Regina Ullmann – Behinderung als das Hilfreiche und Wesentliche: „Ein Erblindeter“

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Vincent van Gogh (1853-1890): Weizenfeld mit Schnitter bei aufgehender Sonne, Öl auf Leinwand, 1889

Unter den Titeln, die Regina Ullmanns 1919 im Insel-Verlag erschienenen Gedichtband füllen, behandelt eines expressis verbis das Thema Blindheit: „Ein Erblindeter“. Doch anders als vermutet sind nicht die Augen nicht-sehend, sondern die Hände! Das Gedicht handelt von einem Schmetterling bzw. Blatt, der/das in die „unsehenden Hände“ des lyrischen Ichs fliegt, die ihn/es nicht mehr loslassen wollen, bis „das kleine Unerkannte“ vom Wind wieder fortgetragen und das Ich in „himmlischer Geduld“ zurückgelassen wird:

Als es Nacht wurde
und ich traurig in mich versunken,
wie ein Abgrund,
nur noch den Sekunden lebte,
und Stund und Tag auch nicht mehr war
und Jahreszeit und Jahr,
und nur noch der Ewigkeit ungangbare Wüsten
mein Fuß betastete,
o da flog ein Schmetterling
oder ein Blatt
in meine unsehenden Hände!
Und sie hielten's wie heilig in ihrer Mitte,
allein schon von der Möglichkeit berauscht,
daß mich, der ich nicht suchen kann,
die Dinge finden!
Als würde ich nun wie Gras und Blatt und Baum
Und es sähen mich die kleinen
grünschimmernden Käfer!
Und die Sensen in den Schnitterhänden
griffen sicher nach mir aus!
Und eines Vogels Flug
sei auf meinen schwanken Ast gerichtet;
von der Sonn beschienen,
die ihr Auge ist und ihre Hand
und auch ihr Fuß
und mütterlich sie alle im Wachstum weiter führt
bis zu eines Abfalls Reife
oder einem Tod –
die an ihre Stelle Erde Hingebannten!
Doch da nahm der Wind
das kleine Unerkannte mit hinweg
und ließ in meinen offenen Händen bloß
als eins der Ihrigen
und ihres Schöpfers ureigenste Natur
die himmlische Geduld.

(S. 92f.)

Die zentrale Botschaft des Gedichts ist einfach: Das Ich, das „nicht suchen kann“, wird von den „Dingen“ (erst) gefunden. Die Dinge leben nicht unabhängig vom menschlichen Sein, „sondern an ihnen ereignet sich menschliches Schicksal, in ihrem Bild verdichtet sich der Kern menschlichen Wesens“ (Hermann Kunisch). „Ein Erblindeter“ zeigt die Hohlform des noch nicht „zu seinem eigenen Wesen Hingezogenseins“ der Entrückten und (zugleich) Erfüllten auf. Das lyrische Ich ist traurig in sich „versunken“, als es von dem Unerkannten überraschend „berauscht“ wird:

Als würde ich nun wie Gras und Blatt und Baum
Und es sähen mich die kleinen
grünschimmernden Käfer!
Und die Sensen in den Schnitterhänden
griffen sicher nach mir aus!
Und eines Vogels Flug
sei auf meinen schwanken Ast gerichtet;

Dabei spielt es eine Rolle, dass „die an ihre Stelle Erde Hingebannten“ von der Sonne beschienen werden, da sie es ist, die sich ihnen anverwandelt – sehend, tastend, gehend, nährend bis zum Tode: „die ihr Auge ist und ihre Hand / und auch ihr Fuß / und mütterlich sie alle im Wachstum weiter führt [...]“. Am Ende des Gedichts sind aus den „unsehenden“ Händen „offene“ geworden; „als eins der Ihrigen und ihres Schöpfers ureigenste Natur“ nimmt die „himmlische Geduld“ darin jetzt Platz.


Verfasser: Dr. Peter Czoik / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Regina Ullmann: Ein Erblindeter. In: Dies.: Erzählungen, Prosastücke, Gedichte. Zusgest. von Regina Ullmann und Ellen Delp. Neu hg. v. Friedhelm Kemp. Bd. 1. Kösel-Verlag, München 1978, S. 92f.

Kunisch, Hermann (1979): Regina Ullmann. In: Ders.: Von der „Reichsunmittelbarkeit der Poesie“ (Schriften zur Literaturwissenschaft, 1). Duncker & Humblot, Berlin, S. 377-384.



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