Figuren

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Titelblatt der Erstausgabe des Vierten Bändchens der FLEGELJAHRE (c) Bayerische Staatsbibliothek, Res/P.o.germ. 1159 q-3/4

Gustav und „Jean Paul“

Jean Pauls erster Roman DIE UNSICHTBARE LOGE erscheint 1793 (Leseprobe). Gegenstand der »Biographie« (so der Untertitel) ist Gustav von Falkenberg. Statt mit der Geburt des Helden setzt der Roman mit deren Vorgeschichte ein: Der leidenschaftliche Schachspieler von Knör will seine Tochter Ernestine nur demjenigen zur Frau geben, der »ihr außer dem Herzen noch ein Schach abgewänne«. Im Gegenzug verlangt Frau von Knör, dass ihr erstes Enkelkind acht Jahre unter der Erde erzogen werde.

Als Sieger des Schach-Liebes-Turniers geht der Rittmeister von Falkenberg hervor. Als die Hochzeitsnacht bevorsteht, nimmt der Erzähler, ein gewisser »Jean Paul«, die Familie des Bräutigams unter die Lupe: »Da ich durch das Ehepaar [...] mir in neun Monaten den Helden dieses Buches abliefern lasse: so muss ich vorher zeigen, dass ich nicht unbesonnen in den Tag hineinkaufe, sondern meine Ware (d.i. meinen Helden) aus einem recht guten Hause [...] ausnehme.«

Gustav erweist sich schließlich wegen des pietistischen »unterirdischen Pädagogiums« als überaus empfindsamer Mensch. Auch die militärische Ausbildung härtet den Helden nicht ab, vielmehr leidet er arg darunter. Der Erzähler, der zwischenzeitlich als Gustavs Hauslehrer in die Handlung eingetreten ist, hadert derweil mit einem literarischen Konkurrenten, der ebenfalls einen Roman über Gustav schreibt.

Im zweiten Teil des Romans erstarkt die Liebe Gustavs zu Beata, für die jedoch auch sein Herzensfreund Amandus Gefühle hegt. Doch Amandus stirbt, und so treffen Beata und Gustav trauernd an dessen Grab zusammen und küssen sich zum ersten Mal. Wenig später wird Gustav von einer adeligen Dame verführt - während Beata den Annäherungsversuchen des Scheerauer Fürsten widersteht. Gustav gesteht seine Schuld, die beiden trennen sich.

Monate später treffen Gustav und Beata wieder zusammen. Eine mitreißende Predigt über das Verzeihen erweicht Beatas Herz; sie vergibt Gustav. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Mit der Nachricht, dass Gustav als Mitglied einer Räuberbande verhaftet wurde, endet der Roman. Da Jean Paul DIE UNSICHTBARE LOGE nie vollendet hat, bleibt auch der Titel rätselhaft.

[Jean Paul, DIE UNSICHTBARE LOGE]

Dritter Sektor oder Ausschnitt

Jetzo geht erst meine Geschichte an; die Szene ist in Auenthal oder vielmehr auf dem Falkenbergischen Bergschlosse, das einige Ackerlängen davon lag. Das erste Kind der Schachamazone und des sterbenden Fechters und Rittmeisters im Schach war Gustav, welches nicht der erhabene schwedische Held ist, sondern meiner. Sei gegrüßet, kleiner Schöner, auf dem Schauplatze dieses Lumpenpapiers und dieses Lumpenlebens! Ich weiß dein ganzes Leben voraus, darum beweget mich die klagende Stimme deiner ersten Minute so sehr; ich sehe an so manchen Jahren deines Lebens Tränentropfen stehen, darum erbarmet mich dein Auge so sehr, das noch trocken ist, weil dich bloß dein Körper schmerzet - ohne Lächeln kommt der Mensch, ohne Lächeln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh. Ich habe daher mit gutem Vorbedacht, lieber Gustav, den frischen Mai deiner Jugend, von dem ich ein Landschaftstück ins elende Fließpapier hineindrücken soll, bis in den Mai des Wetters aufgehoben, um jetzo, da alle Tage Schöpfungtage der Natur sind, auch meine Tage dazu zu machen, um jetzo, da jeder Atemzug eine Stahlkur ist, jeder Schritt vier Zolle weiter und das Auge weniger vom Augenlid verhangen wird, mit fliegender Hand zu schreiben und mit einer elastischen Brust voll Atem und Blut! –

Viktor und Flamin

Auch in Jean Pauls Roman HESPERUS (1795, Leseprobe) spielt ein Erzähler namens »Jean Paul« eine zentrale Rolle. Er »haust und spricht« auf einer Insel, in unregelmäßigen Abständen schwimmt der Hund »Spitzius Hofmann« zur Insel und bringt die Informationen für das nächste Kapitel; daher die zweite Hälfte des Titels ODER DIE 45 HUNDPOSTTAGE. Protagonist ist Viktor, ein Medizinstudent und der Sohn des britischen Lords Horion. Bevor Viktor auftritt, wird er von der Frau des Kaplans Eymann so zärtlich wie lobend beschrieben: eine literarische Maßnahme zur Spannungssteigerung, wie der Erzähler zugibt.

In Flachsenfingen trifft Viktor auf seinen Jugendfreund Flamin. Flamin, Sohn des Kaplans Eymann, liebt Klotilde. Auch Viktor ist ganz bezaubert von der jungen Frau; wie sie verehrt er den weisen Lehrer Emanuel, der genau wie Johann Paul Friedrich Richters realer Freund Emanuel keinen Nachnamen trägt.

Von seinem Vater erfährt Viktor, dass Flamin und Klotilde Geschwister und Kinder des Fürsten Januar sind, der seine fünf Söhne um sich zu versammeln sucht, da er bald sterben wird. Viktor verspricht, das Geheimnis nicht zu verraten. Währenddessen hetzt der intrigante Hofjunker Matthieu Flamin gegen Viktor auf: Es kommt zum Duell, bei dem jedoch keiner der beiden verletzt wird. Als Flamin auch Klotildes Ziehvater herausfordert und dieser stirbt - nicht durch Flamins, sondern durch Matthieus Hand -, wird Flamin verhaftet. Seine Mutter reist aus London an, die Verhältnisse lichten sich.

Am Ende haben die beiden männlichen Hauptfiguren die Positionen getauscht: Flamin fügt sich in seine neue Rolle als adeliger Fürstensohn. Viktor dagegen entpuppt sich als Kind der Eymanns und lebt fortan als Bürgerlicher mit Klotilde. Auch der fünfte Sohn des Fürsten Januar, der während des gesamten Romans vermisst wird, wird gefunden. Es ist: niemand geringerer als der Erzähler selbst, der sich nun also »Jean Paul von Januar« nennen darf.

[Jean Paul, HESPERUS]

Flamin, wild wie ein englischer Garten, aber fruchttragender, erquickte sich und andere mit der Schilderung von Viktors sanfter Treue und Redlichkeit und von seinem Kopf und pries sogar sein Dichterfeuer, das er sonst nicht hochschätzte. [...] Die Kaplänin erzählte nun so viel von Viktor, als alle schon wußten. Aber dieses Wiederholen der alten Geschichte ist eben der schönste Reiz des häuslichen Gesprächs. Wenn wir süße Gedanken uns selber oft ohne Langweile wiederholen können, warum soll sie nicht auch der andere öfters in uns erwecken dürfen? - Die gute Frau schilderte ihren Kindern, wie sanft und weich, wie zärtlich und weiblich ihr lieber Sohn sei (denn Viktor nannte sie immer seine Mutter) - wie er sich überall auf sie verließ - wie er immer scherzte, ohne jemand zu necken, und immer alle Menschen, sogar die fremdesten, liebte - und wie sie vor ihm besser als vor irgendeiner Matrone ihr gedrücktes Herz aufschließen konnte und wie gern er mit ihr weinte. - Ein Hofapotheker mit einem Bimsstein-Herz - Zeusel schreibt er sich - sah dieses Zerfließen der wärmsten Seele sogar einmal für eine Tränenfistel an, weil er glaubte, keine andere Augen könnten weinen als kranke.... Lieber Leser, ist dir jetzo nicht wie dem Lebensbeschreiber, der nun den Eintrit dieses guten Viktors in die Kaplanei und Lebensbeschreibung kaum erwarten kann?

Siebenkäs und Leibgeber

Die Handlung von Jean Pauls Roman SIEBENKÄS (1796, Leseprobe) beginnt mit der Hochzeit des Armenadvokaten Firmian Stanislaus Siebenkäs. Doch bevor der Pfarrer dem Paar seinen Segen geben kann, werden die Verlobten, das Publikum und auch der Erzähler »Jean Paul« abgelenkt: Auf der Empore steht christusgleich Heinrich Leibgeber, der Siebenkäs so ähnlich sieht, dass viele ihn zunächst für dessen Geist halten. Leibgebers Hochzeitsgeschenk ist ein Scherenschnitt der Braut Lenette. Für solch papierne Porträts kennt man Leibgeber; daher rührt vielleicht auch der Name der Figur.

Siebenkäs und Leibgeber sind mehr als nur beste Freunde. Der Erzähler nennt sie eine »Gütergemeinschaft des Körpers und Geistes« und »Parodien und Kopeien voneinander«. Tatsächlich haben die beiden vor Jahren die Namen getauscht. Firmian Siebenkäs hieß einst Heinrich Leibgeber und Heinrich Leibgeber einst Firmian Siebenkäs. Die unglückliche Folge dieses freundschaftlichen Identitätstauschs: Siebenkäs kann die ihm zustehende Erbschaft nicht antreten, da sie auf Heinrich Leibgeber lautet.

