolf Noelte entdeckt und ans Residenztheater gelotst wird.

In seinem literarischen Debüt Verfluchtes Fleisch (2001) verquirlt er Jugenderinnerungen, Anekdoten aus dem Theaterbetrieb und Frauen- und Liebesgeschichten mit Elementen eines diskursiven Tagebuchs, mal phantastisch, mal essayistisch. Der Plot ist äußerst eigenartig: Bierbichlers Alter Ego Kaspar weilt in einem Obstgarten und tritt eine erstaunliche Metamorphose an: Im Zuge einer Aphasie und der Explosion seines Gehirns verwandelt er sich – mit zur Hilfenahme einiger Flaschen Obstbrände – in einen Fleischbaum, mit welchem sich der Ich-Erzähler zu einem neuen Wesen vereinigt. Und der Schauplatz dieses Gemenges ist der Fischmeister und das Ambacher Terrain rund um den Seewirt herum, der ihm Anlass dazu gibt, über die Gefilde seiner Heimat zu räsonnieren. So streut er unter anderem Gedanken über die Herbststimmung des Sees in die Erzählung ein:

Der Herbst hat heute einen guten Geruch. Auch fehlt ihm noch die Traurigkeit. Der See liegt wie ein silbernes Tablett. Kein Boot scheint darauf zu verrutschen. Sie stehen wie die Raubfische. Es ist ein langes, aber gespanntes Warten. Und ganz langsam schleicht die Müdigkeit heran. Unruhe keimt in den trägen Sinnen des Vogels. Als das gezähmte Raubtier zum Sprung ansetzt, bricht das Unwetter über den See herein.

(Josef Bierbichler: Verfluchtes Fleisch. München 2004, S. 5.)

Oder sinniert über den alternden Beobachter des jungen Lebens, das sich im Sommer am See tummelt:

In einem Monat wird der neue Steg fertig sein. Dann werde ich den jungen Dingern wieder von meinem Privatsteg aus zusehen müssen, wie sie ihre nackten Körper dem mörderischen Sonnenlicht schenken, mir aber nicht. Ich werde mich wieder selbst bemitleiden müssen, den ganzen Sommer lang, und werde doch nicht wegschauen können, wenn sie auf und ab gehen auf diesem Steg wie auf einem Laufsteg, unnötigerweise, wie ein gefangener Tiger, der nicht aufhört, das Gitter zu beschleichen, auf der Suche nach dem Fluchtweg er, sie aber nur, um mich zu reizen. [...] Und [...] dann wird mir Brechts Lied wieder einfallen, sein Lied, das die verlorene Heimat wieder besingt, aber die Einsicht in den bevorstehenden Tod meint.

(Ebd., S. 170f.)

 

Quelle:

Josef Bierbichler: Verfluchtes Fleisch. München 2004.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Nastasja S. Dresler