Die engelschöne Olimpia

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E.T.A.-Hoffmann-Haus, Bamberg (c) Gunna Wendt

In seinem zweiten Brief berichtet Nathanael seinem Freund Lothar von einer eigentümlichen Beobachtung.  

Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, dass die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt lässt. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände zusammengefaltet, gelegt hatte.

Das sie genau gegenüber des Türfensters saß, konnte er direkt in ihr „engelschönes Gesicht“ blicken. Erstaunlicherweise schien sie ihn nicht zu bemerken.

[...] und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, dass die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, dass durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf. – Am Ende hat es eine Bewandtnis mit ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst.

Mit diesem Brief endet die Korrespondenz, ein Erzähler, der sich als Freund Nathanaels vorstellt, übernimmt die weitere Schilderung des Geschehens und spricht den „günstigen, geneigten Leser“ direkt an. Olimpia wird für Nathanael zur Obsession. Er kann an nichts anderes mehr denken.

Wohl fiel es ihm endlich auf, das Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung, wie er sie einst durch die Glastüre entdeckte, ohne irgend eine Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und dass sie offenbar unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute; er musste sich auch selbst gestehen, dass er nie einen schöneren Wuchs gesehen [...]

Auf dem von Professor Spalanzani veranstalteten Ball tanzt Nathanael mit Olimpia, bewundert ihre „helle, beinahe schneidende Glasglockenstimme“. Selbst ihre Einsilbigkeit – sie antwortet auf Nathanaels Fragen nur mit „Ach – Ach“ ändert nichts an seiner bedingungslosen Anbetung. Andere Ballgäste sind längst misstrauisch geworden – es kommt ihnen vor, „als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen“.

Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz.

Erst als Nathanael Zeuge eines Streits zwischen Spalanzani und Coppola um Olimpia wird, erkennt er, dass diese eine Automate ist.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt