Annette Kolb in Ohlstadt

Im Schweizer Exil schreibt die Münchner Schriftstellerin Annette Kolb Zarastro. Tagebuch der Enttäuschungen (1921). Darin porträtiert sie ihre im Alter von 33 Jahren verstorbene Freundin Marguerite von Kühlmann. Deren Ehemann Richard hat bei einem Besuch beim Malerfürsten August von Kaulbach in Ohlstadt den Raunerhof entdeckt und kurz nach Kriegsende gekauft. Annette Kolb, die dort häufig zu Gast ist, entfaltet vor dem Hintergrund dieser ländlichen Gegend ihr Charakterporträt:

Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und merkwürdige Gegend, in der sie sich so heimisch fühlte, weil sie ihr glich. Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergfluss überhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen ansteigen, auf welchen die Kühe bis hin zu den nahen Wäldern weiden; und diese sind wenig begangen, schwer verträumt und düster fast, weil hier sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.

[...]

Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem Mond, der so plötzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich alle Grotten und Beete übergoss, und nur die finstere Bergwand noch finsterer beließ. Und auf erhöhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn zeichnete, mit den Windlaternen über dem Tische wehend!

Hier fühlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermüdlich ein und aus. (Zit. aus: Annette Kolb: Zarastro. Westliche Tage. Berlin 1921, S. 114-119.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 92f., S. 255.



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