Hotels, Gasthäuser, Pensionen, Sommerresidenzen

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Das Landhaus der Familie Horváth in Murnau, um 1925 (Archiv Monacensia)

Das „Fremdenverkehrsamt“ vermittelte „Fremdenzimmer“ und „Fremdenführer“, in denen zu lesen war: „Der Sommerfrischler von heutzutage ist meist ein gar anspruchsvolles Wesen. Er wünscht mit dem Sommeraufenthalt neben der Erholung verbunden eine schöne Reise, am Platze eine schöne billige Wohnung, gute Verpflegung, angenehme Unterhaltung, ozonreiche Luft, schattige Spazierwege, herrliche Umgebung, heilkräftige Bäder: Kneipps Jünger wünschen auch große Grasflächen; Sportsmänner verlangen Gelegenheit zum Scheibenschießen und Fischen, Rudern, Schwimmen, Turnen, Velozipedfahren und Bergsteigen etc. etc. All dies bietet in recht reichem Maße Murnau am Staffelsee. Also auf und wage es wenigstens einmal mit einem Versuche! Es wird Dich nie und nimmermehr gereuen.“

Um 1910 betrug die jährliche Durchschnittsfrequenz der zwei Murnauer Badeanstalten am Staffelsee 30000 Besucher. Gebadet wurde streng nach Geschlechtern getrennt. Die Malerin und Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow kam im Sommer mit ihrem Sohn Bubi und Freunden gerne an den Staffelsee. Die Sommerfrische dort erinnerte sie an ihre Kindheit in Husum. In ihr Tagebuch notiert sie am 26. Juni 1901: „Samstag nach Murnau, A., Somi und ich. Bei großer Hitze dort gleich gebadet, nachher gerudert. Ich, Baschl und Bubi über den See gefahren, an Jugendzeit gedacht, wo ich den halben Tag auf dem Wasser war [...] Abends auf der Promenade. Bubis Entzücken über die schönen Frauen und Kostüme.“

Links: Landhaus Ludwig Thoma, Rottach am Tegernsee. Bestand Ludwig Thoma (Archiv Monacensia). Mitte: „Großstadtpflanzen“, Zeichnung von Ludwig Kainer. Simplicissimus Sonderausgabe Sommerfrische, Jg.18., Heft 18, 1913. Rechts: Innenansicht von Ludwig Thomas Landhaus auf der „Tuften“ in Rottach, o.D. (Archiv Monacensia).

Bevorzugt hielt sich Franziska zu Reventlow im Isartal auf, wo sie bisweilen in Schäftlarn in der Klosterwirtschaft gegenüber dem Benediktiner-Kloster logierte. Ihre autobiografische Erzählung Von Paul zu Pedro von 1912 bezeugt, dass der Aufenthalt in der Sommerfrische genügend Raum für amouröse Abenteuer bot. Die Bewegung in der frischen Luft, die lauen Sommerabende, die Gespräche auf der Hotelveranda, die Sonnenuntergänge in der Natur taten ihr Übriges, dass sich die Sinne so ganz entfalten konnten. Lebenshungrige höhere Töchter und frustrierte Ehefrauen trafen ganz entspannt auf Junggesellen und Ehemänner, die auf Abwechslung aus waren. Franziska zu Reventlow nennt diesen Typ von Mann „Paul“: „Man lernt ihn in Sommerfrischen, in Hotels und auf Reisen kennen: an einem festen Wohnort – nein, ich glaube kaum, höchstens wenn er sich vorübergehend dort aufhält. Zu Paul gehören immer Koffer und Kellner. [...] Es dauert auch nie sehr lange, bis man sich kennt, duzt (mit Paul muß man sich duzen, es geht nicht anders) und ganz genau weiß, wie sich nun alles entwickeln wird [...] Paul ist auch selten eifersüchtig, wahrscheinlich, weil er sich seiner wechselvollen Vergänglichkeit dunkel bewußt ist.“


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 14-16.



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