Während des »Zweiten Bändchens« des Romans zerbricht Siebenkäs´ Ehe an der Armut, die Leibgeber nur hier und da mit Geldsendungen mildern kann. Erst zu Beginn des dritten Teils taucht Leibgeber wieder leibhaftig auf. Er zitiert Siebenkäs nach Bayreuth, stellt ihm dort die zauberhafte Natalie vor und schlägt ihm vor, den Scheintod zu sterben - um als Heinrich Leibgeber (und damit Junggeselle) weiterzuleben. Leibgeber selbst, eine »wilde, weltbürgerliche Seele«, wird untertauchen. Der Plan geht auf, und nachdem Leibgeber ein zweites Mal als Geist auftritt - um den Vormund zur Auszahlung der Erbschaft zu ängstigen - verschwindet er in die weite Welt. Siebenkäs hat seinen Geburtsnamen Heinrich Leibgeber wieder, und zu Natalie knüpfen sich erste zarte Bande.

[Jean Paul, SIEBENKÄS]

Ich sehe zwar jetzo das geliebte Paar am Altargeländer knieen und könnte dasselbe wieder mit meinen Wünschen, wie mit Blumen, bewerfen, besonders mit dem Wunsche, daß beide den Eheleuten im Himmel ähnlich werden, die allemal, nach Swedenborgs Vision, in einen Engel verschmelzen - wiewohl sie auf der Erde oft in der Hitze auch zu einem Engel, und zwar zu einem gefaltnen einkochen, woran des Weibes Haupt, der Mann, den stößigen Kopf des Bösen vorstellt - noch einmal wünschen könnt´ ich, sag´ ich; aber meine Aufmerksamkeit wird, so wie die aller Trauzeugen, auf eine außerordentliche Begebenheit und Vexiergestalt hinter der Liedertafel des Chors gelenkt. - -

Droben guckt nämlich herunter - und wir sehen alle in der Kirche hinauf - Siebenkäsens Geist, wie der Pöbel sagt, d.h. sein Körper, wie er sagen sollte. Wenn der Bräutigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. - - Die Welt irrt; rot wurd´ er bloß. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloß um ihn zwölf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamer Seelen gab es nicht oft. - Dieselbe Verschmähung der geadelten Kinderpossen des Lebens, dieselbe Anfeindung des Kleinlichen bei aller Schonung des Kleinen, derselbe Ingrimm gegen den ehrlosen Eigennutz, dieselbe Lachlust in der schönen Irrenanstalt der Erde, dieselbe Taubheit gegen die Stimme der Leute, aber nicht der Ehre, dies waren weiter nichts als die ersten Ähnlichkeiten, die sie zu einer in zwei Körper eingepfarrten Seele machten.

Vult und Walt

Jean Pauls Roman FLEGELJAHRE (Leseprobe) beginnt mit der Eröffnung des Testaments des »Haßlauer Krösus« Van der Kabel. Die »sieben noch lebenden weitläufigen Anverwandten von sieben verstorbenen weitläufigen Anverwandten« werden enttäuscht, denn zum Alleinerben wird Gottwalt Harnisch, genannt »Walt«, bestimmt. Eine der vielen Klauseln des Testaments: Walt muss Van der Kabels Lebensstationen nachleben - was die sieben »enterbten Erben« in der Folge zu verhindern versuchen.

Die 13. Klausel des Testaments verlangt die Beauftragung eines Autors, »die Geschichte und Erwerbzeit meines möglichen Universalerben und Adoptivsohns, so gut er kann, zu schreiben.« Die einzelnen Kapitel sollen dabei mit den Stücken aus dem Naturalienkabinett Van der Kabels betitelt werden. Dass diese Klausel erfüllt wird, beweist der Roman selbst: Die Kapitel tragen Überschriften wie »Nro. 1. Bleiglanz« oder »Nro. 20. Zeder von Libanon«, und Kapitel »Nro. 2. Katzensilber« enthält die Zusage eines gewissen »J. P. F. Richter«, den Roman zu schreiben.

Der Autor erläutert die Familiengeschichte der Harnischs: Das Heimatdorf namens Elterlein stand unter der Herrschaft zweier Herren, deren Grenze durch das Haus der Harnischs verlief. Wegen der Gerechtigkeit gebar seine Mutter Walt auf der einen Seite und dessen Zwillingsbruder auf der anderen Seite. Letzterer wird wegen eines väterlichen Stoßseufzers »Quod deus vult« getauft und »Vult« genannt. Er ist seit vielen Jahren verschollen, nachdem er sein Jurastudium abgebrochen hat und musizierend in die Welt gezogen ist.

Im Kapitel »Nro. 13. Berliner Marmor« treffen die Brüder aufeinander: Der zufällig anwesende Flötenspieler Vult van der Harnisch ist Walts Zwillingsbruder. Schnell fassen sie den Plan, gemeinsam einen Roman zu verfassen: »Ein Paar Zwillinge müssen, als ihr eigenes Widerspiel, zusammen einen Einling, ein Buch zeugen, einen trefflichen Doppelroman.« Gesagt getan, der Roman im Roman trägt den Titel HOPPELPOPPEL. Ob sich ein Verleger des Werks erbarmt und ob Walt seine Erbschaft antreten kann, bleibt am Ende offen.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik & Katrin Schuster