Sixties' Sex Sells: Siegfried (Sigi) Sommer

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"Swinging London": Teenagers in Londons Carnaby Street, ca. 1966

1914 in München geboren, aufgewachsen in Sendling, macht Siegfried Sommer zunächst eine Ausbildung zum Elektrotechniker und betätigt sich zugleich früh als Autor: 1937 erscheint seine Kurzgeschichte Der Bart in der Zeitschrift Jugend. Nach seiner Heimkehr von der Kriegsfront beginnt der Amateurboxer 1945 als Sport- und Lokalreporter für die Süddeutsche Zeitung. Von 1948 bis 1987 schreibt er für die Abendzeitung seine satirische Kolumne Blasius der Spaziergänger und avanciert zu einem der beliebtesten Journalisten Münchens. So würdigt auch eine lebensgroße Bronzestatute des Bildhauers Max Wagner Person und Werk Sigi Sommers in der Münchner Rosenstraße: als Spaziergänger mit einer Zeitung unter den Arm geklemmt, in Anlehnung an seine Blasius-Figur. Besonderes Merkmal seiner Rede: die bayerische Mundart in ihrer speziellen Giasinger Spielart. In etwa 6.000 Folgen porträtiert Sommer mit den Augen seines Flaneurs den Alltag in der bayerischen Landeshauptstadt. Und sein erster Roman Und keiner weint mir nach (1953) wird von Bertolt Brecht als der beste Nachkriegsroman gelobt. 1956 folgt Meine 99 Bräute, verfilmt von Alfred Vohrer.

Die Sexwelle der '68er findet einen Höhepunkt in der Uraufführung der deutschen Adaption des Musicals Hair (s. Kap. Demokratisierung des Theaters). Eine neue Bühne, die sich bereits namentlich der neuen Freizügigkeit verschreibt, ist das Theatron Erotica. Das Repertoire umfasst Stücke wie Guy de Maupassants Am Bettrand, Picassos Einakter Wie man Wünsche am Schwanz packt und Michael McClures Hippie-Stück Der Bart. Auch die Kammerspiele reiten auf der Welle mit: So widmet sich Siegfried Sommers Marile Kosemund, uraufgeführt am 5. Dezember 1969 in den Kammerspielen, den Abarten des menschlichen Sexualverhaltens. Marile ist das unbekümmerte, frohsinnige aber gegenüber ihrer Mutter aufmüpfige Mädchen aus der Vorstadt, gespielt von Jutta Schwarz, das in den verklemmten und homosexuellen Leo verschossen ist. In Anbetracht der Aussichtslosigkeit dieser Romanze arrangiert die Freundin Hanne ihre Entjungferung mit einem ekelerregenden Klempner:

[W]ie lang willst du denn mit dem Glump noch herumlaufen. Das will doch kein Mensch mehr heut. Vielleicht in die Ehe mitbringen als Mitgift, was? Aber da mußt doch die Erfahrung mitbringen, du Tschapperl. Nur das zählt ganz allein.

(Siegfried Sommer: Marile Kosemund. Ein Vorstadt-Stück. München 1968, S. 7.)

Wie Marile über ein altes Dokument aus der Untersuchungshaft stolpert, aus dem hervorgeht, dass ihr Großvater der Unzucht bezichtigt worden und ihr tatsächlicher Erzeuger ist, ist sie erschüttet und fühlt sich erniedrigt.

Dann ist also mein Großvater mein Vater. Demnach ist also mein leibhaftiger Vater eine Sau. Und meine leibhaftige Mutter ist auch eine Sau. Also bin ich selber schon als Sau geboren worden. Nein, nicht geboren. Denn Schweine werden doch geworfen. [...] Und drum treibt´s also meine Mama so hysterisch mit dem lieben Gott. [...] Und drum muß auch ich immer beten und in die Kirche rennen. Weil wir alle Säue sind und eigentlich in den Schweinestall gehören würden, aber nicht in die Kirche. [...] Jetzt weiß ich wenigstens, was ich wert bin. Und wie ich leben muß.

(Ebda., S. 58f.)

Kosemund prostituiert sich. An die Ehe glaubt sie ebenso wenig wie an die Liebe, dafür ist sie frei und gut im Geschäft – und tief gesunken. Ihrem Tod bei einem ihrer Freier geht eine Begegnung mit dem Pfarrer voraus, der sie kurz darauf beerdigen wird. Das Gespräch ähnelt einer Anklage:

Ich wollt Ihnen schon lang was sagen [...]. Also, ich soll Vater und Mutter ehrn, heißt’s. Können Sie mir vielleicht sagen, welchen Vater ich da ehren soll? Und welche Mutter? Seit wann soll man denn Schweine ehrn. [...] [W]as soll denn schon bei solchen Eltern für ein Kind herauskommen. Da kann doch kein unschuldiger lieblicher Schmetterling herauskommen. Oder ham Sie schon amal einen Schmetterling gesehn, der grunzt. Oder ein Schwein, das fliegt?

(Ebda., S. 121.)

Die Resonanz war verhalten. Vielleicht hat die Entstehungsgeschichte das Stück unter einen schlechten Stern gerückt. Hervorgegangen war die Idee nicht aus einer furiosen Inspiration, sondern aus einem gemütlichen Biergartenbesuch mit August Everding und Hans-Jochen Vogel. Der Oberbürgermeister übertrug ihm den Auftrag für ein Bühnenstück – quasi ein blinder Vertrauensbeweis für die Fähigkeiten Sommers. Da einzelne Szenen in der Abendzeitung bereits vorabgedruckt worden waren, war der Andrang bei der Premiere entsprechend groß, der Beifall jedoch mau. Über elf Aufführungen kam das Stück nicht hinaus. Ungeachtet dessen ist Marile Kosemund ein wichtiges Zeugnis des veränderten Umgangs mit Sexualität, wie ihn das Klima von 1968 heraufbeschwört. Eine Zote jagt die nächste, wie die beiden Freundinnen einer Jungen-Clique begegnen: „Gott schütze unser Hannchen vor Regen und Sturm – und vor dem bösen Hosenwurm“ (ebd., S. 14) oder: „Kosemund macht warm von unt‘“ (ebd. S. 18).

In den 99 Bräuten wird der Reigen vorweggegriffen: Der Casanova Nicki betört eine Frau nach der nächsten, bis er allerdings doch seine Sandkastenfreundin Irmelin heiratet – die 100. Braut und einzige tatsächliche Gattin, der er schon mit neun Jahren die Ehe versprochen hat. Zugleich stellt das Stück der Kosemund aber auch überkommene Moralvorstellungen in Frage. Mag das offen sexualisierte Vokabular hervorstechen, so ist Marile Kosemund ganz allgemein als eine Kritik an gesellschaftlichen Normen zu verstehen, an denen das Individuum zerbricht.


Verfasser: Monacensia im Hildebrandhaus / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Petzet, Wolfgang (1973): Theater. Die Münchner Kammerspiele. 1911-1972. München.



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